Gewittersturm gegen Dschihadisten

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Bei Deir Al-Sor läuft eine Offensive gegen Reste des »Islamischen Staates«

Von Nick Brauns

Der Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) ist weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Doch im Süden und Südosten Syriens geht die Gefechte gegen die Reste der Miliz mit unverminderter Härte weiter. Nach Schätzungen des syrischen Militärs halten sich noch mehr als 1.000 IS-Kämpfer in der Region Suwaida und bis zu 10.000 Kämpfer in den Gouvernements Deir Al-Sor und Homs auf.

Seit Anfang vergangener Woche haben die Syrischen-Demokratischen Kräfte (SDK) in Deir Al-Sor die letzte Etappe ihrer vor einem Jahr begonnenen Offensive »Gewittersturm der Dschasire« eingeleitet. Ziel sei es, den »Terrorismus östlich des Euphrat zu beenden«, erklärte Liwa Al-Abdullah, die Sprecherin des Einsatzes. Der Fluss markiert in diesem an Erdöl- und Gasfeldern reichen Gebiet die Grenze zwischen dem von den SDK kontrollierten Selbstverwaltungsgebiet in Nordsyrien und den unter Kontrolle der Regierung in Damaskus stehenden Landesteilen.

Der IS beherrscht östlich des Euphrats nur noch eine 350 Quadratkilometer große Enklave zwischen den Orten Hadschin an der Grenze zum Irak, Al-Sosa und Al-Schefa. Doch bei den hier geschätzt 1.500 bis 2.000 verschanzten Islamisten handelt es sich um die kampferprobtesten, darunter viele ausländische Dschihadisten, sowie zahlreiche IS-Führungsmitglieder. So nahmen die SDK zu Wochenbeginn Ahmed Al-Said gefangen, einen der wichtigsten IS-Männer in der Region.

An der Offensive beteiligt sind auf Seiten der SDK die kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) und im Militärrat von Deir Al-Sor organisierte regionale arabische Stammeskrieger. Auch Einheiten der irakischen Armee sind eingebunden, um Absetzbewegungen der IS-Kämpfer über die Grenze zu unterbinden. Die letzte Etappe werde symbolträchtig von weiblichen Kämpferinnen angeführt, da Frauen unter der Herrschaft des IS einer besonderen Unterdrückung ausgesetzt und versklavt worden seien, erklärte Al-Abdullah. So konnten in den vergangenen Tagen bereits mehrere Jesidinnen befreit werden, die von IS-Kämpfern als Sklavinnen gefangengehalten wurden.

Seit Beginn der Offensive kommt es zu schweren Gefechten an mehreren Abschnitten der Front. Innerhalb von 24 Stunden seien 35 Dschihadisten getötet worden, meldeten die SDK am Dienstag. Der IS habe Dörfer und Straßen mit Sprengfallen und Gräben gesichert, die ein Vorrücken erschwerten, Selbstmordattentäter sorgten immer wieder für Verluste. Man richte sich auf eine schwierige und langandauernde Schlacht ein, erklärte Sean Ryan, Sprecher der US-geführten »Anti-IS-Koalition«. Diese unterstützt die SDK mit Artillerie und Luftangriffen.

Neben US-Soldaten sind offenbar auch französische Spezialeinheiten beteiligt. So veröffentlichte die US-Armee im Internet vor einer Woche zwei Fotos, auf denen im Hintergrund ein nur von der französischen Armee verwendeter gepanzerter Mannschaftstransporter vom Typ »Aravis« zu sehen ist, berichtete der französische Auslandssender France 24.

In der vom IS gehaltenen Enklave am Euphrat leben rund 60.000 Zivilisten, die von den Dschihadisten als lebende Schutzschilde missbraucht werden. Über Fluchtkorridore versuchen die SDK, die Bevölkerung aus dem Kampfgebiet zu evakuieren. Derartige Rücksichten nimmt Washington offenbar nicht. So bombardierten US-Kampfflugzeuge nach Angaben russischer Militärs die Stadt Hadschin mit Phosphorbomben, wie RT am 9. September meldete. Weder die USA noch die SDK haben sich bislang zum Vorwurf des »Russischen Zentrums für Versöhnung in Syrien« geäußert, dass dieser nach der Genfer Konvention verbotene Kampfstoff zum Einsatz gekommen sei.

Im Grenzgebiet zwischen den Gouvernements Homs und Deir Al-Sor gelang es der Syrischen Armee unterdessen, die letzten IS-Kämpfer in der Al-Badija-Wüste zu eliminieren, meldete die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA am Dienstag.

Aus: junge Welt 20.9.18


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