Kandil im Fadenkreuz

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Angriffe der türkischen Armee auf Hauptquartier der Arbeiterpartei Kurdistans im Nordirak

Von Nick Brauns

Vor einer Woche verkündete der türkische Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den Beginn einer Militäroperation gegen das Hauptquartier der Arbeiterpartei Kurdistans PKK in den Kandilbergen. Seitdem überschlagen sich türkische Regierungspolitiker und Medien mit vollmundigen Ankündigungen, man werde »der Schlange den Kopf abschlagen« und den »Sumpf im Nordirak austrocknen«.

Der Kolumnist Abdulkadir Selvi der Tageszeitung Hürriyet Daily News, die nach ihrer Übernahme durch die Erdogan-nahe Demirören Holding inzwischen als Regierungsblatt der seriöseren Sorte gelten muss, geht von einer klaren Kandil-Strategie der Türkei aus. Nachdem die Verbindungswege der PKK zwischen Kandil und der Türkei abgeschnitten seien, sollten mehrtägige massive Luftangriffe die Infrastruktur der Guerilla zerstören. Anschließend folge eine Bodenoperation. Sobald die PKK aus Kandil vertrieben sei, würde die türkische Armee Militärstützpunkte in dem Gebirge errichten. Aus den Eroberungsabsichten Ankaras macht Selvi keinen Hehl: »Die türkische Flagge, die in Kandil gehisst wird, wird wehen wie in den syrischen Regionen Dscharabulus, Al-Bab und Afrin.«

In Teilen dürfte es sich bei diesem Plan – wenn er nicht in Gänze der psychologischen Kriegführung zuzuordnen ist – um Wunschdenken handeln.
Die türkische Armee ist seit März mit 1.500 Mann einer Kommando- und einer Infanteriebrigade rund 30 Kilometer tief auf irakisches Territorium vorgedrungen und hat in der Sidekan- bzw. Bradost-Region im türkisch-irakisch-iranischen Grenzdreieck Dutzende Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht. Sie hat zudem elf Militärstützpunkte einschließlich einer Drohnenbasis errichtet, die als Infrastruktur für eine größere grenzübergreifende Operation dienen können. Aber die Invasionstruppen sehen sich nahezu täglich Angriffen der Guerilla ausgesetzt, bei denen nach PKK-Angaben in den letzten Tagen Dutzende Soldaten getötet wurden. Und bis zu den Ausläufern des Kandilgebirges sind es noch weitere 50 Kilometer durch schwer zu passierendes Bergland.

Der türkische Journalist Metin Gurcan kennt als ehemaliger Soldat die Region. Ohne aktive militärische Unterstützung des Iran, auf dessen Staatsgebiet ein Teil des Kandilgebirges reicht, und der Bagdader Zentralregierung könne eine türkische Operation keinen Erfolg haben, schreibt er in einer Analyse für das Internetportal Al-Monitor. Aber Teheran will keine türkischen Militärstützpunkte an seiner Grenze zum Irak, zumal mit dem iranischen PKK-Ableger PJAK seit 2011 ein Waffenstillstand besteht. So dementierte der iranische General Abolfazl Shekarchi vergangene Woche Behauptungen aus türkischen Regierungskreisen, sein Land würde eine türkische Militäroperation gegen Kandil unterstützen. Der Iran betrachte »militärische Aktionen auf ausländischem Territorium ohne die Genehmigung der jeweiligen legitimen Regierung auch unter dem Vorwand des Antiterrorkampfes als illegal«, wird der General von Firat News zitiert.

Die irakische Regierung selbst bezeichnet die türkische Militärpräsenz im Nordirak als illegal. Allerdings verfügt Bagdad innerhalb der kurdischen Autonomieregion über keine eigenen Truppen. Und die wirtschaftlich von der Türkei abhängige Kurdische Regionalregierung in Erbil schweigt zum türkischen Vormarsch durch ihr Territorium.

Für ihre Luftangriffe im Irak kann die Türkei auf Echtzeitdaten der US-Luftaufklärung über PKK-Bewegungen zurückgreifen. Während daher mit einer Fortsetzung des Luftterrors gegen Kandil und verstärktem Drohneneinsatz zu rechnen ist, erscheint eine großangelegte Bodenoffensive derzeit eher unwahrscheinlich. Denkbar ist eine begrenzte Luftlandeoperation. Rechtzeitig vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am nächsten Sonntag könnte eine Kommandoeinheit auf einem entlegenen Gipfel des Kandilmassivs die türkische Fahne aufziehen und der türkischen Öffentlichkeit so einen scheinbar spektakulären Erfolg vorgaukeln.

aus: junge Welt vom 19.6.2018


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