Afrika trotzt Ankara

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Protest gegen Erdogans Einfluss auf Zypern nach faschistischem Überfall auf linke Tageszeitung Afrika

Von Nick Brauns

Im türkischsprachigen Norden der seit der türkischen Invasion 1974 geteilten Mittelmeerinsel Zypern beginnt sich Widerstand gegen die Bevormundung aus Ankara zu regen. Vor dem nordzyprischen Parlament der Hauptstadt Nikosia (Lefkosa) kam es am Freitag abend zu den größten politischen Protesten gegen die Besatzungsmacht seit mehr als einem Jahrzehnt. Rund 5.000 Menschen schlossen sich einem Friedens- und Demokratiemarsch an, zu dem ein Bündnis aus rund 20 nordzyprischen Gewerkschaften, linken Parteien und Zivilorganisationen aufgerufen hatte. Die Demonstranten, darunter auch einige griechische Zyprioten, skandierten »Wir wollen unser Land zurück!« und »Schulter an Schulter gegen den Faschismus!« Mitglieder einer kommunistischen Organisation forderten offen einen Abzug der türkischen Besatzungstruppen.

Unmittelbarer Anlass des Protests war der Angriff eines türkisch-nationalistischen Mobs auf die Redaktion der kleinen unabhängigen Tageszeitung Afrika am Sonntag vor einer Woche. Die linksgerichtete Zeitung hatte in ihrer Schlagzeile den türkischen Krieg gegen den kurdischen Kanton Afrin in Nordsyrien mit der türkischen Invasion Nordzyperns im Jahr 1974 verglichen und als neue Besatzungsoperation bezeichnet. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete Afrika daraufhin auf einer Kundgebung in der westtürkischen Stadt Bursa als »schamlos« und erklärte, seine »Brüder« auf Zypern würden »die notwendige Antwort geben«. Kurz danach verwüsteten rund 500 Anhänger der faschistischen »Grauen Wölfe« und islamistische Siedler das Redaktionsbüro in Lefkosa. Nur das Eingreifen der Polizei konnte verhindern, dass Afrika-Herausgeber Sener Levent und andere Mitarbeiter, die sich in den Redaktionsräumen verschanzt hatten, gelyncht wurden. Hunderte Menschen fanden sich in den nächsten Tagen vor dem Gebäude ein, um die Redaktion vor weiteren Übergriffen der »Grauen Wölfe« zu schützen.

»Der äußerst gewalttätige Angriff war für die türkischen Zyprioten sehr erniedrigend, da sie sich in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher fühlen«, schilderte der Vorsitzende der linksgerichteten Lehrergewerkschaft, Sener Elcil, gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian die Wirkung des Überfalls. »In der Türkei sitzen alle Intellektuellen, Journalisten und Schriftsteller im Gefängnis. Es gibt da keine Opposition mehr. Aber auf Zypern glaubt das Volk an Demokratie und Frieden.« Hinter dem Überfall vermutet er paramilitärische Verbände, die auf Weisung der türkischen Botschaft agieren. Das Außenministerium der Republik Zypern äußerte die Sorge, Erdogan versuche, zu Gewalt anzustacheln und so seine autoritäre Politik einschließlich der Unterdrückung von Meinungs- und Pressefreiheit auch im türkisch besetzten Teil Zyperns umzusetzen.

Die von mehr als 30.000 türkischen Soldaten besetzte Türkische Republik Nordzypern wird nur von der türkischen Regierung anerkannt und ist von deren finanziellen Zuwendungen abhängig. Viele türkische Zyprioten fürchten angesichts zahlreicher Neueröffnungen religiöser Schulen und Moscheen sowie Zehntausender sich oftmals aus einem religiös-nationalistischen Milieu aus Anatolien rekrutierender Siedler, die bereits rund 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, um ihre zypriotische Identität und ihren säkularen Lebensstil. Die fortgeschrittenen Verhandlungen zwischen dem konservativen Präsidenten der Republik Zypern Nikos Anastasiadis und seinem liberalen nordzyprischen Amtskollegen Mustafa Akinci über eine Wiedervereinigung der geteilten Insel wurden in den letzten Jahren systematisch von Ankara hintertrieben. Insbesondere die in der Türkei mit Erdogans »Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung« (AKP) in einer faktischen Kriegskoalition stehende faschistische Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) ist nicht bereit, Nordzypern als traditionelles Refugium ihrer »Grauen Wölfe« aufzugeben. So schlossen sich laut der Nachrichtenagentur Cyprus News Agency 50 Mitglieder einer nach dem langjährigen rechtsradikalen nordzyprischen Präsidenten Rauf Denktas benannten Vereinigung aus Nordzypern als Freiwillige dem türkischen Angriff auf Afrin an.

Aus junge Welt vom 30.1.2018


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