»Möchte betonen, dass wir ein Teil Syriens sind«

Kurden dementieren Meldungen über Expansionspläne ans Mittelmeer. Ein Gespräch mit Hediye Yusif

Die Kurdin Hediye Yusif steht gemeinsam mit dem arabischen Politiker Mansur Selum dem im März 2016 gebildeten Rat der Demokratischen Föderation Nordsyrien (DFNS) vor. Dieses 151-köpfige Parlament ist die politische Vertretung der von den USA militärisch im Kampf gegen den sog. Islamischen Staat (IS) unterstützten Demokratischen Kräfte Syriens (DKS).

Ihre von mehreren Zeitungen zitierte Aussage, »an das Mittelmeer zu gelangen, ist unser Projekt für Nordsyrien« sorgte für Irritationen. Bestehen tatsächlich Expansionspläne bis an die 100 Kilometer westlich des kurdischen Siedlungsgebietes Rojava gelegenen Küste?

Ich habe vor einem Monat der britischen Tageszeitung The Guardian ein Interview gegeben, aber meine Äußerungen wurden in dem Blatt falsch wiedergegeben. Auf die Frage nach dem Zugang zum Mittelmeer hatte ich erklärt, dass dieser grundsätzlich wichtig für ganz Syrien sei und im laufenden Krieg aus strategischen Gründen von jeder militärischen Kraft angestrebt werde. Das gilt für den türkischen Staat ebenso wie für den IS und für Russland. Wir haben aber keinerlei Pläne, uns mittels einer Militäroperation Zugang zum Mittelmeer zu verschaffen.

Sie setzen also auch nicht, wie der Guardian schreibt, auf die Unterstützung der USA oder Russlands zur Schaffung eines Handelskorridors ans Meer?

Es gab von unserer Seite weder mit den USA noch anderen internationalen Kräften Gespräche bezüglich eines Handelskorridors zum Mittelmeer. Mit den USA, mit Russland und allen anderen Staaten, die sich mit Syrien beschäftigen, diskutieren wir aber, wie eine politische Lösung für das Land vorangebracht werden kann. Wir stellen Forderungen an diese Kräfte, denn wir wollen Demokratie und Frieden.

Es geht also nicht um eine Abtrennung der kurdischen Gebiete von Syrien, wie die türkische Regierung behauptet?

Ich möchte betonen, dass wir als Demokratische Föderation Nordsyrien ein Teil Syriens sind. Das ist auch so in unserem Gesellschaftsvertrag festgeschrieben. Wir handeln in Verantwortung für ganz Syrien und haben Vorstellungen, wie eine Lösung entwickelt werden könnte.

Die DFNS hat das Anfang Mai von Russland, der Türkei und dem Iran vereinbarte Astana-Abkommen als »Aufteilung der Vorherrschaft« über Syrien abgelehnt (siehe jW vom 16. Mai). Was schlagen Sie vor?

Wir setzen uns für ein demokratisch-föderales Syrien ein. Die Bildung der Demokratischen Föderation Nordsyrien stellt einen ersten wichtigen Schritt dar, um ganz Syrien zu zeigen, dass dieser sogenannte dritte Weg realisierbar ist. Seit dem Beginn des syrischen Aufstandes und Krieges haben wir mittels der Demokratischen Gesellschaftsbewegung TEV-DEM, der die Partei der Demokratischen Union PYD angehört, überall Räte und andere Strukturen der direkten Demokratie aufgebaut. Seit mehr als drei Jahren gibt es die demokratische Selbstverwaltung in den Kantonen Cizire, Kobani und Afrin. In Nordsyrien wird eine Gesellschaft in fortschrittlicher demokratischer Form ganz neu aufgebaut. Wir denken inklusiv und richten uns gegen Ausgrenzung und Unterdrückung. Jede Identität hat Platz im neuen System. Gegen Nationalismus und religiöse Diskriminierung stellen wir die Geschwisterlichkeit der Kurden, Araber, Assyrer, Turkmen, Armenier und Tscherkessen. Und damit haben wir Fortschritte erzielt. Die Befreiung der Frau versuchen wir auch dadurch voranzubringen, dass wichtige Ämter stets mit einer Doppelspitze aus Frau und Mann besetzt werden.

Sehen Sie keinen Widerspruch zwischen dem Aufbau eines solchen demokratischen Systems und der militärischen Kooperation mit den USA?

Unsere Beziehungen mit den USA betreffen den Kampf gegen den IS. Das von uns aufgebaute neue Gesellschaftsmodell ist davon keineswegs betroffen, das heißt, wir müssen keine Abstriche machen. Beide Seiten haben ihre Interessen, das sagen wir auch ganz klar. Unser Bündnis mit den USA ist nicht strategisch und unsere Beziehungen sind die zwischen Parteien auf gleicher Augenhöhe. Es ist daher absurd zu behaupten, dass wir von den USA ausgenutzt werden. Wir haben einen gut entwickelten, äußerst demokratischen Gesellschaftsentwurf, den niemand von außen so einfach ändern kann. Das bleibt auch so, wenn wir mit dem Baath-Regime ernsthaft über ein neues Syrien verhandeln sollten.

Interview: Nick Brauns / Ercan Ayboga
junge Welt vom 23. Mai 2017


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