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Konferenz »Die kapitalistische Moderne herausfordern« in Hamburg: Gesellschaftliche Organisierung jenseits von Staat, Macht und Gewalt

Von Claudia Wangerin

Von der kurdischen Frauenrechtsaktivistin über die Vertreterin der Landlosenbewegung in Brasilien bis zum britischen Gewerkschafter – die Revolution in Rojava, dem kurdisch-multiethnischen Selbstverwaltungsgebiet, das 2016 zur Demokratischen Föderation in Nordsyrien ausgerufen wurde, ist weltweit Bezugspunkt für viele Menschen, die heute Alternativen zum Kapitalismus erkämpfen wollen. Unter dem Motto »Die kapitalistische Moderne herausfordern« trafen sich am Wochenende gut 650 von ihnen in den Räumen der Universität Hamburg. Einige waren erst um die 20 Jahre alt oder noch jünger – andere, wie der kurdische Autor und Aktivist Fuat Kav, hatten für ihre Überzeugung schon 20 Jahre im Gefängnis verbracht. »Wir Gefangenen hatten den Staat ideologisch entschlüsselt«, so der heute 58jährige, der nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 inhaftiert und gefoltert worden war. Sein Thema am Samstag: Revolution machen trotz Staatsterror. An die heutigen Gefangenen, die sich in der Türkei seit mehr als 60 Tagen im Hungerstreik befinden, wurde zu Beginn fast jeder Rede erinnert. Zilan Yagmur, die in Deutschland aufwuchs und seit drei Jahren im kurdischen Studierendenverband YXK aktiv ist, bezog sich in einer Ansprache über Wege des Widerstands auf Wladimir Iljitsch Lenin, Rosa Luxemburg und Abdullah Öcalan, den Gründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), der seit 1999 auf der türkischen Insel Imrali in Einzelhaft sitzt. »Free Öcalan« stand an diesem Wochenende auf einem rund drei Meter hohen Transparent im Audimax der Uni Hamburg. Der prominentesten Gefangene aus der kurdischen Befreiungsbewegung hat in der Haft das Buch »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« geschrieben, das 2010 auf Deutsch erschienen ist. Das Selbstverwaltungsmodell in Rojava ist ein Versuch, die darin beschriebene Idee des demokratischen Konföderalismus umzusetzen. Das Werk war bereits Inspirationsquelle für die erste Konferenz dieser Art im Jahr 2012 und eine zweite im Jahr 2015. Die Beteiligung junger Linker aus Deutschland selbst hat laut Organisationsteam jedes Mal zugenommen. Das gemeinsame Ziel: die Verdrängung und Überwindung des Nationalstaats von unten. Nicht etwa seine Ablösung durch eine Herrschaft supranationaler Bürokratien oder einen Zustand, in dem nur noch das Recht des Stärkeren gilt. »Demokratische Moderne entfalten – Widerstand, Rebellion, Aufbau des Neuen« lautete der Untertitel der diesjährigen Konferenz.
In junge Welt vom 18.4.17 weiterlesen


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