Razzia bei Erdogans Rockern

»Osmanen Germania«. Hinweise auf Kontakte zum türkischen Geheimdienst

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Von Nick Brauns

Mehr als 1.000 Polizisten einschließlich Sondereinsatzkommandos (SEK) durchsuchten am Mittwoch mehr als 50 Klubräume, Büros und Wohnungen des rockerähnlich auftretenden »Boxclubs Osmanen Germania«. Gesucht wurde bei den Razzien in Hessen, Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachen und Hamburg laut Angaben der Staatsanwaltschaft Darmstadt und des hessischen Landes­kriminalamtes nach Schusswaffen, Munition und Drogen. Es gab mehrere Festnahmen.

Es bestehe der Verdacht der Verabredung zu Verbrechen, erklärte ein Polizeibeamter gegenüber bild.de. »Den Ermittlungsbehörden liegen Erkenntnisse vor, dass Mitglieder der ›Osmanen‹ enge Kontakte zum türkischen Geheimdienst pflegen sollen.« Zudem bestehe die Gefahr, dass Waffen, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, wie etwa Maschinenpistolen, gegen kurdische Gruppierungen in Deutschland eingesetzt werden könnten. In den letzten Monaten war es mehrfach zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen »Osmanen Germania« und der sich als antifaschistisch verstehenden kurdischen Rockergruppe »Bahoz« gekommen.

Die im Mai 2015 gegründete Gang, der vornehmlich aus der Türkei stammende Mitglieder angehören, gilt als die am schnellsten wachsende Gruppierung im Rockermilieu. Nach eigenen Angaben gehören ihr in Deutschland 2.500 Mitglieder sowie weitere 1.000 im europäischen Ausland an. Anders als traditionelle Rocker fahren die »Osmanen«, unter denen sich zahlreiche Kampfsportler finden, nicht Motorrad, übernahmen aber die Strukturen und das Auftreten von Motorradklubs. Die Gründung der »Osmanen Germania« geht ursprünglich wohl auf Machtkämpfe zwischen türkischen und deutschen Cliquen innerhalb des Rockerklubs »Hells Angels« zurück. Auf ihrer Facebook-Seite präsentieren sich die martialisch wirkenden, boxkampferprobten »Osmanen« als wohltätige Vereinigung, die gefährdete Jugendliche von der Straße holt. Ein Video zeigt sie vermummt und »Allahu akbar« rufend.

Anfangs hatten sie sich unter Verweis auf ihre multiethnisch zusammengesetzte Mitgliedschaft noch gegen nationalistische Äußerungen positioniert. Doch zunehmend machte sich eine die vermeintliche rassische Überlegenheit des »Türkentums« betonende Politisierung der Gruppierung bemerkbar. Mehrfach traten »Osmanen« als Ordner auf antikurdischen Demonstrationen auf. Am 10. April verprügelten sie am Rande einer von Unterstützern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan organisierten Demonstration in Stuttgart kurdische Gegendemonstranten. Auch bei der von der Auslandsvertretung der türkischen Regierungspartei AKP organisierten Großkundgebung gegen die Bundestagsresolution zum Genozid an den Armeniern fand sich Anfang Juni ein rund 100köpfiger »Osmanen-Block« am Brandenburger Tor in Berlin ein. Die Nähe zu starken Männern scheint auch die Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Hamburg, Nebahat Güclü zu suchen. Auf seinem Facebookauftritt ist der Chef der »Osmanen Germania Norddeutschland«, Müslüm C., mehrfach gemeinsam mit der Bürgerschaftsabgeordneten zu sehen, die die Grünen vergangenen Jahr nach Kritik an ihrem Wahlkampfauftritt bei den Grauen Wölfe verlassen hatte.

Vertreter der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP) in Deutschland hatten gegenüber junge Welt schon länger die Befürchtung geäußert, dass die »Osmanen Germania« vom türkischen Geheimdienst MIT unterstützt werden. Eine solche Entwicklung gab es bereits mit den »Osmanli Ocaklari« (»Osmanen-Herden«) in der Türkei. Diese 2009 als Folkloretruppe gegründete Jugendorganisation wurde nach den Gezi-Park-Protesten im Sommer 2013 mit Hilfe des MIT zur Straßenkampfformation umgebildet, deren Rollkommandos während des Wahlkampfes im vergangenen Jahr hunderte HDP-Büros und die Redaktion der Tageszeitung Hürriyet verwüsteten.

junge Welt 10.11.16


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