Erdogans Privatarmee

Türkische Sicherheitsfirma steht im Verdacht, islamistische Söldner auszubilden und gegen Kurden einzusetzen

Von Nick Brauns

Oppositionspolitiker in der Türkei beschuldigen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, sich mit Hilfe einer Sicherheitsfirma eine Privatarmee aufzubauen. Bewohner kurdischer Städte im Südosten der Türkei hatten in den letzten Monaten immer wieder von arabischsprachigen Männern in den Reihen der Sondereinheiten von Armee und Polizei berichtet, die die „wie IS-Kämpfer“ aussahen. Solche Einheiten wurden auch gesichtet, als im Februar in der Stadt Cizre über 150 Zivilisten lebendig in Kellern verbrannt wurden.

Zuletzt berichtete die Co-Vorsitzende der Partei der Demokratischen Regionen (DBP) Sebahat Tuncel vom Einsatz einer solchen irregulären Truppe bei einer Militäroperation Anfang Juli in der südostanatolischen Provinz Diyarbakir. 34 Dorfbewohner waren bei einer Razzia im Kreis Lice verhaftet worden. „Dann kam eine Truppe. Alle bärtig, mit auf den Armen tätowierten arabischen Schriftzeichen. Sie hatten Benzin dabei und wollten die Bewohner des Dorfes verbrennen“, erzählte Tuncel dem Parteivorstand in Ankara, was sie unmittelbar nach Ende der Ausgangssperre in Lice vor Ort in Erfahrung gebracht hatte. Hätte ein Offizier der regulären Armee nicht sein Veto eingelegt, weil er die Verhaftungen der Bauern bereits gemeldet hatte, wären diese lebendig verbrannt worden. Es sei unklar, wem die irreguläre Einheit unterstand, aber der Name SADAT sei gefallen, so Tuncel.

Abgeordnete der linken und kemalistischen Opposition haben jetzt parlamentarische Anfragen zu den Verbindungen der in Istanbul ansässigen Firma SADAT International Defense Consulting zu Regierung und Armee gestellt. Bei SADAT handele es sich um den „Jitem“ der Regierungspartei AKP, meint der Co-Vorsitzende der Demokratischen Partei der Völker (HDP) Selahattin Demirtas. Jitem war ein für unzählige Morde an kurdischen Oppositionellen in den 90er Jahren verantwortlicher Geheimdienst der Militärpolizei. Doch während Jitem unter dem alten kemalistischen Regime als Teil des sogenannten „tiefen Staates“ agierte, sieht das neoliberalen AKP-Regime offenbar selbst die Bildung von Todesschwadronen als privatwirtschaftliche Aufgabe an.

Gegründet wurde SADAT, das als eine Art islamistisches Blackwater erscheint, Anfang 2012 durch den Brigadegeneral im Ruhestand Adnan Tanriverdi und 23 weitere Offiziere. Bei diesen handelt es sich mehrheitlich um Soldaten, die Ende der 1990er Jahre aufgrund „reaktionärer“, d.h. islamistischer Tendenzen aus der türkischen Armee ausgeschlossen wurden. Ziel von SADAT sei es, die islamischen Länder auf dem Gebiet der Verteidigung so zu unterstützen, damit diese nicht mehr „von westlichen imperialistischen Kreuzfahrerländern abhängig“ seien. So beschreibt Tanriverdi, der seinen Bart nach Art der Moslembrüder trägt, die Mission seiner Firma.

Auf seiner Website wirbt SADAT auch mit Ausbildung in „unkonventioneller Kriegsführung“ einschließlich Überfällen, Sabotage und Verschleppungen. „Was die Firma so besonders macht, ist das Feld ihrer Aktivitäten, das sie offen eingesteht “, bemerkt die Kolumnistin der liberalen Tageszeitung Cumhuriyet Cigdem Toker. „Mit einer Offenheit, die die Rüstungsindustrie nicht mag, bietet sie Ausbildung zum Töten an.“

Bereits 2012 gab es Presseberichte, wonach SADAT Kämpfer der „Freie Syrische Armee“ in Ausbildungscamps in der Türkei schulen würde. Parlamentarische Anfragen dazu ließ die Regierung unbeantwortet. SADAT habe auch IS-Kämpfer ausgebildet, bis westliche Geheimdienste dem auf die Spur kamen, behauptete nun das Twitter-Phantom Fuat Avni. Hinter diesem Twitter Account mit verbirgt sich ein der Gülen-Bewegung nahestehender Whistleblower aus Erdogans engem Umfeld, der bereits zahlreiche Schritte des Präsidenten richtig vorausgesagt hat. SADAT baue eine Geheimarmee auf, die auf Erdogans Weisung Massaker an Kurden verübe, twitterte Fuat Avni noch vor Bekanntwerden der Ereignisse in Lice am 25. Juni 2016. Zudem bilde das Unternehmen Jugendliche aus der regierenden religiös-nationalistischen AK-Partei sowie der bereits als Schlägertruppe Erdogans in Erscheinung getretenen Osmanli Ocaklari (Osmanen Heime) für Mordanschläge auf Kritiker des Präsidenten aus.

Die Führungsrolle der Türkei über die Islamische Welt hinge davon ab, „den Nationalen Willen über alle Institutionen des Staates dominieren zu lassen“, schreibt General a.D. Tanriverdi in der Präsentationsbroschüre seiner Söldnerfirma. Als „Nationaler Wille“ wiederum bezeichnet Erdogan sein Regime.


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