Symbol des Widerstands

Vor einem Jahr wurde die syrisch-kurdische Stadt Kobani befreit – eine türkische Grenzblockade behindert den Wiederaufbau

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Von Nick Brauns

Das Hissen einer riesigen gelb-rot-grünen kurdischen Fahne auf der Mischtenur-Anhöhe kündete vor einem Jahr von der Befreiung der syrisch-kurdischen Stadt Kobani von den Terrormilizen des »Islamischen Staates« (IS). Es war die erste große Niederlage des IS, der damit den Nimbus seiner Unbesiegbarkeit verlor.

Mehr als vier Monate lang hatten einige hundert nur leichtbewaffnete Angehörige der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ den mit Panzern vorrückenden Dschihadisten, die aus der Türkei logistische Hilfe erhielten, die Stirn geboten. Erst als die IS-Kämpfer bereits in das Stadtgebiet von Kobani eindrungen waren, begannen die USA Luftangriffe auf die von der türkischen Grenze aus mit bloßen Augen sichtbaren Panzer des IS zu fliegen – Pentagon-Sprecher hatten zuvor ebenso wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den baldigen Fall von Kobani vorausgesagt. Die militärische Wende brachten schließlich 150 von der kurdischen Regionalregierung im Nordirak entsandte Peschmerga. Zwar kämpften diese nur in der rückwärtigen Linie, doch sie gaben den YPG mit Hilfe dringend benötigter Panzerabwehrraketen und Artillerie, die auf türkischen Druck kein Land an die YPG liefern wollte, Feuerschutz. Mehr als 500 YPG-Kämpfer ließen bei der Befreiung von Kobani ihr Leben.

Ein Jahr danach haben die YPG den IS mehr als siebzig Kilometer vom Süden der Stadt zurückgedrängt und kontrollieren die Region im Westen bis zum Euphrat. Im vollständig befreiten Osten von Kobani konnte eine Verbindung zum Selbstverwaltungskanton Cazire hergestellt werden. Während die YPG und ihre arabischen und assyrischen Verbündeten weiter auf militärische Unterstützung der Anti-IS-Allianz bauen können, fehlt es an Hilfe beim Wiederaufbau der zu 80 Prozent zerstörten Stadt Kobani. Deutlich wird damit, dass die USA die YPG zwar als Bodentruppe nutzen, aber keinesfalls das politische Projekt der Selbstverwaltungskantone im Norden Syriens unterstützen wollen.

Heute sind Sprengfallen und nicht explodierte Munition beseitigt, die Straßen wiederhergestellt und Schuttaufräumarbeiten größtenteils abgeschlossen. Doch viele der zu Zehntausenden aus Flüchtlingslagern in der Türkei zurückgekehrten Einwohner müssen trotz winterlicher Kälte in Zeltlagern oder Ruinen leben. Elektrizität gibt es nur einige Stunden am Tag über Generatoren. Der Bau eines neuen Wohnviertels kommt nur schleppend voran, weil die türkischen Behörden den einzigen Grenzübergang geschlossen halten. Hilfsgüter und Baumaterial müssen so über Hunderte Kilometer Umweg aus dem Nordirak eingeführt werden. »Die Belagerung geht weiter«, beklagte der außenpolitische Sprecher des Kantons, Idriss Nassan, am 24. November letzten Jahres. »Ein humanitärer Korridor oder der Zugang über die türkische Grenze ist dringend notwendig für Kobani«, berichtete er damals im Kurdistan-Report.

Als Erfolg internationaler Solidarität konnte am 20. November die Übergabe eines Gesundheitszentrums verbucht werden. Errichtet wurde es von 177 Freiwilligen aus zehn Ländern, mehrheitlich aus Deutschland. Die Initiative dafür ging auf die »Internationale Koordination revolutionärer Parteien und Organisationen« (ICOR) zurück, der unter anderem die MLPD in Deutschland und die MLKP aus der Türkei angehören. Das Haus umfasst mehrere Behandlungszimmer, OPs und Röntgenräume, eine Apotheke und ein Bildungszentrum. Für die technische Ausstattung sorgten Spenden von Ärzten, Medizinstudenten, Beschäftigten im Gesundheitswesen sowie katholischen Einrichtungen in Deutschland.

Als kurz nach Ankunft der ersten Baubrigade ein IS-Kommando über 230 Zivilisten in Kobani massakrierte, zogen die meisten ausländischen Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter ab, doch die ICOR-Brigadisten blieben. Da die Türkei keine Genehmigung für den Grenzübertritt erteilte, mussten sie illegal nach Rojava einreisen. Einige wurden dabei von türkischen Grenzern gefasst und misshandelt. Vergeblich hoffte der »Solidaritäts- und Förderverein Gesundheitszentrum Kobani« bei Verhandlungen mit den türkischen Behörden auf die Unterstützung der Bundesregierung. Für Syrien bestehe eine allgemeine Reisewarnung, hieß es ablehnend aus dem Auswärtigen Amt. »Wenn es der Bundesregierung wirklich darum geht, Fluchtursachen abzubauen und den barbarischen Terror des IS zu bekämpfen – warum fällt sie dann ausgerechnet denjenigen in den Rücken, die dies vor Ort am erfolgreichsten tun, nämlich den Menschen in den demokratisch verwalteten Gebieten in Rojava?« beklagte der Vereinsvorsitzende, Rechtsanwalt Frank Jasenski.

junge Welt 26.1.15


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