Gefährliche Thematik

Nadschi Al-Dscherf war der fünfte Reporter, der nach Recherchen über den IS in der Türkei starb

Von Nick Brauns

In der südtürkischen Stadt Gaziantep ist ein syrischer Journalist ermordet worden. Nach Angaben des türkischen Senders T24 wurde der 37jährige Nadschi Al-Dscherf am 27. Dezember auf offener Straße von einem Schuss am Kopf getroffen und erlag im Krankenhaus seiner Verletzung. Der Herausgeber des in Syrien erscheinenden oppositionellen Monatsmagazins Hentah hatte an einem Dokumentarfilm über die Greueltaten des »Islamischen Staates« (IS) in der syrischen Stadt Aleppo gearbeitet. Zudem arbeitete Al-Dscherf mit der Gruppe »Rakka wird still abgeschlachtet« zusammen, die Menschenrechtsverletzungen in der »IS-Hauptstadt« Rakka dokumentiert. Der IS, als dessen türkische Hochburg die Stadt Gaziantep gilt, soll sich nach Angaben des TV-Senders Al-Hadath zu dem Mord bekannt haben. Es war bereits der fünfte Todesfall eines mit der IS-Thematik befassten Journalisten seit den Kämpfen um Kobani im Herbst 2014.

Am 17. Oktober 2014 kam die iranischstämmige US-Journalistin Serena Shim nahe der türkischen Stadt Suruc ums Leben, als ihr Wagen von einem Betonlaster gerammt wurde. Sie hatte für den iranischen Sender Press TV recherchiert, wie IS-Kämpfer, getarnt als Mitarbeiter türkischer Hilfsorganisationen, über die Grenze ins syrische Kobani gelangten. Nach eigenen Angaben war sie kurz vor ihrem Tod vom türkischen Geheimdienst bedroht worden.

Am 17. Oktober 2015 wurde die britische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Jacky Sutton, an ihren Schnürsenkeln erhängt, in einer Toilette des Istanbuler Atatürk-Flughafens aufgefunden. Sie wollte in den Nordirak weiterfliegen, wo sie für das britische »Institut für Kriegs- und Friedensberichterstattung« (IWPR) irakische Journalisten ausbildete. Freunde und Kollegen bezweifelten die von türkischen Behörden verbreitete Selbstmordthese. In von den britischen Zeitungen Times und Daily Telegraph veröffentlichten E-Mails an eine Freundin hatte Sutton kurz vor ihrem Tod ihre Sorge darüber geäußert, einem Mordanschlag des IS zum Opfer zu fallen. Ende Oktober 2015 wurden in der südtürkischen Stadt Sanliurfa der Chefredakteur der arabischsprachigen Zeitung Ayn Vatan, Ibrahim Abdulkadir, und ein Reporter des Blattes, Firaz Hamadi, mit durchschnittenen Kehlen aufgefunden. Sie hatten ebenfalls mit der Anti-IS-Gruppe »Rakka wird still abgeschlachtet« zusammengearbeitet. Der Doppelmord weist alle Merkmale eines IS-Attentats auf. Bei allen nicht restlos geklärten Todesfällen dieser Art ist aber auch eine Verstrickung von Geheimdiensten wahrscheinlich. Womöglich sollten Enthüllungen über eine Unterstützung türkischer Behörden für den IS etwa beim Ölschmuggel verhindert werden.

junge Welt 31.12.15


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