Archiv für November 2015

Gesundheitszentrum von Kobanê feierlich übergeben: „Kobanê braucht strahlende Häuser der Zukunft!“

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21.11.15 – Über 500 Menschen, einheimische Bauarbeiter und ihre Familien, Vertreter der ICOR, hochrangige Regierungsvertreter, Teilnehmer der ICOR-Solidaritätsbrigaden, YPG-Kämpfer, Fraueninitiativen, Kinder, Nachbarn des Gesundheitszentrums und Kulturgruppen feierten gestern die Übergabe des Gesundheitszentrums Kobanê an die Selbstverwaltungsorgane und die Bevölkerung der Stadt. Ein Korrespondent berichtet direkt aus der Stadt:

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Wahlbetrug beklagt

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Kurdische Partei will Ergebnis von türkischen Parlamentswahlen annullieren lassen

Von Nick Brauns

Am Dienstag legten die Abgeordneten des am 1. November neugewählten Parlaments in der Türkei ihren Eid ab. Einen Tag zuvor hatte die prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) ihren Antrag auf Annullierung des Wahlergebnisses bei der obersten Wahlbehörde der Türkei verkündet. Der Wahlkampf habe nicht im Einklang mit dem Prinzip freier und gleicher Wahlen stattgefunden und die regierende AK-Partei habe einen unfairen Vorteil gehabt, argumentierte die Justitiarin der HDP und Abgeordnete Meral Danis Bestas. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und die AKP-dominierte Übergangsregierung hätten ihre Handschrift eines größeren Wahlbetrugs hinterlassen, erklärte Bestas. Zudem habe es zahlreiche Beeinträchtigungen des HDP-Wahlkampfes durch Gouverneure und die Militärpolizei gegeben, Regierungsvertreter hätten die Wahlaufsichtskomitees manipuliert. In mehreren Provinzen hatte die HDP Mandate nur um wenige Stimmen verfehlt, so in Mersin um 30 und in Tunceli (Dersim) um 168 Stimmen. Im Wahlkampf sah sich die HDP massiver gewalttätiger Angriffe regierungsnaher Rollkommandos ausgesetzt. Aufgrund tagelanger Ausgangssperren in ihren Hochburgen im kurdischen Osten des Landes, bei denen Dutzende Zivilisten von der Polizei getötet wurden, konnte die Partei keinen freien Wahlkampf durchführen.

Zwar hatte die unabhängige Organisation Öy ve Ötesi mit rund 60.000 Wahlbeobachtern Unregelmäßigkeiten während der Wahl auf lediglich 0.02 Prozent der Stimmen beziffert. Nicht berücksichtigt wurden dabei allerdings die Einschränkungen im von Gewalt geprägten Wahlkampf. Fragen wirft zudem der massive Anstieg der Wahlberechtigten um rund zwei Millionen von 54,8 Millionen bei den Juni-Wahlen auf 56,9 Millionen zu den November-Wahlen auf. So kursieren Gerüchte, wonach syrische Flüchtlinge kurzfristig eingebürgert und Wähler mehrfach registriert wurden.

Laut dem am 12. November von der Oberste Wahlbehörde YSK verkündeten amtlichen Endergebnis kam die islamisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) auf eine absolute Mehrheit von 317 Sitze im 550-köpfigen Parlament, die kemalistisch-sozialdemokratische Republikanische Volkspartei (CHP) auf 134, die HDP auf 59 und die faschistische Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) auf 40 Sitze. Damit kann die AKP wieder eine Alleinregierung bilden.

Nach der Aufhebung einer 12-tätigen Ausgangssperre in der Stadt Silvan am Wochenende kehren nun zahlreiche der rund 20.000 vor den Angriffen von Armee und Polizei geflohenen Bewohner in ihre vielfach durch Artilleriebeschuss schwer beschädigten Wohnhäuser zurück. Vor ihrem Rückzug hatten die Polizeispezialeinheiten Schriftzüge an Hauswänden zurückgelassen, in denen sie sich als „Esedullah Tim“ (arabisch: Gottes Löwen) bezeichnen – entsprechende Signaturen hatte die Terrormiliz Islamischer Staat in der syrisch-kurdischen Stadt Kobani hinterlassen. Weiter heißt es: „Sei stolz wenn du ein Türke bist. Wenn nicht, dann unterwerfe dich!“. Unterdessen dauert eine über die Stadt Nusaybin an der türkisch-syrischen Grenze verhängte Ausgangssperre am Dienstag den fünften Tag an. Mindestens zwei Zivilisten kamen dort bereits ums Leben.

Nach den Massakern von Paris

Erklärung von Ulla Jelpke, MdB DIE LINKE.

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Meine Trauer gehört den über 130 Opfern der Massaker des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Paris. Mein Beileid gilt ihren Angehörigen und Freunden. Gleichwohl kann ich in den Anschlägen in Paris keine „neue Dimension“ des Terrors sehen, nur weil diesmal hauptsächlich Europäer in einer westeuropäischen Metropole die Opfer waren. Denn ich trauere ebenso um über 120 Zivilisten, die der IS im Juni bei einem erneuten Angriff auf die syrisch-kurdische Stadt Kobani an einem einzigen Tag niedermetzelt hatte und die der internationalen Presse nur noch eine kurze Nachrichtenmeldung wert waren. Ich trauere um über 130 linke Aktivistinnen und Aktivisten in der Türkei, die bei zwei Selbstmordanschlägen des IS in Suruc und Ankara im Juli und Oktober getötet wurden. Und meine Trauer gilt den 224 Insassen eines russischen Flugzeuges, zu dessen Absturz über Ägypten sich Anfang November ebenfalls der IS bekannt hatte, ohne das in europäischen Hauptstädten die Fahnen auf Halbmast gezogen wurden. Ein solches Messen mit zweierlei Maß auch in der Trauer offenbart eine überheblich-koloniale Sichtweise, die einfach unerträglich und verlogen ist.
Auf www.ulla-jelpke.de weiterlesen

20. November: Wir feiern den Erfolg des ICOR-Projekts Gesundheitszentrum in Kobane

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Mit den ICOR – Brigadisten aus Berlin, einem Film zum Aufbau des Gesundheitszentrum in Kobanê, Kultur, Tanz und Spendenaktivitäten

Wann: Freitag, 20.November 2015, Einlass: 18 Uhr, Beginn: 19 Uhr
Wo: Berlin-Kreuzberg, Muskauerstr. 44 (HDP Räume)
Eintritt: frei

Einlader: Solidaritäts- und Förderverein Gesundheitszentrum; Kobanê, Solidaritätskomitee für den Wiederaufbau von Kobanê, PYD-Berlin, AGIF, Navdem, kurdischer Elternverein Yekmal,
Kurdistan Solidaritätskomitee, MLPD, Solidarität International, HDP-Berlin, people to people.

ŞENGAL IST BEFREIT

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Die Befreiungsaktion Şengals ist ein wichtiger Schritt für die Menschlichkeit

Wir begrüßen, verstehen und unterstützen den Widerstand von Şengal als Verteidigung der Werte der Menschheit und der Menschlichkeit!

In den frühen Morgenstunden des 12. November 2015 begann eine großangelegte Großoffensive gegen die Terrormiliz Islamischer Staat IS in den Şengal-Gebirgen – das Ziel, die Befreiung Şengals. An der Operation sind neben den Widerstandseinheiten Şengals – Yekîneyên Berxwedana Şengalê YBŞ, Widerstandseinheit der Frauen von Ezidxan – Yekîneyên Jinên Êzîdxan (YJÊ) auch den FreiheitskämpferInnen der HPG / YJA-Star (Volksverteidigungskräften der PKK) und der Volksverteidigungseinheiten YPG, der Frauenverteidigungseinheiten YPJ aus Rojava/ Nord-Syrien sowie Pesmerga-Einheiten beteiligt.


Heute am 13.11.2015 rufen die Freiheitskämpferinnen und Freiheitskämpfer von den Bergen und der Stadt Şengals – ŞENGAL IST BEFREIT!

Es ist für uns Eziden ein großer Lichtblick für die zukünftige Erhaltung und die Freiheit der wichtigsten Region unserer Glaubensgemeinschaft – mit großer Anerkennung haben wir die frohe Botschaft dieser Aktion vernommen und begrüßen diese. Es ist von hoher Wichtigkeit, dass jetzt noch intensiver weitere Befreiungsaktionen unterstützt werden. Jeder weiterer Erfolg gegen den IS ist ein großer Schritt für die Verteidigung und den Schutz der Werte unserer aller Menschlichkeit.

Die Glaubensgemeinschaft der Ezidinnen und Eziden gehört zu den ältesten noch bestehenden Glaubensgemeinschaften der Welt. Der Großteil dieser Gemeinschaft lebt – bedauerlicherweise gegenwärtig in der Vergangenheitsform, „lebte“ – im Şengal-Gebiet (Süd-Kurdistan/Nord-Irak). Über Jahrhunderte hinweg erlebten die Eziden Verfolgung, Unterdrückung, Zwangskonvertierung/Zwangsislamisierung, Verleumdung, unzählige Massaker und Genozide. Seit der Staatsgründung des Iraks – im Zuge der territorialen Verschiebungen nach dem 1. Weltkrieg – bis heute, hat man es versäumt der Stimme der Eziden Gehör zu verleihen. So wurde der Status der Eziden als Glaubensgemeinschaft bisher nicht anerkannt; weder durch den Irak, noch durch die Vereinten Nationen. Ein Versäumnis, das bittere Konsequenzen nach sich zog und zieht.

Durch den Angriff des „Islamischen Staat“ (IS) am 3. August 2014 wurde die ezidische Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Mord, Vergewaltigung, Enthauptung, Verschleppung von Frauen und Kindern, Zwangskonvertierung/Zwangsislamisierung, Zwangsverheiratung, Sklaverei sowie eine Massenflucht von Hunderttausenden von Eziden aus ihrer Heimat brachte die Barbarei des IS über die ezidische Glaubensgemeinschaft. Ein Genozid im 21. Jahrhundert mit solch einer Brutalität sollte der Weltgemeinschaft mehr als nur ein einfacher ‚Fingerzeig‘ sein!

Diese Taten und Vorgehensweisen müssen für die zukünftige Politik im Nahen und Mittleren Osten berücksichtigt werden – die PKK ist für den Schutz und die Verteidigung von allen Glaubens- und Religionsgemeinschaften sowie allen ethnischen Gruppen, die nicht in das menschenverachtende Weltbild des IS passen ein unverzichtbarer politisch und militärischer Faktor geworden. Gerade wir als ezidische Glaubensgemeinschaft haben hier die Menschlichkeit der PKK erleben können. Deswegen sehen wir aber auch die Christen, Aleviten, Assyrer, Aramäer, Turkmenen etc. die PKK in unserem Heimatland als Garant für die Sicherheit und Freiheit.

Wir appellieren an alle unsere Freundinnen und Freunde. Lasst uns gemeinsam weiterhin für Şengal einstehen. Jetzt geht es darum, die befreiten Regionen von den Banden des IS zu säubern und Sicherheit für ihre Bewohnerinnen und Bewohner herzustellen. Şengal ist zu einem großen Teil zerstört. Es wird dringend Unterstützung für den Wiederaufbau, damit die hunderttausenden Flüchtlinge aus Şengal, die jetzt unter elenden Bedingungen auf der türkischen Seite der Grenze ausharren, in ihre Heimat zurückkehren können.

Weiterhin fordern wir:

- Die internationale Anerkennung der Eziden als eigenständige und unabhängige Glaubensgemeinschaft.

- Die Selbstverwaltung der Eziden soll durch die EU, USA und die UN anerkannt, und deren demokratische Bestrebungen unterstützt werden.

- Die Unterstützung Şengals sowie aller Regionen der Êzîden und Christen auf allen Ebenen, zur Prävention weiterer Massakers

- Die Klassifizierung und Einstufung der Massaker und Gräueltaten vom 03.08.2014 (und der folgenden Zeit) als Genozid, durch die verantwortlichen Institutionen der UN sowie die Anerkennung des 3. August als internationalen Tag des Völkermords an den Eziden.

- Die ezidische ‚Widerstandseinheiten Şengal‘ (YBŞ) und die ‚Widerstandseinheiten der Frauen von Ezidxan‘ (YJÊ), welche den Schutz und zur Verteidigung der Eziden im Şengal gewährleisten, sollen als solche anerkannt, und deren Ausrüstung und Ausbildung zur weiteren Bekämpfung des IS gefördert werden.

- Ein konsequentes und gemeinsames Handeln gegen die Terrormiliz Islamischer Staat IS

- Internationale Fonds und politische Unterstützung beim Wiederaufbau des Şengal-Gebiets sowie die Errichtung eines Hilfskorridors, um den dort erforderlichen Wiederaufbau zu ermöglichen

Unsere gemeinsame Solidarität mit dem Widerstand in Şengal und des Nord-Iraks sowie der gesamten Bevölkerung Kurdistans ist heute dringender denn je! Lasst uns weitere Genozide an den Bevölkerungs- und Glaubensgemeinschaften u.a. durch das Erheben unserer Stimme für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit sowie durch die Solidarität mit den Verteidigungseinheiten verhindern.

In diesem Sinne: WIR WAREN – WIR SIND – WIR WERDEN SEIN

13. November 2015

FKÊ – Föderation der Ezidischen Vereine e.V. / MJÊ – Rat der Ezidischen Frauen

Erdogans Vorbereitung

Türkisches Regime geht im Vorfeld des G-20-Gipfels brutal gegen Kurden vor und fordert Flugverbotszone in Nordsyrien

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Die HDP-Vorsitzende Figen Yüksedag wurde bei einem Polizeiangriff auf die Parlamentarierdelegation in Silvan verletzt

Von Nick Brauns

Wenige Tage vor dem ­G-20-Gipfel am Wochenende in Antalya verschärft die türkische Regierung ihr Vorgehen gegen die kurdische Bewegung. Zugleich übt sie sich im Säbelrasseln gegenüber Syrien. Der Krieg im Nachbarland und die Flüchtlingskrise in Europa werden die beiden beherrschenden Themen des Gipfeltreffens sein, an dem unter anderem US-Präsident Barack Obama, der russische Staatschef Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erneuerte Mitte der Woche seine Forderung nach Einrichtung einer Flugverbotszone im Norden Syriens. Gleichzeitig drohte Erdogan mit einem Militäreinmarsch, sollten die mehrheitlich kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG weiter in bislang von der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) kontrolliertes Gebiet nahe der türkischen Grenze vordringen. Die AKP-Regierung befürchtet, an ihrer Südgrenze könnte ein kurdischer Staat entstehen, wenn ein Korridor zwischen den Selbstverwaltungskantonen Kobani und Afrin geschaffen würde. »Es wird niemandem erlaubt, zum Westufer des Euphrat vorzustoßen«, drohte Erdogan. An der Grenze zu Syrien sind mehr als 10.000 Soldaten in Stellung gebracht. Die YPG beklagen seit Wochen den Beschuss ihrer Stellungen durch die türkische Armee. Während die US-Regierung zu solchen Provokationen gegen die von ihr mit Luftangriffen unterstützten kurdischen Milizen bislang schweigt, versicherte sie gegenüber Ankara, den YPG keine Waffen zu liefern.

Die türkische Polizei suggeriert seit Wochen mit der Festnahme Dutzender mutmaßlicher Unterstützer von IS und Al-Qaida ein verschärftes Vorgehen gegen Dschihadisten. Doch viele der Festgenommenen befinden sich bereits wieder auf freiem Fuß und ihre Terrormilizen in Syrien werden offenbar weiterhin von Ankara unterstützt. Zwischen dem 2. und 4. November seien Panzer- und Luftabwehrraketen, leichte Waffen und große Mengen von Munition aus einem grenznahen Militärlager bei Atme in der Provinz Hatay an die Al-Nusra-Front nach Aleppo geliefert worden, berichtete die syrisch-kurdische Nachrichtenagentur Hawar Mitte der Woche unter Berufung auf »zuverlässige Quellen«. Die Al-Nusra-Front ist der syrische Ableger der Al-Qaida.
Fabio de Masi GUE NGL

Die über weite Teile der Stadt Silvan im kurdischen Südosten der Türkei verhängte Ausgangssperre dauerte derweil am Donnerstag den zehnten Tag an. Neben Polizeispezialeinheiten ist die Armee mit Panzern, Artillerie und Kampfhubschraubern im Einsatz gegen zumeist jugendliche Anhänger der Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, die mit Barrikaden versuchen, das Eindringen der »Sicherheitskräfte« in selbstverwaltete Stadtviertel zu verhindern. Seit Beginn der Belagerung wurden zahlreiche Wohnhäuser zerstört und mindestens sieben Zivilisten getötet. Mitarbeiter eines Krankenhauses schilderten gegenüber dem prokurdischen Sender Mednuce TV, bei einigen der von ihnen versorgten Angehörigen von Polizeispezialeinheiten habe es sich um arabischsprachige Ausländer mit dem für den IS typischen Bartschnitt gehandelt. Auch der Abgeordnete der Demokratischen Partei der Völker (HDP), Mehmet Ali Aslan, der sich zur Zeit in Silvan aufhält, erklärte gegenüber Mednuce TV, dass mutmaßliche IS-Angehörige auf seiten der Staatsorgane kämpften. Eine Gruppe von HDP-Abgeordneten wurde am Donnerstag in Silvan von der Polizei angegriffen, mehrere Politker einschließlich der HDP-Kovorsitzenden Figen Yüksekdag wurden verletzt.

Ziya Pir, ein HDP-Abgeordneter aus der Region, berichtete, dass er bei einem Beamten des Innenministeriums zu intervenieren versuchte. Darauf sei ihm entgegnet worden, man werde Stadtteile Silvans »von der Landkarte auslöschen«. Pir erklärte, Soldaten, Polizisten und »nicht registrierte Personen«, würden »Gebäude von oben bis unten mit Maschinengewehren« beschießen. Panzer seien »mit Sicht auf die Viertel ausgerichtet«. Die HDP-Politiker könnten die Viertel nicht betreten. »Nach Informationen, die wir von dort erhalten haben, verstecken sich Leute in Gruppen von zehn bis 15 Personen in Kellern. Niemand kann rausgehen«, berichtete Pir. Scharfschützen würden von den Dächern aus das Feuer eröffnen, sobald sie »nur einen Schatten in einem Haus« sähen.

junge Welt 13.11.2015

Kurdischer Aktivist Mustafa C. in Bremen festgenommen

Pressemitteilung des Rechtshilfefonds für Kurdinnen und Kurden Azadi vom 13. November 2015

Auf Anordnung des Oberlandesgerichts (OLG) Celle, wurde am 11. November in Bremen der kurdische Aktivist Mustafa C. festgenommen und seine Wohnung durchsucht. Seit Eröffnung des Haftbefehls am nächsten Tag befindet sich der Kurde nunmehr in Untersuchungshaft in der JVA Sehnde.

Vorgeworfen wird ihm, als mutmaßliches Mitglied in einer „terroristischen“ Vereinigung im Ausland (§ 129b Abs. 1 i.V.m. § 129a Abs. 1 Satz 1 StGB) von Juni 2013 bis Juli 2015 das PKK-Gebiet Oldenburg geleitet zu haben und seit Anfang August 2015 für den Bereich Hamburg, Stade und Lüneburg verantwortlich gewesen zu sein. Wie bei allen anderen beschuldigten Aktivisten wird auch Mustafa C. vorgeworfen, Kundgebungen, Versammlungen, Demonstrationen und sonstige Veranstaltungen organisiert, Busse angemietet, Spenden gesammelt und überwacht sowie Nachwuchskader angeworben zu haben.

Mit Mustafa C. befinden sich – im 22. Jahr des PKK-Betätigungsverbots – derzeit acht kurdische politische Gefangene in Straf- bzw. Untersuchungshaft, soviel wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Die Folgen des Besuchs von Kanzlerin Merkel bei Präsident Recep Tayyip Erdoǧan zwei Wochen vor den Neuwahlen in der Türkei sind spürbar geworden, denn kurz nach ihrer Rückkehr wurde am 21. Oktober der kurdische Politiker Kenan B. in der Pegida-Hochburg Dresden verhaftet.

Wir protestieren in aller Schärfe gegen diese bundesdeutsche Interessenspolitik, durch die der türkische Machthaber in seinem Krieg gegen die kurdische Bewegung und Zivilbevölkerung bestärkt wird. Die politisch Verantwortlichen fordern gebetsmühlenhaft, dass Fluchtgründe in den Herkunftsländern beseitigt werden müssten. Doch statt ihre eigenen Forderungen ernst zu nehmen und umzusetzen, schaffen sie permanent neue. Das ist abgrundtief unmoralisch und verlogen.

Wir fordern die Freilassung aller politischen Gefangenen und die Einstellung politisch motivierter Verfahren.

AZADÎ e.V.

Rechtshilfefonds für Kurdinnen und

Kurden in Deutschland, Köln

15.11.: Demonstration „Freiheit für Kurdistan – Freiheit für Palästina“

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Demoaufruf auf der Website der Antikapitalistischen Nichtweißen Gruppe im Aufbau lesen

Aufruf zu internationaler Solidarität – Beendet die Belagerung von Silvan

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Aufruf der Demokratischen Partei der Völker HDP

Die türkische Regierung hat den Friedensprozess aufgegeben. Im Laufe dieses fast zwei Jahre währenden Prozesses starb fast niemand in Gefechten mit den Sicherheitskräften. Nach den Kampagnen für die Parlamentswahlen im Juni, die durch 170 gewaltsame Angriffe auf HDP-Wahlbüros und Bombenanschläge auf HDP-Büros in Mersin und Adana überschattet wurden, wurden bei einer Kundgebung der HDP in Diyarbakır 4 Menschen getötet und viele verwundet. Als die AKP bei den Wahlen keine Mehrheit bekam, stieg die Gewalt massiv an. In Suruç wurden 33 junge Menschen auf einer humanitären Mission nach Kobane durch eine Bombe getötet. In Folge erklärten einige Gemeinden in kurdischen Gebieten als Reaktion auf die steigende Anzahl der Todesopfer ihre „Autonomie“, um ihre Bewohner zu schützen. Die Antwort der türkischen Regierung war eine Reihe von Angriffen der Sicherheitskräfte auf diese Gebiete. Ganztägige Ausgangssperren wurden ausgerufen, Soldaten und Spezialkräfte der Polizei attackierten ganze Viertel. Scharfschützen, die auf alles schießen, das sich auf der Straße blicken lässt, wurden auf Dächern postiert. Viele Zivilisten, einschließlich Frauen, Kindern und alte Menschen, wurden getötet.

Die jüngsten Attacken finden nun in Silvan statt.

Seit dem 2. November sind die Viertel Tekel, Mescit und Konak der Stadt Silvan in der Provinz Diyarbakır im Südosten der Turkei durch die türkischen Polizeispezialkräfte und die türkische Armee besetzt. Es gibt eine 24-stündige Ausgangssperre. Zivilisten können ihre Häuser nicht verlassen. Nicht um grundlegende Bedürfnisse zu stillen und nicht einmal, um die Verwundeten zu versorgen oder die Toten zu begraben. Menschen verstecken sich in Kellern, während gepanzerte Fahrzeuge durch die Straßen fahren und Gebäude mit Schüssen aus Maschinengewehren eindecken. Panzer wurden auf umliegenden Erhöhungen aufgestellt und beschießen die Wohnviertel. Auch bewaffnete Helikopter wurden im Gebiet eingesetzt. Es ist nicht möglich, die Anzahl der Toten und Verletzten genau festzustellen, doch es werden darunter auch Frauen, Kinder und alte Menschen vermutet.
Ziya Pir, ein Abgeordneter der Demokratischen Partei der Völker (HDP) aus dieser Region, berichtet, dass er bei einem Beamten des Innenministeriums zu intervenieren versuchte. Darauf wurde ihm entgegnet: „Wir werden diese drei Viertel von der Landkarte auslöschen.“
Weiterhin berichtet er:
„Sie schießen wahllos auf alle Seiten. Soldaten, Polizisten und komplett nicht registrierte Personen, welche ich nur als „Kopfjäger“ bezeichnen kann, beschießen Gebäude von oben bis unten mit Maschinengewehrfeuer. Panzer wurden mit Sicht auf die Viertel ausgerichtet. Wir können die Viertel nicht betreten.“
„Nach Informationen, die wir von dort erhalten haben, verstecken sich Leute in Gruppen von 10-15 Personen in Kellern. Niemand kann rausgehen, da Scharfschützen auf den Dächern positioniert sind. Wenn sie nur einen Schatten in einem Haus oder ein Lebenszeichen sehen, eröffnen sie das Feuer. Bei früheren Operationen gab es ab und zu eine Pause von ein oder zwei Stunden. Jetzt wird pausenlos, rund um die Uhr geschossen.“
Am 15. und 16. November richtet die türkische Regierung die G20 Konferenz in Antalya aus. Währenddessen beteiligt sich dieselbe Regierung am wahllosen Gemetzel ihrer eigenen Bevölkerung. Diese Attacken geschahen während der Wahlkampagnen für die zurückliegenden Wahlen und werden auch nach diesen fortgeführt. Alle Ziele liegen in Gebieten mit hohen Stimmenanteilen für die HDP.
Das G20-Treffen ist ein Prestigefaktor für die türkische Regierung und leider unterlassen die europäischen Regierungen die Kritik an Menschenrechtsverletzungen in der Türkei in der Hoffnung, dass die türkische Regierung den Flüchtlingsstrom nach Europa einschränkt.
Ihr Einspruch kann etwas bewirken. Bitte tun Sie Ihrer Sorge um die letzten Entwicklungen in der Türkei kund.
Um Leben zu retten, ist es notwendig, dass die Sicherheitskräfte ihre Operationen gegen die Zivilbevölkerung einstellen und dass Parlamentsabgeordnete und unabhängige internationale Beobachter Zugang zu diesen Gebieten bekommen.

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Feridun Hadi Sinirlioğlu
Dr. Sadık Ahmet Cad. No:8 Balgat
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Erdogans Rache in Nordkurdistan

Von Elke Dangeleit am 12.11.2015 auf Telepolis

Kurden klagen über Terror in Silvan, Provinz Diyarbakir. Politiker warnen vor neuen Fluchtbewegungen

Seit dem 3. November 2015 hat die türkische Regierung eine Ausgangssperre über die kurdische 45.000- Einwohner-Stadt Silvan (kurd. Farquin) in der südostanatolischen Provinz Diyarbakir verhängt. Der Gang zum Bäcker, zum Arzt oder zur Schule ist in Silvan lebensgefährlich: Die Bewohner von drei Stadtteilen dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen, nicht mal für die notwendigsten Besorgungen. Darüber hinaus wurden Wasser, Strom und Telefon abgestellt.
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