»Zeit der Inaktivität«

PKK verkündet Aussetzung des Guerillakampfes

Von Fuoco Savinelli

Die Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK), ein länderübergreifender Dachverband der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ihrer Schwesterorganisationen, hat ihre Guerillakämpfer zu einer sofortigen Aussetzung des bewaffneten Kampfes gegen den türkischen Staat aufgerufen. Die Guerilla werde auf Angriffe verzichten und alles vermeiden, was eine »faire und gerechte Wahl« am 1. November behindern würde, erklärte die KCK-Führung in ihrer wenige Stunden nach dem Blutbad auf einer Friedensdemonstration in Ankara über die Nachrichtenagentur Firat verbreiteten Erklärung. Die Entscheidung für eine »Zeit der Inaktivität« sei angesichts der Aufrufe im In- und Ausland zu einem beiderseitigen Waffenstillstand erfolgt. So solle die »Lüge« der AKP-Regierung widerlegt werden, wonach die PKK die Sicherheit der Parlamentswahlen bedrohe. »Die revolutionären und demokratischen Kräfte der Türkei und all diejenigen, die Verantwortung für die Bevölkerung der Türkei tragen, müssen erkennen, dass unsere Haltung vollständig der Demokratisierung der Türkei, Frieden und Stabilität dient«, heißt es in dem Aufruf.

In der vergangenen Woche hatten die KCK-Kovorsitzenden Cemil Bayik und Bese Hozat gegenüber kurdischen Medien bereits eine Waffenruhe in Aussicht gestellt. Mit einer entsprechenden Erklärung wurde daher für Sonntag gerechnet. Die Anschläge auf die zentrale Friedensdemonstration der Linken und der Gewerkschaftsbewegung mit bislang rund 130 Todesopfern zielten offenbar darauf, einen solchen für die Kriegspropaganda der AKP-Regierung entlarvenden Schritt zu verhindern. Um entsprechende Absichten der Kriegstreiber ins Leere laufen zu lassen, zog die KCK ihre vorbereitete Erklärung auf den Samstag vor. In einer weiteren Erklärung machte die KCK anschließend die »Gladio des Palastes« – also dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unterstehende irreguläre Kräfte – für das Massaker verantwortlich.

ANZEIGEKonferenz: Internationalismus im 21. Jahrhundert

Als Bedingung für die Inaktivität der Guerilla nannte die KCK ein Ende der Angriffe auf die kurdische Bewegung, die Zivilbevölkerung und die Guerilla. Dies hatte Vizeministerpräsident Yalcin Akdogan schon Ende letzter Woche abgelehnt und versichert, auch im Falle einer einseitigen Waffenruhe den Kampf gegen die PKK fortzusetzen. Tatsächlich flog die türkische Luftwaffe in der Nacht zum Sonntag erneute Angriffe auf die von der Guerilla kontrollierte Metina- und Zap-Region im Nordirak. Auch zwei Friedhöfe für gefallene Guerillakämpfer bei der Stadt Lice in der südostanatolischen Provinz Diyarbakir wurden bombardiert.

Seit Beginn des erneuten Krieges gegen die PKK am 24. Juli seien in den kurdischen Landesteilen 113 Zivilisten getötet worden, erklärte der Präsident des Menschenrechtsvereins IHD, Öztürk Türkdogan, am Freitag in Ankara bei der Vorstellung einer Studie über die zivilen Opfer des Konfliktes. Nur bei fünf Toten soll es sich um bewaffnete PKK-Kämpfer gehandelt haben. Allein während der neuntätigen Ausgangssperre in der 120.000-Einwohner-Stadt Cizre waren vor rund einem Monat mehr als 20 Zivilisten getötet worden. Oftmals würden die Morde von maskierten Einheiten begangen, die in Fahrzeugen ohne Nummernschild durch die Städte patroullieren, erklärte Türkdogan und fragte: »Wer sind diese Leute? Sind sie Mitglieder der Konterguerillaorganisation des Staates, die in der Vergangenheit unter dem Namen JITEM agierten?« JITEM war der für zahlreiche Morde an kurdischen Oppositionellen in den 90er Jahren verantwortliche Geheimdienst der Militärpolizei, dessen Existenz die Regierung bis heute bestreitet. Einwohner von Cizre berichteten, dass Angehörige der Konterguerillaeinheiten arabisch sprachen und Bärte trugen. Diese Beobachtung deutet daraufhin, dass der neue JITEM der AKP aus Dschihadisten besteht, die unter syrischen Flüchtlingen in der Türkei rekrutiert wurden.

junge Welt 12.10.15


0 Antworten auf „»Zeit der Inaktivität«“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


neun × vier =