»Erdogan und seine Regierung leiden unter Kurdophobie«

Die autonome und selbstverwaltete Region Rojava fordert wirtschaftliche Hilfe aus Europa. Ein Gespräch mit Sinam Mohamad

Sinam Mohamad ist Europa-Vertreterin der Selbstverwaltung von Rojava in Syrien und Leitungsmitglied der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft TEV-DEM

Unter den zahlreichen Flüchtlingen, die in diesen Tagen nach Deutschland kommen, sind auch viele aus Rojava. Warum wagen diese Menschen die gefährliche Flucht nach Europa, obwohl es in Rojava doch sicherer ist als in den meisten anderen Regionen Syriens?

Ein zentraler Grund ist die wirtschaftliche Situation. Unsere Region wurde unterentwickelt gehalten, es gibt dort keine Fabriken und nicht genug Arbeitsplätze. Dazu kommt ein striktes Embargo der Türkei gegen Rojava. Am schlimmsten ist die Situation für den Kanton Afrin, der völlig von der Außenwelt abgeschnitten ist. Niemand kann legal raus oder rein. Viele Zivilisten wurden beim Versuch des Grenzübertritts von der türkischen Armee erschossen. In Kobani ist die Grenze zwar zwei Tage pro Woche für humanitäre Güter offen. Aber es hängt von der Laune der türkischen Behörden ab, wer oder was gerade passieren darf. Ein weiterer Grund, warum junge Leute nach Europa wollen, sind die fehlenden Bildungsmöglichkeiten. Wir haben zwar Schulen, aber keine Universitäten. Wir appellieren an die europäischen Staaten, Projekte in Rojava zu fördern, damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben und dort ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warf der Rojava-Selbstverwaltung kürzlich willkürliche Inhaftierungen vor. Wie ist das zu bewerten?

Ich habe die Amnesty-Mitarbeiter aufgefordert, nach Rojava zu kommen und unsere Sicherheitskräfte zu fragen, warum jemand inhaftiert wurde. Niemand wird bei uns aufgrund seiner politischen Meinung eingesperrt – aber schon, wenn er mit Drogen gehandelt oder Angriffe auf die Selbstverwaltungsstrukturen vorbereitet hat. Wir leben in einer Kriegssituation, es gibt immer wieder Anschläge. Wir müssen Maßnahmen zu unserem Schutz treffen. Wir wollen eine gute Demokratie entwickeln, aber wir stehen noch am Anfang. Da begeht man Fehler, es gibt Missverständnisse und persönliches Falschverhalten. Wir wollen das korrigieren und hoffen daher, dass die europäischen Länder uns mit entsprechenden Trainingsprogrammen für die Sicherheitskräfte helfen.

Ein weiterer Vorwurf von Menschenrechtsorganisationen betrifft Zwangsrekrutierungen zum Militärdienst.

Wenn man in einem Land lebt, das sich in einem bewaffneten Konflikt befindet, dann ist es normal, die Bevölkerung in Selbstverteidigung auszubilden. Wir haben ein Gesetz, wonach jeder Haushalt ein Familienmitglied im Alter von 18 bis 30 Jahren für diese Selbstverteidigungsstruktur stellen muss. Ausgenommen sind Familien, die bereits Angehörige bei den Volksverteidigungseinheiten YPG oder Gefallene haben. Die Angehörigen dieser Selbstverteidigung werden an der Waffe ausgebildet und müssen für ein halbes Jahr Dienst leisten. Aber sie kämpfen nicht an der Front. Sie bilden eine Rückfront in den Städten und Dörfern, in denen die YPG nicht sein kann. Wenn es in Kobani schon so eine Selbstverteidigung gegeben hätte, wäre das Massaker des IS an Hunderten Zivilisten am 23. Juni nicht möglich gewesen.

Auch im Westen mehren sich Stimmen, die einen Dialog mit dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad für ein Ende des Krieges und eine effektive Bekämpfung des IS befürworten. Wie steht die Rojava-Administration dazu?

Wir stehen sehen uns als Teil der syrischen Opposition und stehen mit den gemäßigten, demokratischen Kräften in Kontakt. Wenn diese beschließen sollten, den Dialog mit Assad zu suchen, dann werden wir das unterstützen. Wir wollen kein unabhängiges Rojava, denn wir sind ein Teil von Syrien. Aber jede politische Lösung muss die Rechte der Kurden berücksichtigen. Die Zukunft Syriens sollte demokratisch und pluralistisch sein.

Die Türkei droht ja offen mit einem Militäreinmarsch, um eine kurdische Autonomieregion in Syrien zu verhindern …

Präsident Erdogan und die türkische Regierung leiden unter Kurdophobie. Weil sie die Kurden in Kobani nicht mit Hilfe des IS schlagen konnten, greifen sie nun wieder die Kurden in der Türkei an. Wenn die Türkei den Friedensprozess mit den Kurden fortsetzen würde, wäre das sehr gut. Doch leider opfert Erdogan das türkische Volk für seinen Traum vom Sultanat. Damit gräbt sich die Türkei ihr eigenes Grab.

Interview: Nick Brauns
In: junge Welt 24.9.2015


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