Erdogans Bürgerkriegstruppe

Mit den »Osmanen-Heimen« hat sich der türkische Präsident eine Bürgerkriegstruppe geschaffen

f

Von Nick Brauns

Vor zwei Wochen zerstörten nationalistische Stoßtrupps in der Türkei Hunderte Büros der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP). Auch eine Zentrale der kemalistischen Republikanischen Volkspartei (CHP) in Ankara sowie die Redaktion der Tageszeitung Hürriyet in Istanbul wurden attackiert. HDP und CHP beschuldigten Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine religiös-konservative Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP), hinter diesen vorgeblichen Akten spontanen Volkszorns zu stecken. Zwar hatten die Angreifer das Handzeichen mit dem Wolfskopf der Grauen Wölfe gezeigt, doch Funktionäre der faschistischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) bestritten deren Verwicklung in die Übergriffe. Der MHP lägen Videoaufnahmen vor, die die Angreifer als Mitglieder einer AKP-Jugendorganisation überführten, versicherte der MHP-Abgeordnete Alim Isik.

Laut oppositioneller bürgerlicher Zeitungen wie Hürriyet Daily News und Today’s Zaman ging die Masse der Angriffe von einer bislang recht unbekannten Jugendgruppe namens Osmanen-Heime (Osmanli Ocaklari) aus. Diese wurden im Jahr 2009 offiziell zur »Pflege osmanischen Kulturerbes« um eine gleichnamige Zeitschrift gegründet. Ähnelte das Symbol der Osmanen-Heime anfangs demjenigen der AKP, so wurde es später in einen Schriftzug geändert, der die von den Grauen Wölfen genutzten drei Halbmonde der osmanischen Kriegsflagge enthält. Auch die Bezeichnung Ocaklari nimmt Bezug auf die »Idealisten-Heime« (Ülkü Ocaklari) genannte Parteijugend der MHP und die »Helden-Heime« (Alperen Öcaklari) der ebenfalls dem Graue-Wölfe-Spektrum angehörenden, aber stärker religiös orientierten Großen Einheitspartei (BBP).

Nach den landesweiten regierungsfeindlichen Gezi-Park-Protesten im Sommer 2013 wurde in der AKP die Notwendigkeit zum Aufbau einer eigenen paramilitärische Truppe gesehen. Mit Unterstützung des Geheimdienstes wurden die ebenso nationalistisch wie streng religiös ausgerichteten Osmanen-Heime nun in eine solche Straßenkampfformation umgewandelt. Zulauf durch militante Faschisten erhielten die Osmanen-Heime nach einer Spaltung der »Helden-Heime« über die Frage, ob Erdogan oder der gemeinsame Oppositionskandidat von CHP und MHP bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2014 unterstützt werden sollte. Auch der jetzige Osmanen-Führer Kadir Canpolat hatte bis dahin der BBP-Jugend angehört, aus deren Reihen die Mörder des armenischen Journalisten Hrant Dink sowie mehrerer Christen in den Jahren 2006/2007 stammten. Canpolat selber war nach Informationen des Nachrichtenmagazins Nokta im November 2006 unter dem Vorwurf inhaftiert worden, einen Anschlag auf Papst Benedikt während dessen Türkeibesuch geplant zu haben.

Bei Aufmärschen zur Unterstützung von Erdogan trugen Aktivisten der Osmanen-Heime demonstrativ Grabtücher. Das auf ihrer Website genannte Motto »Soldaten mit einem Grabtuch für den Führer mit dem Grabtuch« bezieht sich auf eine Aussage Erdogans, er sei bereit, den Märtyrertod für seine Ideen zu sterben. »Wir sind die Soldaten von Recep Tayyip Erdogan. Wir verdanken ihm die Osmanen-Heime«, machte Canpolat auf einer Kundgebung in Isparta im April 2015 keinen Hehl aus der Nähe der Bewegung zum Staatspräsidenten.

Führende AKP-Politiker wie Erdogans Berater Binali Yildirim und der frühere Innenminister Efkan Ala waren Gäste bei der Einweihung neuer Sektionen der Osmanen-Heime. Unglaubwürdig erscheint daher die nach der jüngsten Anschlagswelle getätigte Behauptung des AKP-Vizevorsitzenden Ekrem Erdem, zwischen der AKP und den Osmanen-Heimen bestände weder eine organisatorische noch eine emotionale Verbindung. Vielmehr handelt es sich bei den Osmanen-Heimen um Erdogans »Sturmabteilung« zur Terrorisierung politischer Gegner und oppositioneller Journalisten.

Mit der Übernahme der Symbolik der Grauen Wölfe soll ein Teil der faschistischen Jugend an die AKP gebunden werden. Zugleich kann so die derzeit um ein staatstragendes Image bemühte MHP in den Augen ihrer ordnungsliebenden Anhänger als Krawalltruppe diskreditiert werden. Dies zielt darauf, die derzeit mit 16 Prozent im türkischen Parlament vertretene MHP unter die Zehnprozenthürde zu treiben, um so wieder eine Alleinregierung der AKP nach den Neuwahlen vom 1. November zu ermöglichen.

junge Welt 22.9.2015


0 Antworten auf „Erdogans Bürgerkriegstruppe“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei × = acht