Angriff auf Sozialisten

Anschlag auf Solidaritätsbrigaden für Kobani. Dutzende Tote und Verletzte. »Islamischer Staat« hinter Attacke vermutet

Bei einem Bombenattentat in der Stadt Suruç im Südosten der Türkei wurden am Montag Dutzende Menschen getötet oder verwundet. Die meisten Opfer waren junge Sozialisten, die an diesem Tag die zehn Kilometer entfernte Grenze überqueren und in die syrisch-kurdische Stadt Kobani gehen wollten.
Der Gouverneur der südostanatolischen Provinz Şanlıurfa, Izzettin Küçük, sprach von einem Selbstmordanschlag und gab die Zahl der Toten mit 28 an. Die kurdische Nachrichtenagentur Firat meldete sogar bis zu 50 Todesopfer. »Wir können keine genaue Zahl der Opfer benennen, da viele Körper in Stücke gerissen wurden«, erklärte die Abgeordnete der linken prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), Dilek Öcalan. Über 100 Verletzte wurden in Krankenhäusern gebracht.
Der Anschlag ereignete sich im Garten des Amara-Kulturzentrums der HDP-Stadtverwaltung. Hier hatten sich rund 300 Mitglieder der Föderation der Sozialistischen Jugendverbände (SGDF) aus Istanbul, Ankara, Izmir und Diyarbakır für eine Pressekonferenz versammelt. Anschließend wollten die Sozialisten im Rahmen der Kampagne »Wir haben Kobani gemeinsam verteidigt – wir werden es gemeinsam wieder aufbauen« als Solidaritätsbrigaden für fünf Tage in der während monatelanger Kämpfe gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) zu 80 Prozent zerstörten Stadt helfen.
Bis Redaktionsschluß bekannte sich niemand zu dem Anschlag. Doch es wird von der Täterschaft des IS ausgegangen. Die Tageszeitung Hürriyet Daily News berichtete über Spekulationen, wonach sich eine 18jährige IS-Anhängerin unter die Jugendlichen gemischt habe.
Zeitgleich mit der Attacke in Suruç versuchten IS-Kämpfer, ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug an einem Kontrollpunkt in der Nähe einer Schule in Kobani zur Explosion zu bringen. Die Angreifer konnten von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) aufgehalten werden. Zwei YPG-Mitglieder kamen ums Leben.
Der Anschlag in Suruç ereignete sich zum dritten Jahrestag der von vielen Kurden als »Rojava-Revolution« gefeierten Bildung von drei Selbstverwaltungskantonen im Nordosten Syriens. Die Regierung der Türkei hatte in den vergangenen Tagen mehrfach ihre Sorge über die Etablierung eines kurdischen Staates an der Grenze des Landes zum Ausdruck gebracht – ein Plan, der aber von den syrischen Kurden nicht verfolgt wird. Außerdem bezeichnete Ankara die YPG als die gefährlichere »Terrororganisation« im Vergleich zum IS.
Innenminister Sebahattin Öztürk versprach, die Verantwortlichen für den Anschlag in Suruç zu finden. Doch bislang hatte die in Ankara regierende AK-Partei dem IS bei seinen grenzüberschreitenden Operationen gegen die kurdischen Selbstverwaltungskantone und syrische Regierungskräfte grünes Licht gegeben. Der türkische Geheimdienst versorgte zudem die Dschihadisten mit Waffen und Munition.
Im Falle des Anschlages von Suruç stellt sich die Frage, wieviel die Behörden im Vorfeld gewusst haben. So wurde kürzlich bekannt, dass Sicherheitskräfte einen türkischen IS-Anhänger, der Anfang Juni zwei Bomben auf einer HDP-Wahlkampfkundgebung in Diyarbakır legte, beobachtet hatten, ohne jedoch den Anschlag zu verhindern.
»Die blutige Saat der Unterstützung islamistischer Terrorbanden durch das AKP-Regime geht mit dem Anschlag von Suruç auf«, erklärte Sevim Dağdelen, Sprecherin für internationale Beziehungen der Linksfraktion im Bundestag. Die deutsche Regierung müsse die Bundeswehr sofort aus der Türkei abziehen, um den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nicht weiter in seinem Krieg gegen Kurden und Linke zu unterstützen.

junge welt 21.7.15


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