Tel Abyayd ist frei

Kurdische Milizen vertreiben »Islamischen Staat« aus syrischer Stadt. Türkei erhebt Vorwürfe gegen USA
Von Nick Brauns

Internationale Freiheitsbrigade bei der Befreiung von Tel Abayd

Die schwarze Fahne weht nicht mehr über Tal Abyad. Statt dessen wurde die Fahne der kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG über der zwei Jahre lang von den Milizen des »Islamischen Staates« (IS) besetzten Stadt im Norden Syriens gehisst. In den Abendstunden am Montag war es den YPG und mit ihnen verbündeten arabischen Brigaden der »Freien Syrischen Armee« gelungen, die mehrheitlich arabisch bewohnte Stadt von der Herrschaft der Dschihadisten zu befreien.

Auch der Grenzübergang in die türkische Stadt Akçakale, über den der IS einen Großteil seines Grenzhandels abgewickelt und neue Rekruten in sein Kalifat geschleust hatte, ist unter Kontrolle der YPG. Zuvor trafen sich die aus den westlichen und östlichen Selbstverwaltungskantonen Kobani und Cazire vorstoßenden YPG-Einheiten auf der Straße, die Tal Abyad mit der IS-Hauptstadt Al-Raqqa verbindet. Opferzahlen auf beiden Seiten wurden bislang nicht bekannt gegeben.

Während der Kommandeur der mit der YPG verbündeten arabischen »Liwa Tahrir Brigade«, Kefr Zeyta, behauptete, die meisten IS-Kämpfer seien Richtung Al-Raqqa geflohen, warnte YPG-Sprecher Redur Khalil vor Dschihadisten, die sich in die Türkei abgesetzt hätten. Auch die türkische Nachrichtenagentur Do?an berichtete von einer Gruppe von IS-Kämpfern, die von türkischen Soldaten am Montag beim illegalen Grenzübertritt festgesetzt worden seien. Mit der Einnahme von Tal Abyad wurde die wichtigste Lebensader des IS in die Türkei abgeschnitten. Die YPG kontrollieren damit einen durchgängigen Streifen von hunderten Kilometern entlang der türkischen Grenze.

Bei der türkischen Staatsführung sorgte der Fall von Tal Abyad für panische Reaktionen. Die Regierung in Ankara hatte den IS in Tal Abyad bis zuletzt logistisch unterstützt. So wurde die Stadt mit Energie versorgt, und die türkische Armee hielt die Grenze für die dschihadistischen Kämpfer und ihren Nachschub geöffnet.

Auch in der Nacht zum Montag wurden noch einmal 50 IS-Kämpfer aus der Türkei nach Tal Abyad durchgelassen. Nun besteht die Gefahr, dass die türkische Armee auch den Grenzübergang in Akçakale zumauern lässt. In der Vergangenheit wurden bereits andere, von der YPG kontrollierte, grenznahe Städte wie Qamischli und Ras Al-Ain durch Sperranlagen abgeschnitten.

Nachdem in den vergangenen Tagen 15.000 Syrer vor den Kämpfen in die Türkei geflohen waren, warnte Vizeministerpräsident Nurman Kurtulmu? vor einem neuerlichen Zustrom von 100.000 syrischen Flüchtlingen. Die Übernahme der Kontrolle über Tal Abyad durch die YPG und die hinter ihnen stehende Partei der Demokratischen Union (PYD) – einer Schwesterorganisation der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) – bedeute die »Entstehung einer Struktur, die unsere Grenzen bedroht«, erklärte Staatspräsident Recep Tayyip Erdo?an auf dem Rückweg von einem Staatsbesuch in Aserbaidschan.

»Der Westen, der Araber und Turkmenen bombardiert, platziert leider die terroristische PYD und PKK in Tal Abyad«, hatte Erdo?an bereits vor einigen Tagen die US-geführte Anti-IS-Allianz beschuldigt. Diese würde laut dem türkischen Staatschef durch ihre Luftangriffe demographische Veränderungen der Region zugunsten der Kurden befördern. Ein Sprecher der US-Botschaft in Ankara wies im Internet solche Anschuldigungen zurück.

In der regierungsnahen türkischen Tageszeitung Sabah wird unterdessen darüber spekuliert, Ziel der USA sei die Bildung eines kurdischen Pufferstaates in Nordsyrien mit Hilfe der PYD. So soll eine alternative Route für das bislang über die Türkei exportierte »kurdische Öl« aus dem Nordirak geschaffen werden. Das Blatt verschweigt hingegen, dass der Präsident der kurdischen Autonomieregion im Irak, Massud Barsani, ein enger Verbündeter Erdo?ans ist und aufgrund permanenter Spannungen mit der PYD und der PKK die Grenze nach Nordsyrien weitgehend geschlossen hält.

junge Welt 17.6.2015


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