Luftröhre des IS

Kampf um Befreiung der syrischen Stadt Tal Abyad von den Dschihadisten

Von Nick Brauns

Im Norden Syriens hat der Kampf kurdischer Volksverteidigungseinheiten (YPG) um die vom »Islamischen Staat« (IS) besetzte Kleinstadt Tal Abyad (kurdisch: Girê Spî) begonnen. Die Stadt liegt 70 Kilometer östlich von Kobani und 110 Kilometer westlich der Cizire, dem größten der drei Selbstverwaltungskantone der Region Rojava im Nordosten Syriens. Durch die Grenze wird Tal Abyad von der Stadt Akçakale in der türkischen Provinz ?anliurfa getrennt. Ab den 60er Jahren hatte die syrische Regierung hier Araber als »arabischen Gürtel« zur Trennung von den kurdischen Gebieten angesiedelt. Nach Ausbruch des Syrien-Krieges nahm zuerst eine Koalition verschiedener dschihadistischer Gruppen die Stadt ein, bis der IS ab 2013 die Kontrolle ausübte. Über den von den Islamisten besetzten Grenzübergang Akçakale verläuft die wichtigste Versorgungslinie des IS-Kalifats für Nachschub aus der Türkei sowie die Einreise von Rekruten aus Europa zu der 100 Kilometer entfernt gelegenen syrischen IS-Hauptstadt Raqqa. Der über Akçakale abgewickelte Grenzhandel soll ein tägliches Volumen zwischen sieben und 13 Millionen Dollar haben, berichtet die linke türkische Tageszeitung Birgün. Unter den gelieferten Gütern seien große Mengen Düngemittel, wobei wenig Zweifel bestehe, dass der IS das Nitrat nicht für die Landwirtschaft, sondern zur Sprengstoffgewinnung benötigt. Der Birgün-Reporter berichtete von IS-Kämpfern, die sich in Akçakale ungestört auf der Straße bewegten. Im nahegelegenen türkischen Harran würden IS-Rekruten in Hotels auf ihren Grenzübertritt warten.

Aus dem Osten rücken seit dem 19. Mai Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) auf Tal Abyad vor. Sie haben dabei weite Teile des dünnbesiedelten Gebietes südwestlich der bislang als Außenposten des Kantons Cizire dienenden Stadt Serekaniye (arabisch Ras Al-Ain) sowie die Stadt Al-Mabruka unter ihre Kontrolle gebracht. Gleichzeitig greift aus Richtung Westen, von Kobani kommend, eine Koalition aus YPG/YPJ und arabischen Brigaden der Freien Syrischen Armee an. Letztere haben schon in Kobani an der Seite der YPG gekämpft und sind mit dieser in der gemeinsamen Anti-IS-Operationsfront »Vulkan des Euphrat« zusammengeschlossen. Die Anwesenheit der Hunderten arabischen Kämpfer ist zugleich von symbolischer Bedeutung, da die YPG alles vermeiden wollen, was nach einer kurdischen Landnahme in arabischen Siedlungsgebieten aussieht. Denn bereits jetzt verbreiten regierungsnahe türkische Medien wie die Tageszeitung Sabah und das dem syrischen Auslandsoppositionsbündnis ETILAF nahestehende Syrische Netzwerk für Menschenrechte Behauptungen, wonach die YPG arabische und turkmenische Dörfer zerstörten und deren Bewohner massakrierten. Die YPG weisen diese unbelegten Meldungen unter Verweis auf ihren multiethnischen Charakter zurück und betonten, dass alle ihre militärischen Erfolge in der Region nur mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung möglich waren, die seit langem eine Befreiung aus der »Geiselhaft« des IS erbeten hätte.

Nachdem die YPG und ihre arabischen Verbündeten am Wochenende rund 20 Dörfern sowie die Kleinstadt Suluk befreit und Tal Abyad von drei Seiten umzingelt hatten, drangen sie am Montag in Vororte der Stadt ein. Die türkische Armee und vermummte IS-Kämpfer versuchten vergeblich, vor den Gefechten flüchtende Bewohner als lebende Schutzschilde zurück nach Tal Abyad zu treiben. In der Nacht zum Montag wurde die Grenze für die seit Tagen ohne Wasser und Nahrung im Grenzstreifen ausharrenden Menschen geöffnet. »Tal Abyad ist die Luftröhre durch die der IS atmet«, fasst der Journalist Amed Dicle für die kurdische Nachrichtenagentur Firat die Bedeutung der Stadt zusammen. »Eine Befreiung von Tal Abyad würde einen strategischen Erfolg für Rojava bedeuten. Sie würde zum Verschwinden der Banden führen, zur Stabilität für Syrien beitragen und den Zerfall des IS beschleunigen.« Eine Einnahme der Hochburg der Islamisten wäre zudem die Voraussetzung, um einen Verbindungskorridor zwischen Kobani und der Cizire freizukämpfen.

junge Welt 16.6.2015


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