Archiv für Juni 2015

Sehit Karker Kobanê

Der 60-jähriger Internationalist Heval Karker Kobanê wurde von IS-Faschisten ermordet

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Viele Delegationen aus der ganzen Türkei und Europa, die im vergangenen Jahr zur Unterstützung des Widerstandes gegen die IS-Faschisten an die Grenze bei Kobanê kamen, werden sich an „Onkel Rifat von der Grenze“ erinnern. Auch Aktivisten der Kampagne Tatort Kurdistan lernten Rifat Horoz im vergangenen Oktober an der Grenze zu Kobanê kennen. Rifat war albanischstämmig, seine Familie stammte vom Balkan. Er wohnte in Sinop am Schwarzen Meer. Nach dem Aufruf des inhaftierten PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan an alle Demokraten und Revolutionäre, den Widerstand von Kobanê zu unterstützen, überließ er seine Wohnung Flüchtlingen aus Rojava und kam selber an die Grenze. Er lebte dort in einem Dorf wenige hundert Meter von Kobanê entfernt und beteiligte sich monatelang an den zivilen Wachen, die ein Eindringen von IS-Faschisten von der Türkei aus verhindern sollten.
Nach der Befreiung von Kobanê im Januar schloss sich Rifat trotz seiner 60 Jahre den Volksverteidigungseinheiten YPG an. Er trug nun den Kampfnamen Karker Kobanê (Arbeiter von Kobanê). Seine Einheit war für die Räumung von Minen und nicht explodierten Bomben in der weitgehend zerstörten Stadt zuständig und beseitigte mehr als 800 Sprengkörper, 200 Granaten und vier Tonnen Landminen.
Während der neuen IS-Offensive am 25. und 26. Juni wurde unser Genosse Karker Kobanê gemeinsam mit über 200 Zivilisten und 23 YPG/YPJ-Kämpfern zum Märtyrer.

Murat Karayilan vom Exekutivkomitee der PKK bezeichnte Rifat als eine Symbolfigur der Arbeiter, Internationalisten und Demokraten aus der Türkei. Sein Name stehe für die Geschwisterlichkeit der Völker. Er sei dem Pfad der selber türkischstämmigen PKK-Mitbegründer Kemal Pir und Haki Karer für die Solidarität zwischen dem türkischen und dem kurdischen Volk gefolgt.

Sehid Namirin!

Erdogan setzt auf Krieg

IS-Offensive gegen Al-Hasaka – türkischer Generalstabschef gegen Einmarsch in Syrien

Von Nick Brauns

Nach der erneuten Offensive der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) auf die syrisch-kurdische Stadt Kobani haben kurdische Volksverteidigungseinheiten (YPG) am Wochenende die letzten Widerstandsnester der Dschihadisten im Stadtgebiet gesäubert und dabei rund 60 Angreifer getötet. Bei den Attacken der am Donnerstag aus der Türkei eingedrungen Dschihadisten wurden nach Angaben von Ärzten rund 200 Zivilisten getötet und 250 verwundet. Die YPG bewerten den IS-Angriff als »Selbstmordmission«, der nicht das Ziel einer erneuten Eroberung der im Januar befreiten Stadt gehabt habe. Dagegen zielt eine ebenfalls am Donnerstag begonnene IS-Offensive auf Al-Hasaka auf die Einnahme dieser am Rande des kurdischen Selbstverwaltungskantons Cizire gelegenen Provinzhauptstadt im Nordosten Syriens, deren arabische Viertel von Regierungstruppen und die kurdische Hälfte von den YPG verteidigt werden. Nach Angaben des Menschenrechtsausschusses der Vereinten Nationen sind in den letzten Tagen 120.000 Menschen – darunter auch zahlreiche christliche Syrer – in die Cizire geflohen. Offenbar ist es den Dschihadisten gelungen, in mehrere bislang von der syrischen Armee gehaltene Stadtviertel einzudringen und das Gefängnis zu stürmen, während sich die Soldaten in die Innenstadt zurückzogen. »Ich rufe alle Menschen, jede junge Frau und jeden jungen Mann, die eine Waffe tragen können, dazu auf, sofort an die Front zu gehen und die Stadt zu verteidigen«, appellierte der syrische Informationsminister Omran Al-Subi in der Nacht zum Samstag über Fernsehen an die Einwohner, Widerstand zu leisten. Die syrische Luftwaffe flog mehrere Angriffe.

Nach der vor zwei Wochen erfolgten Befreiung der Grenzstadt Tal Abjad, über die die wichtigste Versorgungsroute des IS aus der Türkei verlief, kontrollieren die YPG jetzt ein durchgängiges Gebiet entlang der türkischen Grenze vom Euphrat westlich von Kobani bis zum Tigris an der irakischen Grenze. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte am Freitag, niemals die Gründung eines Staates im Norden Syriens zu erlauben – ungeachtet dessen, dass die syrischen Kurden gar keine derartige Absicht geäußert hatten, sondern ihre Selbstverwaltungskantone ausdrücklich als Teil Syriens betrachten. »Bei diesem Thema werden wir unseren Kampf um jeden Preis fortsetzen«, erklärte Erdogan, der die YPG beschuldigte, mit der syrischen Regierung zu kooperieren und Turkmenen zu vertreiben.

Nach türkischen Medieninformationen hatten Erdogan und der nach der Parlamentswahl vom 7. Juni nur noch kommissarisch regierende Ministerpräsident Ahmet Davutoglu auf einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates in der vergangenen Woche einen Militäreinmarsch in Syrien gefordert. Auf einer Länge von 90 Kilometern solle eine zehn Kilometer breite Pufferzone als Aufmarschgebiet für die von Ankara unterstützten sogenannten »gemäßigten Rebellen«sowohl gegen die syrische Armee als auch gegen den IS und die kurdischen Milizen geschaffen werden, heißt es in der Tageszeitung Hürriyet Daily News unter Berufung auf anonyme Quellen im Staat. 12.000 Soldaten seien in Bereitschaft versetzt worden. Der Einmarsch solle über die unter Kontrolle des IS stehende Grenzstadt Jarablus verlaufen. Ziel sei es, die YPG davon abzuhalten, die Kontrolle über das ganze türkische Grenzgebiet zu erlangen.

Gegenwind gegen die Einmarschpläne kommt vom Generalstabschef Necdet Özel. Dieser wies auf unkalkulierbare Risiken bezüglich der Reaktionen der syrischen Regierung, der mit ihr verbündeten Staaten Russland und Iran, aber auch der USA sowie auf ein drohendes Ende des Waffenstillstandes mit der PKK-Guerilla in der Türkei im Falle von Gefechten der türkischen Armee mit den YPG hin. So heißt es nach Informationen der rechtsnationalistischen Tageszeitung Yenicag, die Armeeführung verlange einen schriftlichen Befehl des Ministerpräsidenten, wofür aber die vorherige Bildung einer Regierungskoalition die Voraussetzung sei. Angesichts des traditionell starken Einflusses der USA auf die türkische Armee dürfte Özel, dessen Amtszeit im August endet, hier auf Druck Washingtons auf Zeit spielen, um sein Land nicht tiefer in das syrische Chaos zu verwickeln. Dagegen scheint Erdogan gerade auf innen- und außenpolitische Spannungen zu setzen, um sich dann als starker Mann und seine AK-Partei im Falle vorgezogener Neuwahlen als Garantin für Ordnung zu präsentieren.

junge Welt 29.6.2015

Der Mord an Halim Dener – Die tödlichen Folgen des PKK-Verbots

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Info- & Mobi-Veranstaltung in Berlin: Mo, 29.06.2015 | 19:00 Uhr | BAIZ (Schönhauser Allee 26A / Prenzlauer Berg)

Referent*innen:
Elmar Millich (Rechtshilfefonds Azadi)
Nick Brauns (Journalist)
Verband der Studierenden aus Kurdistan (YXK) Berlin
Veranstalter*innen:
North-East Antifascists [NEA] & Hände weg vom Wedding

Demo in Hannover:
Sa, 04.07.2015 | 14:00 Uhr | Kröpcke (Hannover)

Zugtreffpunkt Berlin:
Sa, 04.07.2015 | 08:45 Uhr | Alexanderplatz | Gleis 2
Abfahrt: 09:03 Uhr | Ankunft: 14:05 Uhr

Mehr Infos: halimdener.blogsport.eu

Vor 20 Jahren wurde der 16-jährige Kurde Halim Dener von einem deutschen Polizisten in Hannover erschossen. Die Halim Dener Demo erinnert an die Ereignisse der Jahre 1993/94 und stellt sie in einen Kontext mit der heutigen Situation in Kurdistan und der BRD. Halim repräsentiert in seiner Person viele verschiedene Kämpfe, die hier in der BRD und auf der Welt geführt werden – der Kurdistan-Konflikt, die Frage von Flucht und Bleiberecht, Repression, linken Ideen und Organisationen sowie (rassistische) Polizeigewalt.

Aus Berlin rufen zur Demo auf:
North-East Antifascists [NEA] | Hände weg vom Wedding | Verband der Studierenden aus Kurdistan / Yekîtiya Xwendekarên Kurdistan (YXK) Berlin | Kurdistan-Solidaritätskomitee Berlin | Ciwanên Azad Berlin

Türkei fördert IS-Terror

Zahlreiche Tote bei neuem Angriff des »Islamischen Staats« auf die syrisch-kurdische Stadt Kobani. Kriegsgeschrei in Ankara

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Von Nick Brauns

Bei einem neuen Angriff der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) auf die syrisch-kurdische Stadt Kobani wurden am Donnerstag mindestens 22 Zivilisten getötet und über 50 verletzt. Die Attacke erfolgte in den frühen Morgenstunden mit mehreren mit Sprengstoff präparierten Fahrzeugen nahe dem Grenzübergang zur Türkei. In die Stadt eingesickerte IS-Gruppen, die sich zur Tarnung rasiert hatten und türkische Uniformen trugen, eröffneten rund um das von der Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« eingerichtete Krankenhaus und das Kulturzentrum das Feuer auf Zivilisten, meldete die Nachrichtenagentur Firat. Angehörige der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ lieferten sich anschließend schwere Gefechte mit den IS-Zellen in der nach viermonatiger Belagerung im Januar befreiten, aber weitgehend zerstörten Stadt. Zeitgleich massakrierten IS-Kämpfer mindestens 20 Bewohner des 30 Kilometer südlich von Kobani gelegenen Dorfes Berxbotan.

Weiterlesen in junge Welt vom 26.6.2015

»Praktische Solidarität mit Rojava ist wichtig«

Regierungsbildung in der Türkei nach den Wahlen: Diverse Möglichkeiten sind denkbar. Ein Gespräch mit Murat Cakir

Murat Cakir ist Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Hessen und Mitherausgeber des »Infobriefs Türkei«

Nach den Wahlen am 7. Juni ist es der neu gegründeten Demokratischen Partei der Völker (HDP) gelungen, mit mehr als 80 Abgeordneten ins türkische Parlament einzuziehen. Wie ist die politische Lage, nachdem Erdo?ans AKP die absolute Mehrheit verloren hat?

Linke Kräfte und die kurdische Bewegung haben mit dem Überwinden der Zehnprozenthürde Recep Tayyip Erdo?ans AKP eine Niederlage bereitet – und breite gesellschaftliche Bündnisse ins Leben gerufen. Das türkische Großkapital und die Bourgeoisie drängen aber nun auf eine große Koalition der AKP mit der größten Oppositionspartei, der kemalistischen CHP (Republikanische Volkspartei). Bei Gesprächen soll gar vom Kauf einzelner Abgeordneter die Rede sein. Manche plädieren für eine nationalistische Koalition zwischen der AKP und der neofaschistischen MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung), die im Parlament etwa gleich stark wie die HDP ist. Letzteres wäre eine Kriegskoalition, sie würde eine Intervention in Syrien anstreben. Vermutlich wird es sie nicht geben; auch die MHP will Erdo?an in seine Schranken weisen.

Weiterlesen in junge Welt vom 25.06.2015

Interview: Gitta Düperthal

IS dringt in Kobanê ein – Zahlreiche Tote bei Auseinandersetzungen

Pressemitteilung vom Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V., 25.06.2015

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Im Stadtzentrum von Kobanê kommt es seit den Morgenstunden des 25. Juni erneut zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Angreifern des Islamischen Staates und den Volksverteidigungseinheiten der YPG und YPJ. Gegen 4:40 Uhr morgens sind Milizen des Islamischen Staates (IS) in Form von kleinen Gruppen erneut in die Stadt Kobanê eingesickert und haben mehrere mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge in der Nähe der Grenze zur Türkei in die Luft gejagt. Anschließend soll der IS wahllos das Feuer auf Zivilisten eröffnet und dabei mindestens zwölf Menschen getötet haben. Derzeit halten die Kämpfe im Stadtzentrum von Kobanê an. Die Auseinandersetzungen konzentrieren sich auf den Stadtteil Kaniya Kurda. Die heftigen Kämpfe halten auf dem Qada Azadi (Freiheitsplatz) und in der Nähe des von den „Ärzte ohne Grenzen“ errichteten Krankenhauses an.

Auf Civaka Azad Seite weiterlesen

Tel Abyayd ist frei

Kurdische Milizen vertreiben »Islamischen Staat« aus syrischer Stadt. Türkei erhebt Vorwürfe gegen USA
Von Nick Brauns

Internationale Freiheitsbrigade bei der Befreiung von Tel Abayd

Die schwarze Fahne weht nicht mehr über Tal Abyad. Statt dessen wurde die Fahne der kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG über der zwei Jahre lang von den Milizen des »Islamischen Staates« (IS) besetzten Stadt im Norden Syriens gehisst. In den Abendstunden am Montag war es den YPG und mit ihnen verbündeten arabischen Brigaden der »Freien Syrischen Armee« gelungen, die mehrheitlich arabisch bewohnte Stadt von der Herrschaft der Dschihadisten zu befreien.

Auch der Grenzübergang in die türkische Stadt Akçakale, über den der IS einen Großteil seines Grenzhandels abgewickelt und neue Rekruten in sein Kalifat geschleust hatte, ist unter Kontrolle der YPG. Zuvor trafen sich die aus den westlichen und östlichen Selbstverwaltungskantonen Kobani und Cazire vorstoßenden YPG-Einheiten auf der Straße, die Tal Abyad mit der IS-Hauptstadt Al-Raqqa verbindet. Opferzahlen auf beiden Seiten wurden bislang nicht bekannt gegeben.

Während der Kommandeur der mit der YPG verbündeten arabischen »Liwa Tahrir Brigade«, Kefr Zeyta, behauptete, die meisten IS-Kämpfer seien Richtung Al-Raqqa geflohen, warnte YPG-Sprecher Redur Khalil vor Dschihadisten, die sich in die Türkei abgesetzt hätten. Auch die türkische Nachrichtenagentur Do?an berichtete von einer Gruppe von IS-Kämpfern, die von türkischen Soldaten am Montag beim illegalen Grenzübertritt festgesetzt worden seien. Mit der Einnahme von Tal Abyad wurde die wichtigste Lebensader des IS in die Türkei abgeschnitten. Die YPG kontrollieren damit einen durchgängigen Streifen von hunderten Kilometern entlang der türkischen Grenze.

Bei der türkischen Staatsführung sorgte der Fall von Tal Abyad für panische Reaktionen. Die Regierung in Ankara hatte den IS in Tal Abyad bis zuletzt logistisch unterstützt. So wurde die Stadt mit Energie versorgt, und die türkische Armee hielt die Grenze für die dschihadistischen Kämpfer und ihren Nachschub geöffnet.

Auch in der Nacht zum Montag wurden noch einmal 50 IS-Kämpfer aus der Türkei nach Tal Abyad durchgelassen. Nun besteht die Gefahr, dass die türkische Armee auch den Grenzübergang in Akçakale zumauern lässt. In der Vergangenheit wurden bereits andere, von der YPG kontrollierte, grenznahe Städte wie Qamischli und Ras Al-Ain durch Sperranlagen abgeschnitten.

Nachdem in den vergangenen Tagen 15.000 Syrer vor den Kämpfen in die Türkei geflohen waren, warnte Vizeministerpräsident Nurman Kurtulmu? vor einem neuerlichen Zustrom von 100.000 syrischen Flüchtlingen. Die Übernahme der Kontrolle über Tal Abyad durch die YPG und die hinter ihnen stehende Partei der Demokratischen Union (PYD) – einer Schwesterorganisation der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) – bedeute die »Entstehung einer Struktur, die unsere Grenzen bedroht«, erklärte Staatspräsident Recep Tayyip Erdo?an auf dem Rückweg von einem Staatsbesuch in Aserbaidschan.

»Der Westen, der Araber und Turkmenen bombardiert, platziert leider die terroristische PYD und PKK in Tal Abyad«, hatte Erdo?an bereits vor einigen Tagen die US-geführte Anti-IS-Allianz beschuldigt. Diese würde laut dem türkischen Staatschef durch ihre Luftangriffe demographische Veränderungen der Region zugunsten der Kurden befördern. Ein Sprecher der US-Botschaft in Ankara wies im Internet solche Anschuldigungen zurück.

In der regierungsnahen türkischen Tageszeitung Sabah wird unterdessen darüber spekuliert, Ziel der USA sei die Bildung eines kurdischen Pufferstaates in Nordsyrien mit Hilfe der PYD. So soll eine alternative Route für das bislang über die Türkei exportierte »kurdische Öl« aus dem Nordirak geschaffen werden. Das Blatt verschweigt hingegen, dass der Präsident der kurdischen Autonomieregion im Irak, Massud Barsani, ein enger Verbündeter Erdo?ans ist und aufgrund permanenter Spannungen mit der PYD und der PKK die Grenze nach Nordsyrien weitgehend geschlossen hält.

junge Welt 17.6.2015

Luftröhre des IS

Kampf um Befreiung der syrischen Stadt Tal Abyad von den Dschihadisten

Von Nick Brauns

Im Norden Syriens hat der Kampf kurdischer Volksverteidigungseinheiten (YPG) um die vom »Islamischen Staat« (IS) besetzte Kleinstadt Tal Abyad (kurdisch: Girê Spî) begonnen. Die Stadt liegt 70 Kilometer östlich von Kobani und 110 Kilometer westlich der Cizire, dem größten der drei Selbstverwaltungskantone der Region Rojava im Nordosten Syriens. Durch die Grenze wird Tal Abyad von der Stadt Akçakale in der türkischen Provinz ?anliurfa getrennt. Ab den 60er Jahren hatte die syrische Regierung hier Araber als »arabischen Gürtel« zur Trennung von den kurdischen Gebieten angesiedelt. Nach Ausbruch des Syrien-Krieges nahm zuerst eine Koalition verschiedener dschihadistischer Gruppen die Stadt ein, bis der IS ab 2013 die Kontrolle ausübte. Über den von den Islamisten besetzten Grenzübergang Akçakale verläuft die wichtigste Versorgungslinie des IS-Kalifats für Nachschub aus der Türkei sowie die Einreise von Rekruten aus Europa zu der 100 Kilometer entfernt gelegenen syrischen IS-Hauptstadt Raqqa. Der über Akçakale abgewickelte Grenzhandel soll ein tägliches Volumen zwischen sieben und 13 Millionen Dollar haben, berichtet die linke türkische Tageszeitung Birgün. Unter den gelieferten Gütern seien große Mengen Düngemittel, wobei wenig Zweifel bestehe, dass der IS das Nitrat nicht für die Landwirtschaft, sondern zur Sprengstoffgewinnung benötigt. Der Birgün-Reporter berichtete von IS-Kämpfern, die sich in Akçakale ungestört auf der Straße bewegten. Im nahegelegenen türkischen Harran würden IS-Rekruten in Hotels auf ihren Grenzübertritt warten.

Aus dem Osten rücken seit dem 19. Mai Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) auf Tal Abyad vor. Sie haben dabei weite Teile des dünnbesiedelten Gebietes südwestlich der bislang als Außenposten des Kantons Cizire dienenden Stadt Serekaniye (arabisch Ras Al-Ain) sowie die Stadt Al-Mabruka unter ihre Kontrolle gebracht. Gleichzeitig greift aus Richtung Westen, von Kobani kommend, eine Koalition aus YPG/YPJ und arabischen Brigaden der Freien Syrischen Armee an. Letztere haben schon in Kobani an der Seite der YPG gekämpft und sind mit dieser in der gemeinsamen Anti-IS-Operationsfront »Vulkan des Euphrat« zusammengeschlossen. Die Anwesenheit der Hunderten arabischen Kämpfer ist zugleich von symbolischer Bedeutung, da die YPG alles vermeiden wollen, was nach einer kurdischen Landnahme in arabischen Siedlungsgebieten aussieht. Denn bereits jetzt verbreiten regierungsnahe türkische Medien wie die Tageszeitung Sabah und das dem syrischen Auslandsoppositionsbündnis ETILAF nahestehende Syrische Netzwerk für Menschenrechte Behauptungen, wonach die YPG arabische und turkmenische Dörfer zerstörten und deren Bewohner massakrierten. Die YPG weisen diese unbelegten Meldungen unter Verweis auf ihren multiethnischen Charakter zurück und betonten, dass alle ihre militärischen Erfolge in der Region nur mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung möglich waren, die seit langem eine Befreiung aus der »Geiselhaft« des IS erbeten hätte.

Nachdem die YPG und ihre arabischen Verbündeten am Wochenende rund 20 Dörfern sowie die Kleinstadt Suluk befreit und Tal Abyad von drei Seiten umzingelt hatten, drangen sie am Montag in Vororte der Stadt ein. Die türkische Armee und vermummte IS-Kämpfer versuchten vergeblich, vor den Gefechten flüchtende Bewohner als lebende Schutzschilde zurück nach Tal Abyad zu treiben. In der Nacht zum Montag wurde die Grenze für die seit Tagen ohne Wasser und Nahrung im Grenzstreifen ausharrenden Menschen geöffnet. »Tal Abyad ist die Luftröhre durch die der IS atmet«, fasst der Journalist Amed Dicle für die kurdische Nachrichtenagentur Firat die Bedeutung der Stadt zusammen. »Eine Befreiung von Tal Abyad würde einen strategischen Erfolg für Rojava bedeuten. Sie würde zum Verschwinden der Banden führen, zur Stabilität für Syrien beitragen und den Zerfall des IS beschleunigen.« Eine Einnahme der Hochburg der Islamisten wäre zudem die Voraussetzung, um einen Verbindungskorridor zwischen Kobani und der Cizire freizukämpfen.

junge Welt 16.6.2015

Aktuelle Entwicklungen im Nordosten Syriens

Analyse von Sinan Cudi, 12.06.2015, Serêkaniyê

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Mit der Vollendung des ersten Monats der Angriffsoperation “Rubar Qamişlo” im Kanton Cizirê, wurden die Terrormilizen aus dem Gebiet vertrieben. Bei der noch nicht vollendeten Operation wurden bisher viele Spezialkräfte des IS getötet. Diese Operation ist für den Islamischen Staat gleichbedeutend mit einer historischen Niederlage.
Nachdem die ersten Angriffe des IS gegen Rojava Ende des Jahres 2013 und Anfang 2014 begannen, erreichten diese im August 2014 eine neue Phase.Mit der Einnahme der Millionenstadt Mosul und strategisch wichtigen Stützpunkten der syrischen Armee hat der Islamische Staat sich einen großen Vorteil erkämpft.
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Unterstützung für Rojava

Kommunisten kämpfen gegen »Islamischen Staat«. Baubrigaden für Krankenhaus in Nordsyrien

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Von Nick Brauns

Zur Verteidigung von Rojava, der mehrheitlich von Kurden bewohnten Selbstverwaltungsregion im Norden Syriens, gegen die Banden des »Islamischen Staates« (IS) haben Kommunisten aus mehreren Ländern eine internationale Brigade gebildet. Die Initiative zur Gründung des am Donnerstag auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellten »Freiheitsbataillons« ging im Januar von der Marxistisch-Leninistisch Kommunistischen Partei (MLKP) aus der Türkei aus. Diese unterstützt bereits seit längerem mit Guerillakämpfern die kurdischen Volksverteidigungs- und Frauenverteidigungseinheiten YPG bzw. YPJ in Rojava und dem jesidischen Siedlungsgebiet Sengal im Nordirak. Im März fiel die erst 19jährige MLKP-Anhängerin Ivana Hoffmann aus Duisburg bei der Verteidigung eines Dorfes christlicher Assyrer gegen den IS.
»Die Rojava-Revolution ist die Pariser Kommune unter deutscher Belagerung, Madrid im Spanischen Bürgerkrieg und Stalingrad während des Zweiten Weltkrieges«, heißt es in der Gründungserklärung des Bataillons. Dieses wird neben der MLKP von der spanischen Marxistisch-Leninistischen Partei (Kommunistischer Wiederaufbau), der maoistischen Arbeiter- und Bauernbefreiungsarmee (TIKKO) sowie anderen kommunistischen Gruppierungen aus der Türkei und Griechenland getragen.

Ziel sei es, Revolutionäre verschiedener Nationalitäten unter der Fahne des »Freiheitsbataillons« zur Solidarität mit Rojava zu vereinigen, berichtete ein vermummt auftretender deutscher Brigadist, der sich Ernesto nennt, in einem von der Nachrichtenagentur Firat News ausgestrahlten Video. Nach Abschluss des Trainings würden die Internationalisten an die Front gehen, kündigte Ernesto an. Gemeinsam mit den YPG und YPJ wollen sie in den kommenden Monaten eine Korridor zwischen Kobani (arabisch: Ain Al-Arab) und der Stadt Serekaniye (arabisch: Ras Al-Ain) im östlich gelegenen Kanton des Selbstverwaltungsgebietes Cazire freikämpfen.

Praktische humanitäre Solidarität mit Kobani will auch die um die deutsche MLPD und die türkische MLKP gebildete Internationale Koordinierung revolutionärer Parteien und Organisationen (ICOR) beweisen. Gegenüber der Kantonalverwaltung von Kobani hat sich ICOR verpflichtet, mit internationalen Baubrigaden die während der viermonatigen Kämpfe mit dem IS zerstörte Gesundheitsstation der Stadt wiederaufzubauen.

Ein geeigneter Platz wurde bereits von Schutt und Munitionsresten gesäubert. Am 20. Juni soll eine erste Gruppe von Freiwilligen mit entsprechenden Erfahrungen im Bau und bei der Katastrophenhilfe aus Deutschland nach Kobani aufbrechen. Medizinische Ausrüstungsgegenstände für die Gesundheitsstation wurden durch Spenden von Ärzten und Krankenhäusern in Deutschland gesammelt.

Ein Hindernis nicht nur für dieses Projekt ist die andauernde Blockade der Grenze durch die Türkei. Mittlerweile seien um die 100.000 Menschen aus Flüchtlingslagern in der Türkei in die zerstörte Stadt und die umliegenden Dörfer zurückgekehrt. Dort leben sie meist in Zelten oder Ruinen. Doch wird die Versorgung der Stadt durch die türkischen Behörden behindert.

Ausländische Hilfsorganisationen würden unter Druck gesetzt, ihre Lieferung der staatlichen türkischen Katastrophenhilfe AFAD zu übergeben, berichtet Narin Gezgör. Sie arbeitet für die von der links-kurdischen Partei der Demokratischen Regionen (DBP) gestellte Stadtverwaltung der auf der türkischen Seite der Grenze gelegenen Stadt Suruç. AFAD weigert sich, mit den lokalen Behörden zusammenzuarbeiten, obwohl diese die Hilfe für Kobani koordinieren. Aufgrund solcher bürokratischer Schikanen würden derzeit 14 Lastwagen mit Kleidung, Babynahrung und Milch an der Grenze warten.

Junge Welt 13.6.2015