Archiv für März 2015

Im Lichte von Kobanê zur Freiheit der Völker – Im Widerstand von Şengal zur Menschlichkeit

Aufruf zur Newroz-Demonstration 2015 am 21. März in Bonn

Solange Unterdrückung und Unrecht auf der Erde besteht, wird es auch den Widerstand dagegen geben. Newroz – das neue Jahr – ist für viele Völker im Mittleren Osten das Fest des Frühlings und der Fruchtbarkeit der Natur. Für das kurdische Volk jedoch symbolisiert er den Tag der Befreiung gegen die Finsternis der Tyrannei. Im Jahre 612 v. Chr. haben die Vorfahren der Kurden gegen den damaligen Tyrannen Dehaq einen erfolgreichen Widerstand geleistet. Heute, also mehr als 2600 Jahre danach, führen die Kurden in derselben Region erneut einen Widerstand gegen die Tyrannei der Gegenwart. Es sind der sog. Islamische Staat und die autoritären staatlichen Regime des Mittleren Ostens, die durch Unterdrückung, Gewalt, Versklavung und Ausbeutung der Menschen gleich Dehaq die Region in der Finsternis halten wollen. Doch es haben sich auch in der Gegenwart unzählige Menschen in der Region für den Aufstand gegen diese Finsternis entschieden.

Die Bevölkerung Kurdistans nimmt in diesem Aufstand eine bedeutende Rolle ein. Seit einem Jahrhundert aufgeteilt auf die vier Staaten Türkei, Iran, Irak und Syrien, werden die Menschen Kurdistans durch die herrschenden Staaten systematisch unterdrückt und verleugnet. Doch der jahrzehntelange Widerstand der Menschen Kurdistans gegen diese Tyrannei hat inmitten einer Phase, in welcher der Mittlere Osten im Chaos zu versinken droht, auch einen Hoffnungsschimmer für all diejenigen Menschen hervorgebracht, die ihren Platz im Kampf gegen die zeitgenössischen Dehaqs der Region eingenommen haben.

Inmitten des syrischen Bürgerkriegs riefen die Kurden in Rojava (Nordsyrien) im Januar 2013 die Demokratische Autonomie aus und bauten demokratische Selbstverwaltungsstrukturen in den drei Kantonen Kobanê, Afrin und Cizîrê auf. Die Entscheidung eine eigene Selbstverwaltung aufzubauen, wurde gemeinsam mit den in der Region lebenden Assyrern, Arabern, Tschetschenen, Armeniern und Turkmenen getroffen. Auch die Interessen der Glaubensgemeinschaften der ezidischen Kurden, Alewiten und Christen flossen in den Gesellschaftsvertrag von Rojava ein, der die Grundlage der Selbstverwaltung bildet. Ein fundamentales Prinzip der Demokratischen Autonomie von Rojava ist die aktive Teilnahme von Frauen in allen Strukturen der Selbstverwaltung.

Auch wenn Rojava auf der Landkarte betrachtet nur ein geographisch kleines Gebiet ausmacht, hat die Revolution, die von diesem Gebiet ausgeht, eine große Bedeutung für die gesamte Region. Die Menschen aus Rojava wissen um die Bedeutung ihrer Revolution. Deswegen haben sie wie zuletzt in Kobanê auch nicht bloß gegen die systematischen Angriffe einer weitaus besser ausgerüsteten IS standgehalten, sondern sie halten auch weiterhin gegen ein wirtschaftliches und politisches Embargo gegen ihre Selbstverwaltungen stand. Das Geheimnis hinter diesem Widerstand steckt in der Überzeugung, dass die Revolution von Rojava die Vorstellung eines demokratischen und pluralistischen Nahen und Mittleren Ostens am Leben hält.

Der Mythos der Unschlagbarkeit des Islamischen Staates wurde im Kanton Kobanê in Rojava zerschlagen. Dieser erfolgreiche Widerstand stellt nicht nur den bisherigen Höhepunkt der Rojava-Revolution dar, er könnte auch wie die Niederlage des Tyrannen Dehaq im Jahre 612 v. Chr. den Anfang vom Ende einer Epoche der Tyrannei darstellen. Kobanê ist zum Symbol der Hoffnung für die Freiheit gegen die Finsternis unserer Zeit geworden. Deshalb wollen wir das diesjährige Newroz-Fest, als das Fest der Befreiung der Völker von der Tyrannei, dem erfolgreichen Widerstand von Kobanê widmen. Denn dieser erfolgreiche Widerstand ist zur Quelle der Kraft für alle Völker und Glaubensgemeinschaften des Nahen Ostens und der gesamten Welt im Kampf gegen die Tyrannei geworden.

Gemeinsam sind wir Unbesiegbar

Zu jedem Erfolg gegen die Tyrannei gehört neben Entschlossenheit und einer gesellschaftlichen Perspektive auch die Solidarität und Vernetzung der Menschen, die an ein anderes Leben glauben. Während die Unterdrücker sich global vernetzen, werden die Unterdrückten bewusst zersplittert und vereinsamt. Menschen werden nach Ethnien, nach Religionszugehörigkeit, und nach Geschlecht aufgeteilt und gegeneinander aufgehetzt.

Solange wir nicht unsere gemeinsamen Perspektiven und Träume egal ob in Rojava, in Deutschland oder anderswo zum Bindeglied im Kampf für eine gemeinsame freie Zukunft machen, werden anderen versuchen unsere Unterschiede zur Grundlage von Feindschaften zu machen, um davon zu profitieren.

Wir laden alle Menschen, die ihre Träume und Kämpfe für eine demokratische, gerechte, gewaltfreie, und ökologische Welt mit uns vereinen wollen, dazu ein, mit uns das diesjährige Newroz-Fest zu feiern.

NAV-DEM e.V. Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland e. V.

Navenda Civaka Demokratîk ya Kurdên li Almanyayê

E-Mail: info@navdem.com Internet: www.navdem.com Tel.: 0211 17 11 451 / 0157 80 46 23 94

Auf der richtigen Seite

Trauerfeier für die Kämpferin Ivana Hoffmann in Duisburg. Internationalisten aus Deutschland im Visier der Bundesanwaltschaft

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Von Nick Brauns

Unter einem Meer von roten Fahnen gaben am Samstag in Duisburg rund 5.000 Menschen der im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) gefallenen Internationalistin Ivana Hoffmann das letzte Geleit. Die 19jährige Afrodeutsche war vor einer Woche bei der Verteidigung eines Dorfes christlicher Assyrer bei Til Temir in Rojava im Norden Syriens getötet worden.

Hoffmann war seit ihrem 13. Lebensjahr in der migrantisch geprägten kommunistischen Jugendorganisation Young Struggle in Duisburg und dann der Marxistisch-Leninistisch-Kommunistischen Partei (MLKP) aus der Türkei aktiv. Vor einem Dreivierteljahr brach sie die Schule ab, um sich unter dem Codenamen Avasin Tekosin Günes einer internationalen Brigade der MLKP anzuschließen, die im kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava gemeinsam mit den kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ gegen den IS kämpft.

Am Trauerzug zum Friedhof in Duisburg-Meiderich beteiligten sich zahlreiche kurdische und kommunistische Organisationen. Auch die Vorsitzenden der in Rojava führenden Partei der Demokratischen Union (PYD), Salih Muslim, und der im türkischen Parlament vertretenen linken prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), Figen Yüksedag, waren zur Trauerfeier angereist. »Wir kämpfen in Rojava für die Menschlichkeit. Ivana Hoffmann war ein Leuchtfeuer für die Völker«, erklärte die türkische Sozialistin Yüksedag.

»Der Kampf, den wir in Rojava gegen die IS-Banden – die Knechte der Imperialisten – führen, ist ein internationalistischer Widerstand«, betonte Salih Muslim und erinnerte an den Australier Ashley Johnston und den Briten Konstandinos Erik Scurfield, die vor wenigen Wochen gefallen waren. Beide gehörten der aus englischsprachigen Armeeveteranen gebildeten Freiwilligenformation »Löwen von Rojava« an, die auf seiten der YPG kämpft.

Am Freitag hatte die Polizei Hoffmanns Leichnam im Zusammenhang mit einem obligatorischen Ermittlungsverfahren wegen Tötung einer deutschen Staatsbürgerin im Ausland vorübergehend zur Obduktion beschlagnahmt. »Was ihre Tochter getan hat, ist ja eigentlich strafbar. Aber wenigstens hat sie auf der richtigen Seite gekämpft«, äußerte ein Polizist nach Angaben des »Duisburger Solidaritätskomitees Ivana Hoffmann« gegenüber Angehörigen der Getöteten.

Hoffmann war zwar die erste Bundesbürgerin, die im Kampf gegen den IS ihr Leben verlor. Doch bereits im Oktober letzten Jahres starb der ebenfalls aus Duisburg stammende und der MLKP angehörende türkische Staatsbürger Suphi Nejat Agirnasli in Kobani. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins Spiegel sollen sich inzwischen rund 80 Personen aus Deutschland auf seiten der kurdischen Milizen am Kampf gegen den IS beteiligen. Das »Gefährdungspotential, das von dieser Personengruppe ausgeht«, sei quantitativ zwar geringer, »qualitativ aber nicht anders zu bewerten als das der dschihadistischen Syrien-Kämpfer«, hatte das Bundesinnenministerium bereits im Oktober gewarnt. Nach Spiegel-Informationen prüft die Bundesanwaltschaft jetzt die Möglichkeit eines strafrechtlichen Vorgehens gegen die weder verbotene noch auf der EU-Terrorliste geführte MLKP. »Denkbar wäre ein Verfahren gegen Anhänger der Organisation wegen Mitgliedschaft oder Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung«, heißt es auf Spiegel online. Gemeint ist wohl die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans PKK, als deren Ableger die Bundesregierung die YPG einstuft.

jungeWelt 16.3.2015

In Gedenken an Ivana Hoffmann


In Gedenken an Ivana Hoffmann

Unsere Freundin und Genossin Ivana Hoffmann ist am 7.März bei der Verteidigung des assyrischen Dorfes Til Hemis gegen die Milizien des IS gefallen. Sie kämpfte als Internationalistin in den Reihen der MLKP (Marxistisch Leninistischen Kommunistischen Partei) für die Verteidigung der Errungschaften der Revolution in Rojava/Nordsyrien. Ihr Weg führte sie vom antifaschistischen Engagement in ihrer Heimatstadt Duisburg bis nach Kurdistan, wo sie als Kommunistin für die Befreiung der Menscheit gestorben ist. Sie wurde nur 19 Jahre Alt

In ihrem letzten Brief schrieb sie: „Ich kann die schönsten Farben nicht mehr auseinander halten, den Wind der Stadt spüre ich nicht mehr auf meiner Haut, das Singen der Vögel hört sich stärker nach dem Ruf der Freiheit an. Ich habe einen Entschluss gefasst, (…) Ich will ein Teil der Revolution in Rojava sein.(…) Ich kann nicht tatenlos zusehen während meine Schwestern, Brüder, Freunde, Mütter, Väter, Genossen um die Freiheit, um die Unabhängigkeit vom Kapitalismus kämpfen.

IIvana wird in unseren Herzen und in unseren Kämpfen weiterleben

DEMONSTRATION | FREITAG | 13.MÄRZ
20 UHR | U-BHF KOTTBUSSER TOR

Letzter Brief von Ivana Hoffmann an ihre Genossen, bevor sie nach Rojava ging.

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Genossinnen, Genossen, Partei.

Ich kann die schönsten Farben nicht mehr auseinander halten, den Wind der Stadt spüre ich nicht mehr auf meiner Haut, das Singen der Vögel hört sich stärker nach dem Ruf der Freiheit an. Ich habe einen Entschluss gefasst, ich habe Tage und Nächte mit den Gedanken in meinem Kopf gelebt und heute ist der Tag, an dem ich mit meinem Willen, der so stark ist wie die Strömung des Flusses Dîcle-Firat, den Schritt gehen werden. Ich will ein Teil der Revolution in Rojava sein, ich will mich weiter entwickeln, ich will in diesen 6 Monaten den Kampf, der alle unterdrückten Völker miteinander verbindet, kennenlernen und vor allen Dingen die Revolution in Rojava, wenn es sein muss mit meinem Leben zu verteidigen. Ich weiß was auf mich zukommen wird und was für eine Wichtigkeit dieser Kampf hat. Es werden Schwierigkeiten auf mich zukommen, ich werde merken, was ich noch für kapitalistische Eigenschaften in mir habe doch diese werde ich unterdrücken und bekämpfen. Ich werde erfahren wie es sich anfühlt eine Waffe in der Hand zu haben und für die Revolution zu kämpfen, gegen den Imperialismus. Ich werde das Leben anders spüren, intensiver und geordneter. Vielleicht werde ich an meine Grenzen kommen und zurückfallen, doch ich werde niemals den Kampfgeist aufgeben und werde voran kommen.

Nichts hält mich mehr hier. Ich kann nicht tatenlos zusehen während meine Schwestern, Brüder, Freunde, Mütter, Väter, Genossen um die Freiheit, um die Unabhängigkeit vom Kapitalismus kämpfen. Ich werde den Internationalismus der Partei vertreten und ein Teil der organisierten bewaffneten Bewegung sein. Wenn ich zurück komme werde ich meine Genossen, mein Umfeld mit dem Kampfgeist und der Willenskraft anstecken, ich werde wie die schönsten Lieder sein und jeden in meinen Bann ziehen. Ich werde eine Guerilla voller Nächstenliebe und Hoffnung.

Yasasin Partimiz

Yasain Devrim

Yasain Sosyalizm
Eure Genossin Ivana Hoffmann

Tod einer Internationalistin

Immer mehr Ausländer kämpfen im Irak und Syrien gegen den Islamischen Staat – Unter ihnen sind Kommunisten ebenso wie Christen

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„Erste Deutsche im Kampf gegen ISIS getötet“, meldete ausgerechnet BILD Online am Montag den Tod von Ivana Hoffman. Diese Zuschreibung als „Deutsche“ hätte die in der Bundesrepublik geborene 19-jährige Internationalistin mit afrikanischen Wurzeln wohl zurückgewiesen. Unter dem kurdisch-türkischen Codenamen Avasin Tekosin Günes hatte sie sich bereits in Duisburg der Marxistisch-Leninistisch Kommunistischen Partei (MLKP) aus der Türkei angeschlossen. In einer internationalen Brigade der MLKP kämpfte sie an der Seite der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG-YPJ im Selbstverwaltungsgebiet Rojava im Norden Syriens gegen die dschihadistische Terrororganisation „Islamischen Staat“. Bei der Verteidigung von Dörfern der christlichen Assyrer-Aramäer in der Region Til Temir wurde sie in der Nacht zum Sonntag bei einem IS-Angriff getötet, teilten ihre Genossen nun mit. „Avasin lege alles aus dem Europa nieder, für das Menschen tausende von Dollar bezahlen, um dort hinzukommen. Sie nahm ihren Platz bei unseren Völkern ein und wurde mit ihrer Praxis ein Beispiel“, heißt es in einem Nachruf der MLKP. „Sie hat als internationalistische Kommunistin dem Ruf der Revolution ein Ohr gegeben. Sie sah die Freiheit der kurdischen Gesellschaft als ihre eigene Gesellschaft an.“ Rund ein halbes Dutzend Mitglieder der MLKP sind in den letzten Monaten bei Kämpfen um die Stadt Kobani sowie um die jesidischen Siedlungsgebiete in Sengal im Nordirak gefallen.
Neben kommunistischen Internationalisten kämpfen einige Dutzende Armeeveteranen aus Europa, Nordamerika und Australien an der Seite der YPG. Unter der Losung „Schickt die Terroristen zur Hölle und rettet die Menschheit“ rufen die „Löwen von Rojava“ über Facebook englischsprachige Armeeveteranen dazu auf, sich den YPG anzuschließen und diese mit ihrer Kampferfahrung zu unterstützen. Die Initiative dazu ging unter anderem vom ehemaligen US-Marine-Infanteristen Jordan Matson aus. „Ich hatte es satt, dabei zuzusehen, wie so viele unschuldige Menschen umgebracht werden“, begründete der aus der US-Armee entlassene Irakkriegsveteran gegenüber dem kurdischen Sender Ronahi TV seinen Beitritt zu den YPG im vergangenen Sommer. „Da kam ich her, um etwas dagegen zu tun.“ Ende Februar fiel mit dem Australier Ashley Kent Johnston der erste dieser Gruppe, wenige Tage später starb der frühere britische Marineinfanterist Konstandinos Erik Scurfield.
Den Vorwurf, Söldner zu sein, weisen die „Löwen“ strikt zurück. Bezahlung erhalten sie auch keine. Die meisten „Löwen“ teilen nicht die sozialistische Ideologie der in Rojava politisch führenden Partei der Demokratischen Einheit (PYD) und ihrer in der Türkei und dem Nordirak gegen den IS kämpfenden Schwesterorganisation, der von USA und EU als Terrororganisation gelisteten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Ihre Motivation ist humanistisch oder religiös motiviert. Wie bei Matson, der auf seiner Facebookseite die Bibel als sein Lieblingsbuch angibt, oder dem 49-jährige Surflehrer Dean Parker, der „Gottes Ruf“ vernommen haben will. Bei einigen mag auch Abenteuerlust eine Rolle spielen. Einige Freiwillige verstehen sich durchaus als amerikanische Patrioten, die den von der US-Regierung ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ auf ihre Weise ausfechten. „Die Kurden würden nie jemandem ihre Ideologie aufzwingen, aber als gute Sozialisten fühlen sie, dass die Fremden ihnen eventuell auch da entgegen kommen werden und sich ihrer ideologischen Sache anschließen“, erkannte der Redaktionsleiter des US-Militärmagazins Sofrep.com Jack Murphy nach einem Besuch bei den „Löwen“ im vergangenen Jahr. „Während der militärische und soziale Austausch stattfindet, werden die Ausländer selber in ihrem Charakter auch immer mehr kurdisch werden“, Wie Recht Murphy mit dieser Einschätzung hatte, zeigen die Grüße der „Löwen“ zum Internationalen Frauentag auf ihrer Facebookseite. In ihrem früheren Soldatenleben dürfte sich die Männer um Frauenrechte eher weniger Gedanken gemacht haben.

Nick Brauns

LG Düsseldorf verurteilt Kurden zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren

Pressemitteilung von AZADÎ e.V., 05.03.2015

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Das Verfahren gegen Abdullah S., das am 5. Juni 2013 eröffnet wurde, endete heute mit der Verurteilung zu einer Haftstrafe von sechs Jahren. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf sah es als erwiesen an, dass sich der kurdische Aktivist als führender Funktionär in der von den Behörden als „terroristische“ Vereinigung im Ausland (§ 129b i.V.m. § 129a StGB) eingestuften PKK betätigt hat. Die Anklage hatte ihm vorgeworfen, ab Juni 2003 ein Jahr lang als Gebietsleiter für den „PKK-Sektor Mitte“ u. a. für Spendensammlungen, Organisierung von Veranstaltungen und den Verkauf von Propagandamaterial verantwortlich gewesen zu sein. Außerdem soll er sich zwei Jahre im Nordirak aufgehalten und nach seiner Rückkehr bis März 2010 das „Wirtschafts- und Finanzbüro“ der PKK in Europa geleitet haben.
Abdullah S. wurde am 12. April 2012 in Köln festgenommen.
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Gohlkes Immunität aufgehoben

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Jan van Aken, MdB DIE LINKE im Bundestag

Der Bundestag hat am Freitag die Immunität der Linke-Abgeordneten Nicole Gohlke aufgehoben. Die Immunitätsaufhebung war beantragt worden, da gegen Gohlke wegen Verstoßes gegen das PKK-Verbot ermittelt wurde. Die Abgeordnete hatte im vergangenen Jahr auf einer Kundgebung in München die Fahne der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK hochgehalten, deren Kämpfer im Nahen Osten Hunderttausende Menschen vor dem Terror des sogenannten Islamischen Staates gerettet hatten. Der Regierungsfraktionen stimmten der Immunitätsaufhebung zu, die Grünen enthielten sich. Als der Abgeordnete Jan van Aken das Nein der Linksfraktion zur Immunitätsaufhebung verkündete, zeigte er selbst die verbotene PKK-Fahne mit dem roten Stern und erhielt dafür einen Ordnungsruf.

junge Welt 6.3.15

Stimme Anatoliens

Zum Tod des Schriftstellers Yasar Kemal

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Von Nick Brauns

»Eine der Hochebenen ist mit Disteln übersät – Dikenlidüzü. Dort gibt es fünf Dörfer. Aber niemand dort besitzt auch nur einen Fußbreit Land. Alles Land gehört Abdi Aga. Die Dikenlidüzü ist eine Welt für sich mit ihren eigenen Gesetzen und Bräuchen, ganz abseits von der übrigen Welt.« – Hier an den Hängen des Taurusgebirges im Südosten der Türkei ist die Heimat von Memed, dem schmächtigen Bauernjungen, der aus Liebe zu einem Mädchen auf den Großgrundbesitzer schießt und als Räuber und Rächer seines Volkes in die Berge flieht. Der Autor des Romans »Memed mein Falke«, Yasar Kemal, ist am Samstag im Alter von 91 Jahren in einer Istanbuler Klinik verstorben. 20 in bis zu 40 Sprachen übersetzte Romane machten ihn zum Chronisten des ländlichen Anatolien, der Elenden und Geschundenen, aber auch der Rebellen. Und er war das literarische Gewissen eines von Massakern, Vertreibungen und einer rassistischen Staatsideologie geprägten Landes.

Im Monat von Kemals Geburt wurde die Republik Türkei ausgerufen. Zur Welt kam er als Kind kurdischer Zuwanderer im Dorf Hemite (heute Gökcedam) in der südostanatolischen Provinz Adana. Seinen Geburtsnamen Kemal Sadik Gökceli sollte er in den 50er Jahren ablegen. Der Vater war ein während des Krieges aus Van umgesiedelter Großgrundbesitzer, die Mutter entstammte einer Brigantenfamilie. Bei einem Unfall mit einem Messer verlor er ein Auge. Der fünfjährige Kemal musste mit ansehen, wie sein Vater im Zuge einer Familienfehde beim Beten in einer Moschee erstochen wurde. Das traumatisierte den Jungen so, dass er seine Stimme verlor. Er erlangte sie durch das Singen alter Balladen zurück. Solche von wandernden Sängern vorgetragenen Erzählungen über edle Räuber, tapfere Krieger und unglückliche Liebe prägten später sein Werk.

In seiner Jugend ernährte Kemal als Baumwollpflücker, Traktorfahrer oder Hirte die verarmte Familie. Schließlich zog er, der als einziges Kind im Dorf eine Schule besucht hatte, mit einer alten Schreibmaschine übers Land, um gegen Entgelt Briefe und Bittschriften für die Bauern zu verfassen. »Ich war ein kleiner schmächtiger Junge in schwarzen Pluderhosen mit gelben Heften in der Hand, der alles aufschrieb, was da gesungen wurde«, berichtete Kemal einmal über den Stoff seiner ab den 50er Jahren in Istanbul veröffentlichten Reportagen und Romane. Der Debütroman »Memed mein Falke« (1955) machte ihn zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei. Zur Titelfigur wurde er durch seinen Onkel Mayro inspiriert, der als Brigant in die Berge gegangenen war – »der bekannteste Gesetzlose in Ostanatolien, dem Iran und dem Kaukasus«.

Seine schriftstellerische Tätigkeit bezeichnete Kemal einmal als »Dienst am Proletariat«. Ab 1962 engagierte er sich in der Türkischen Arbeiterpartei, der ersten legalen sozialistischen Partei des Landes. 1971 erklärte er: »Ich stehe gegen diejenigen, die das Volk unterdrücken und ausbeuten; egal ob diese Unterdrückung vom Feudalismus oder der Bourgeoisie herrührt. Wer auch immer das Glück des Volkes verhindert, dem widerstehe ich mit meiner Kunst und mit meinem ganzen Leben.« Dabei blieb er, der bitterste Armut erlebt hatte, wachsam gegenüber Karrieristen und Bürokraten, »die im Namen der Arbeiter an die Macht kommen wollen« und forderte, dass die Arbeiter sich ihren eigenen Staat schaffen müssten.

Aus seiner kurdischen Herkunft machte Kemal kein Geheimnis, stellte sie aber nicht in den Vordergrund. »Ich bin ein türkischer Schriftsteller kurdischen Ursprungs«, pflegte er zu sagen. Als die Armee im Krieg gegen die Guerilla Tausende Dörfer zerstörte, wandte sich Kemal 1995 in einem Beitrag für den Spiegel scharf gegen diesen »niederträchtigen Krieg«. Ein Gericht verurteilte ihn zu 20 Monaten Haft, da er »zu Hass angestachelt und Rassismus propagiert« habe. Diese Strafe wurde später ausgesetzt, aber Kemal saß mehrmals in türkischen Gefängnissen.

1972 wurde Kemal für den Nobelpreis nominiert, 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, die höchste literarische Auszeichnung der BRD. »In Yasar Kemals Büchern ist die Darstellung des Rassenwahns als Ausdruck offizieller Regierungspolitik kenntlich. Deshalb ist der Autor den Herrschenden lästig«, erklärte der Laudator und Freund Günter Grass. Als Kemal 2008 den »Große Kulturpreis« des türkischen Staatspräsidenten entgegennahm, war ihm das ein Zeichen dafür, dass in der Türkei »der Kampf für Frieden und Menschenrechte nicht mehr marginalisiert wird«. Versöhnt mit dem Staat war er deshalb nicht. Die landesweiten Proteste im Sommer 2013 begrüßte er aus vollem Herzen. Mit seinem Tod ist eine gewaltige Stimme Anatoliens verstummt.

junge Welt 3.2.15

Offizielle Erklärung zum Verhandlungsbeginn zwischen der Türkei und der PKK

Zusammenstellung der Äußerungen der KCK, HDP und AKP, 02.03.2015

Am Tag nach der Zusammenkunft zwischen der HDP (Demokratische Partei der Völker) und der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) bewertete die KCK in einer Erklärung den durch HDP-Abgeordneten Sırrı Süreyya Önder an die Öffentlichkeit getragenen Aufruf Abdullah Öcalans. Die KCK (Gemeinschaft der Gesellschaften aus Kurdistan) erklärte, dass der Aufruf Öcalans ein wichtiges Zeichen des guten Willens ist und dadurch die Grundlage für den türkischen Staat und die Regierung darstellt, die Demokratisierung und die Lösung der kurdischen sowie weiteren grundlegenden Fragen der Türkei voranzutreiben. „Unser Vorsitzender hat aufgrund seiner Verantwortung gegenüber der Bevölkerung ein weiteres Mal dem AKP-Staat eine Gelegenheit für die politische Lösung gegeben. Die Regierung sollte dieses Mal ihre Verantwortung gegenüber der Bevölkerung ernsthaft gerecht werden“, heißt es unter anderem in der Erklärung.

Bei Civaka Azad weiterlesen

Zehn Schritte zur Lösung der kurdischen Frage in der Türkei

Bewertung von Civaka Azad, 26.02.2015

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Die seit 2013 anhaltenden Gespräche zwischen Vertretern des türkischen Staates und des inhaftierten PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan über die Lösung der kurdischen Frage in der Türkei bestimmen weiterhin die Tagesordnung der türkischen Politik und der internationalen Öffentlichkeit. Eine wichtige Rolle bei diesen Gesprächen spielt eine Delegation bestehend aus drei Abgeordneten der Demokratischen Partei der Völker (HDP). Denn die HDP-Delegation hat seit nun mehr als zwei Jahren eine Vermittlerrolle in diesem politischen Prozess zwischen Öcalan, der PKK-Führung im Kandilgebirge und der AKP-Regierung inne.

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