Tod einer Internationalistin

Immer mehr Ausländer kämpfen im Irak und Syrien gegen den Islamischen Staat – Unter ihnen sind Kommunisten ebenso wie Christen

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„Erste Deutsche im Kampf gegen ISIS getötet“, meldete ausgerechnet BILD Online am Montag den Tod von Ivana Hoffman. Diese Zuschreibung als „Deutsche“ hätte die in der Bundesrepublik geborene 19-jährige Internationalistin mit afrikanischen Wurzeln wohl zurückgewiesen. Unter dem kurdisch-türkischen Codenamen Avasin Tekosin Günes hatte sie sich bereits in Duisburg der Marxistisch-Leninistisch Kommunistischen Partei (MLKP) aus der Türkei angeschlossen. In einer internationalen Brigade der MLKP kämpfte sie an der Seite der kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG-YPJ im Selbstverwaltungsgebiet Rojava im Norden Syriens gegen die dschihadistische Terrororganisation „Islamischen Staat“. Bei der Verteidigung von Dörfern der christlichen Assyrer-Aramäer in der Region Til Temir wurde sie in der Nacht zum Sonntag bei einem IS-Angriff getötet, teilten ihre Genossen nun mit. „Avasin lege alles aus dem Europa nieder, für das Menschen tausende von Dollar bezahlen, um dort hinzukommen. Sie nahm ihren Platz bei unseren Völkern ein und wurde mit ihrer Praxis ein Beispiel“, heißt es in einem Nachruf der MLKP. „Sie hat als internationalistische Kommunistin dem Ruf der Revolution ein Ohr gegeben. Sie sah die Freiheit der kurdischen Gesellschaft als ihre eigene Gesellschaft an.“ Rund ein halbes Dutzend Mitglieder der MLKP sind in den letzten Monaten bei Kämpfen um die Stadt Kobani sowie um die jesidischen Siedlungsgebiete in Sengal im Nordirak gefallen.
Neben kommunistischen Internationalisten kämpfen einige Dutzende Armeeveteranen aus Europa, Nordamerika und Australien an der Seite der YPG. Unter der Losung „Schickt die Terroristen zur Hölle und rettet die Menschheit“ rufen die „Löwen von Rojava“ über Facebook englischsprachige Armeeveteranen dazu auf, sich den YPG anzuschließen und diese mit ihrer Kampferfahrung zu unterstützen. Die Initiative dazu ging unter anderem vom ehemaligen US-Marine-Infanteristen Jordan Matson aus. „Ich hatte es satt, dabei zuzusehen, wie so viele unschuldige Menschen umgebracht werden“, begründete der aus der US-Armee entlassene Irakkriegsveteran gegenüber dem kurdischen Sender Ronahi TV seinen Beitritt zu den YPG im vergangenen Sommer. „Da kam ich her, um etwas dagegen zu tun.“ Ende Februar fiel mit dem Australier Ashley Kent Johnston der erste dieser Gruppe, wenige Tage später starb der frühere britische Marineinfanterist Konstandinos Erik Scurfield.
Den Vorwurf, Söldner zu sein, weisen die „Löwen“ strikt zurück. Bezahlung erhalten sie auch keine. Die meisten „Löwen“ teilen nicht die sozialistische Ideologie der in Rojava politisch führenden Partei der Demokratischen Einheit (PYD) und ihrer in der Türkei und dem Nordirak gegen den IS kämpfenden Schwesterorganisation, der von USA und EU als Terrororganisation gelisteten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Ihre Motivation ist humanistisch oder religiös motiviert. Wie bei Matson, der auf seiner Facebookseite die Bibel als sein Lieblingsbuch angibt, oder dem 49-jährige Surflehrer Dean Parker, der „Gottes Ruf“ vernommen haben will. Bei einigen mag auch Abenteuerlust eine Rolle spielen. Einige Freiwillige verstehen sich durchaus als amerikanische Patrioten, die den von der US-Regierung ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ auf ihre Weise ausfechten. „Die Kurden würden nie jemandem ihre Ideologie aufzwingen, aber als gute Sozialisten fühlen sie, dass die Fremden ihnen eventuell auch da entgegen kommen werden und sich ihrer ideologischen Sache anschließen“, erkannte der Redaktionsleiter des US-Militärmagazins Sofrep.com Jack Murphy nach einem Besuch bei den „Löwen“ im vergangenen Jahr. „Während der militärische und soziale Austausch stattfindet, werden die Ausländer selber in ihrem Charakter auch immer mehr kurdisch werden“, Wie Recht Murphy mit dieser Einschätzung hatte, zeigen die Grüße der „Löwen“ zum Internationalen Frauentag auf ihrer Facebookseite. In ihrem früheren Soldatenleben dürfte sich die Männer um Frauenrechte eher weniger Gedanken gemacht haben.

Nick Brauns


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