Stimme Anatoliens

Zum Tod des Schriftstellers Yasar Kemal

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Von Nick Brauns

»Eine der Hochebenen ist mit Disteln übersät – Dikenlidüzü. Dort gibt es fünf Dörfer. Aber niemand dort besitzt auch nur einen Fußbreit Land. Alles Land gehört Abdi Aga. Die Dikenlidüzü ist eine Welt für sich mit ihren eigenen Gesetzen und Bräuchen, ganz abseits von der übrigen Welt.« – Hier an den Hängen des Taurusgebirges im Südosten der Türkei ist die Heimat von Memed, dem schmächtigen Bauernjungen, der aus Liebe zu einem Mädchen auf den Großgrundbesitzer schießt und als Räuber und Rächer seines Volkes in die Berge flieht. Der Autor des Romans »Memed mein Falke«, Yasar Kemal, ist am Samstag im Alter von 91 Jahren in einer Istanbuler Klinik verstorben. 20 in bis zu 40 Sprachen übersetzte Romane machten ihn zum Chronisten des ländlichen Anatolien, der Elenden und Geschundenen, aber auch der Rebellen. Und er war das literarische Gewissen eines von Massakern, Vertreibungen und einer rassistischen Staatsideologie geprägten Landes.

Im Monat von Kemals Geburt wurde die Republik Türkei ausgerufen. Zur Welt kam er als Kind kurdischer Zuwanderer im Dorf Hemite (heute Gökcedam) in der südostanatolischen Provinz Adana. Seinen Geburtsnamen Kemal Sadik Gökceli sollte er in den 50er Jahren ablegen. Der Vater war ein während des Krieges aus Van umgesiedelter Großgrundbesitzer, die Mutter entstammte einer Brigantenfamilie. Bei einem Unfall mit einem Messer verlor er ein Auge. Der fünfjährige Kemal musste mit ansehen, wie sein Vater im Zuge einer Familienfehde beim Beten in einer Moschee erstochen wurde. Das traumatisierte den Jungen so, dass er seine Stimme verlor. Er erlangte sie durch das Singen alter Balladen zurück. Solche von wandernden Sängern vorgetragenen Erzählungen über edle Räuber, tapfere Krieger und unglückliche Liebe prägten später sein Werk.

In seiner Jugend ernährte Kemal als Baumwollpflücker, Traktorfahrer oder Hirte die verarmte Familie. Schließlich zog er, der als einziges Kind im Dorf eine Schule besucht hatte, mit einer alten Schreibmaschine übers Land, um gegen Entgelt Briefe und Bittschriften für die Bauern zu verfassen. »Ich war ein kleiner schmächtiger Junge in schwarzen Pluderhosen mit gelben Heften in der Hand, der alles aufschrieb, was da gesungen wurde«, berichtete Kemal einmal über den Stoff seiner ab den 50er Jahren in Istanbul veröffentlichten Reportagen und Romane. Der Debütroman »Memed mein Falke« (1955) machte ihn zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei. Zur Titelfigur wurde er durch seinen Onkel Mayro inspiriert, der als Brigant in die Berge gegangenen war – »der bekannteste Gesetzlose in Ostanatolien, dem Iran und dem Kaukasus«.

Seine schriftstellerische Tätigkeit bezeichnete Kemal einmal als »Dienst am Proletariat«. Ab 1962 engagierte er sich in der Türkischen Arbeiterpartei, der ersten legalen sozialistischen Partei des Landes. 1971 erklärte er: »Ich stehe gegen diejenigen, die das Volk unterdrücken und ausbeuten; egal ob diese Unterdrückung vom Feudalismus oder der Bourgeoisie herrührt. Wer auch immer das Glück des Volkes verhindert, dem widerstehe ich mit meiner Kunst und mit meinem ganzen Leben.« Dabei blieb er, der bitterste Armut erlebt hatte, wachsam gegenüber Karrieristen und Bürokraten, »die im Namen der Arbeiter an die Macht kommen wollen« und forderte, dass die Arbeiter sich ihren eigenen Staat schaffen müssten.

Aus seiner kurdischen Herkunft machte Kemal kein Geheimnis, stellte sie aber nicht in den Vordergrund. »Ich bin ein türkischer Schriftsteller kurdischen Ursprungs«, pflegte er zu sagen. Als die Armee im Krieg gegen die Guerilla Tausende Dörfer zerstörte, wandte sich Kemal 1995 in einem Beitrag für den Spiegel scharf gegen diesen »niederträchtigen Krieg«. Ein Gericht verurteilte ihn zu 20 Monaten Haft, da er »zu Hass angestachelt und Rassismus propagiert« habe. Diese Strafe wurde später ausgesetzt, aber Kemal saß mehrmals in türkischen Gefängnissen.

1972 wurde Kemal für den Nobelpreis nominiert, 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, die höchste literarische Auszeichnung der BRD. »In Yasar Kemals Büchern ist die Darstellung des Rassenwahns als Ausdruck offizieller Regierungspolitik kenntlich. Deshalb ist der Autor den Herrschenden lästig«, erklärte der Laudator und Freund Günter Grass. Als Kemal 2008 den »Große Kulturpreis« des türkischen Staatspräsidenten entgegennahm, war ihm das ein Zeichen dafür, dass in der Türkei »der Kampf für Frieden und Menschenrechte nicht mehr marginalisiert wird«. Versöhnt mit dem Staat war er deshalb nicht. Die landesweiten Proteste im Sommer 2013 begrüßte er aus vollem Herzen. Mit seinem Tod ist eine gewaltige Stimme Anatoliens verstummt.

junge Welt 3.2.15


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