Hisbollah macht mobil

Massenkundgebung kurdischer Islamisten in Diyarbakır. Machtdemonstration gegen PKK

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Von Nick Brauns

Zehntausende Kurden haben am Samstag im Osten der Türkei gegen die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo demonstriert, deren Redaktion in Paris vor rund drei Wochen Opfer eines Anschlages wurde. Zu der Kundgebung in Diyarbakır aufgerufen hatte die »Plattform der Liebenden des Propheten«, eine Frontorganisation der verbotenen sunnitisch-kurdischen Hisbollah (»Partei Gottes«), die keine Verbindung zur gleichnamigen schiitischen Organisation im Libanon hat.

Bis zu 100.000 Menschen folgten nach Angaben der Nachrichtenagentur Doğan dem Aufruf, darunter auch viele aus den Nachbarstädten. Immer wieder skandierte die Masse »Es lebe Hisbollah«. Entsprechend den weltweit zum Gedenken an die ermordeten Karikaturisten und Journalisten gezeigten »Je suis Charlie«-Plakaten trugen die Demonstranten türkisch-, kurdisch- und arabischsprachige Schilder mit der Aufschrift »Ich bin Hisbollah in Kurdistan«, »Ich bin Hamas in Palästina« oder »Ich bin Imam Schamil in Tschetschenien«. »Solange ihr die Feinde Gottes seid, werden wir eure Feinde sein«, erklärte der Vorsitzende der als legaler Arm der verbotenen Organisation geltenden »Partei der freien Sache« (Hüda Par), Molla Osman Teyfur. Er drohte damit, denjenigen »die Zunge abzuschneiden, die gegen den Propheten sprechen«.

Der Aufmarsch der Hisbollah-Anhänger in Diyarbakır richtet sich damit nicht nur gegen die französische Satirezeitschrift, sondern ist zugleich eine Drohung gegen die in der kurdischen Metropole traditionell starke linke kurdische Befreiungsbewegung um die Arbeiterpartei Kurdistans PKK. So hatte die PKK-Führung ihre Solidarität mit den ermordeten Charlie Hebdo-Mitarbeitern erklärt und Parallelen zu den Massakern der Dschihadisten des »Islamischen Staates« (IS) gegen Kurden im Irak und Syrien gezogen.

In den 1990er Jahren hatten Todesschwadronen der Hisbollah unter dem Schutz des Militärs Hunderte Zivilisten ermordet, die im Verdacht der PKK-Unterstützung standen, darunter Bürgermeister, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten. Während ein Flügel der Organisation heute neben einer islamistischen auch eine kurdisch-nationalistische Agenda verfolgt, sympathisiert ein anderer Flügel offen mit dem IS.

Bei Angriffen von Hisbollah-Unterstützern auf Solidaritätsdemonstrationen für die vom IS angegriffene syrisch-kurdische Stadt Kobani wurden am 6. und 7. Oktober im Südosten der Türkei rund 40 Menschen getötet. Wie in den 90er Jahren konnte die Hisbollah dabei unter dem Schutz der Repressionsorgane agieren. In der als PKK-Hochburg geltenden Stadt Cizre im türkisch-irakisch-syrischen Grenzdreieck starben innerhalb der vergangenen vier Wochen weitere sieben Menschen bei koordinierten Angriffen von Hisbollah-Anhängern und der Polizei auf selbstverwaltete Stadtviertel.

Die PKK-nahe Patriotisch-Demokratische Jugendbewegung YDG-H hat Milizen gebildet, die in den »autonomen« Vierteln Sicherheitsaufgaben wahrnehmen und Checkpoints errichtet haben. Nun hat Hisbollah in Cizre eine ebenfalls bewaffnete und uniformiert auftretende Scheich-Said-Jugend gegründet. Benannt ist diese Miliz nach dem hingerichteten Anführer eines kurdischen Aufstandes im Jahr 1925, der neben nationalen Zielen die Wiedereinführung des vom türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal abgeschafften Kalifats zum Ziel hatte.

junge Welt 26.1.2014


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