Kollaboriert die PYD mit dem Imperialismus?

Von Rıdvan Turan

Der Autor ist Generalsekretär der Sozialistischen Demokratischen Partei (SDP) in der Türkei und wendet sich mit diesem Beitrag gegen Vorwürfe von einigen Linken, dass die PYD „mit dem Imperialismus kollaboriert“. Der Artikel erschien ursprünglich auf Türkisch in der Zeitung Özgür Gündem.

Die Luftschläge der USA gegen ISIS-Positionen um Kobanê und die daraufhin erfolgenden Lieferungen von Waffen an die PYD haben eine unwirkliche Debatte innerhalb der Linken um die Frage des Imperialismus hervorgerufen.

Die Debatte dreht sich darum, ob die Annahme von Waffen von den Vereinigten Staaten gleichgesetzt werden kann mit der Zusammenarbeit mit dem Imperialismus. Ich bin der Ansicht, dass die Herangehensweise dieser These an den Imperialismus im Gegensatz zum Marxismus-Leninismus steht, insofern, als sie jede Art der Auseinandersetzung mit der existierenden Praxis und der gegenwärtigen Konjunktur der Klassenkräfte ignoriert.

Doch die Basis dieser Frage hat ebenso eine Dimension, die im Zusammenhang steht mit der Art und Weise, wie sich an kurdische Widerstände historisch angenähert wurde.

Es ist kein Geheimnis, dass es unter denen, die diese Kritik vorbringen, aus einer vom Kemalismus inspirierten Verleugnungshaltung heraus die Tendenz gibt, die Prozesse um die kurdische Nationenbildung und die Kämpfe in dieser Richtung als Zusammenarbeit mit dem Imperialismus zu begreifen. Die Direktiven der Komintern zur Unterstützung des kemalistischen Regimes gegen die kurdischen Rebellionen, die als „rückwärtsgewandt“ und „feudal“ bezeichnet wurden, sind ebenso bekannt wie das, was die Türkische Kommunistische Partei in dieser Frage tatsächlich unternahm. Es gibt einige, damals wie heute, die jeden schon durch Anwendung ihrer „gottgegebenen“ Antiimperialismus-Rubrik eingeordnet haben, und die längst schon ihr Recht auf Selbstbestimmung zugunsten von Nationalchauvinismus geopfert haben. Für sie ist es ein Leichtes, den Kurden Kollaboration mit dem Imperialismus vorzuwerfen und dabei zu übersehen, dass ihr eigener Staat mit dem Imperialismus zusammenarbeitet. Für sie ist es unwichtig, dass die PKK jahrelang vermieden hat, der PDK (Demokratische Partei Kurdistans) zu ähneln, doch wenn sie angesichts bevorstehender Massaker Waffenlieferungen von den Vereinigten Staaten akzeptiert, gilt dies als Kollaboration.

Dieses mechanische Daherbeten desselben Diskurses ändert sich nicht, trotz der Tatsache, dass die Eigenschaften des Systems in Kobanê von einem linken Paradigma geprägt wurden und die Kurden weiter nicht in der Lage sind, sich den Kollaborationsanschuldigungen zu entziehen. Was für eine Absage an die Vernunft ist es, wenn sie, anstatt den Erfolg des Widerstandes von Kobanê als einen Schritt vorwärts hin zu dem sich im Nahen Osten formierenden revolutionären Zentrum zu sehen und den Widerstand zu unterstützen, freudig ausrufen: „Schaut, Ihr könnt sehen, die arbeiten mit dem Imperialismus zusammen!“

Es ist nicht nötig, sich an seinen eigenen Worten zu verschlucken, wenn man behauptet, dass die PYD mit dem Imperialismus kollaboriert, während ein Volk Widerstand leistet – Männer, Frauen und Kinder – im Angesicht von Banden, die selbst vom Imperialismus erschaffen wurden. In der Rojava-Frage besteht eine mehr als zweijährige Zusammenarbeit, in Worten und Taten, zwischen den USA, der Türkei und der PDK. Vergesst nicht, dass noch vor kurzem der US-Imperialismus und der türkische Kolonialismus Druck auf die PYD ausgeübt haben, damit diese Teil der Freien Syrischen Armee wird und gegen Assad kämpft. Vergesst nicht, dass sie von der PYD den Eintritt in den Nationalkongress Syrischer Kurden (ENKS) verlangten, der von Barzanî kontrolliert wird und sie zur Machtlosigkeit verdammt hätte. Vergesst weder die Grenzpolitik, die auf der Allianz zwischen der Türkei und Barzanî beruht, noch die Anwendung eines nicht erklärten Embargos. Bis zum Zeitpunkt der Debatte über militärische Hilfe hat der Imperialismus viele Male versucht, Rojava durch die Nutzung regionaler Mächte zu manipulieren. Diejenigen, die jetzt wegen Kollaboration die Alarmglocken schrillen lassen, haben kein einziges Mal ihre Stimme erhoben gegen kolonialistische und imperialistische Angriffe.

Warum denkt Ihr, haben diejenigen, die jetzt die Annahme von Waffen, die von den Vereinigten Staaten im Schatten eines gemeinsamen Massakers geliefert werden, als Kollaboration mit dem Imperialismus herabsetzen, der freiheitlichen und antiimperialistischen Haltung dieser Bewegung über Jahre hinweg niemals Aufmerksamkeit geschenkt? Ich sage klar: aufgrund von unentschuldbarem Sozialchauvinismus.

Kollaboration ist nicht die Annahme militärischer Hilfe während der Bedrohung durch ein Massaker, sondern das Eintreten in imperialistische Abhängigkeit und koloniale Beziehungen. Zu behaupten, dass die Annahme von Waffen diese Bedeutung habe, bedeutet eine vollständige Absage an den Klassenkampf. Der Charakter solcher Beziehungen wird nicht in einem „Moment“ definiert, sondern im Laufe eines „Prozesses“. Umgekehrt bedeutet es zu behaupten, dass imperialistische Abhängigkeit und koloniale Beziehungen unabhängig und automatisch entstehen aus den momentanen Umständen, die den Klassenkampf bestimmen. Dieses Argument fortzuschreiben heißt, den Imperialismus als „allmächtig“ zu betrachten.

Denkt daran, dass es Lenins Transport aus der Schweiz nach St. Petersburg mit der nötigen materiellen Unterstützung durch den deutschen Imperialismus war, der zu einem der besten Momente des Ersten Weltkriegs führte. Die Hoffnung der Deutschen war, zur Verwirrung in Russland beizutragen und auf den Sturz des Zaren hinzuarbeiten. Als Ergebnis wollte Deutschland den russischen Krieg beenden und all seine Kräfte von der Ostfront an die Westfront schicken. Der Plan wurde ausgeführt und ein Aufstand der Bürger brach in Russland aus.

Die sowjetische Revolution wurde zur wichtigsten Antwort an die, die zu dieser Zeit behaupteten, dass Lenin ein deutscher Agent sei. Es war nicht die Unterstützung Deutschlands für Lenin, die den Charakter des Prozesses bestimmte, sondern die Revolution, die aus den Kreativkräften des Klassenkampfes in Russland entstand. Der Klassenkampf hat seither auf die Frage „Ist Lenin ein großer Revolutionär oder ein Kollaborateur des deutschen Imperialismus?“ all denjenigen eine Antwort gegeben, die unablässig die Alarmglocken der Kollaboration schrillen ließen. So wie es jetzt ist. Wir sehen, dass einige riskieren, Lenin zum imperialistischen Kollaborateur und gar deutschen Agenten zu erklären, um zu behaupten, dass die PYD mit dem Imperialismus kollaboriere. Man ist überrascht und kann sich nur fragen: Wo ist die Würde bei all dieser Feindseligkeit gegenüber den Kurden?


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