Fußballfans unter Putschanklage

Über ein Jahr nach Protesten gegen Erdoğan beginnt Prozess in Istanbul

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Von Nick Brauns

Begleitet von Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude begann am Dienstag im türkischen Istanbul der Prozess gegen 35 Anhänger der Ultragruppe Çarşı des dortigen Fußball-Superligisten Beşiktaş. Den Angeklagten – darunter den Anführern der Fangruppe Cem Yakışkan, Erol Özdil und Halil Ibrahim Erol – wird vorgeworfen, eine »bewaffnete Gruppe« gebildet und einen »Putschversuch« gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung gestartet zu haben.

Hintergrund ist das Engagement der traditionell regierungskritischen und sozial engagierten Fangruppe Çarşı während der Gezi-Park-Proteste gegen die autoritäre Politik des damaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Sommer vergangenen Jahres. Gemeinsam mit Fans der sich ansonsten bis auf den Tod bekämpfenden anderen Istanbuler Fußballvereine Galatasaray und Fenerbahçe hatten die straßenschlachterprobten Çarşı-Ultras den Schutz der Protestbewegung vor Polizisten übernommen. Dabei hatten sie unter anderem mit einem gekaperten Schaufelbagger Polizeibarrikaden abgeräumt. Die wochenlangen, schließlich landesweiten Proteste mit Millionen Teilnehmern hatten sich an der Absicht der Regierung entzündet, auf dem Gelände des kleinen Gezi-Parks nahe dem Istanbuler Taksim-Platz ein Einkaufszentrum in Form einer osmanischen Kaserne zu bauen.

»Wir sind glücklich, dass wir nicht angeklagt werden, Kinder, junge und alte Menschen tagelang mit Tränengas gequält zu haben, einige von ihnen totgeschlagen zu haben, zu stehlen und in Korruption zu versinken«, konterte Çarşı auf seiner Website nach der Anklage. Die Fangruppe betonte ihr soziales Engagement. So waren Çarşı-Fans vor drei Jahren Erdbebenopfern in Van und in diesem Jahr den Opfern des Grubenunglücks in der westtürkischen Stadt Soma zur Hilfe gekommen. Außerdem engagierten sie sich gegen Kinderarbeit.

Vor dem Gerichtsgebäude hatten sich am Dienstag zahlreiche Demonstranten, darunter Abgeordnete der kemalistischen Opposition und Çarşı-Mitglieder, mit bengalischem Feuer und anderer Pyrotechnik versammelt. Auch die Familie des 15jährigen Berkin Elvan, der eines der mehr als zehn Todesopfer durch Polizeigewalt während der Gezi-Park-Proteste ist, war gekommen. Internationale Solidarität mit Çarşı zeigten nach der Anklageerhebung im September unter anderem Fans von Borussia Dortmund mit entsprechenden Bannern im Stadion.

junge Welt 17.12.14


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