Angriff aus der Türkei

IS-Kämpfer beschießen nordsyrische Stadt Kobani über Grenze hinweg

Nick Brauns

Erstmals seit Ausbruch der Kämpfe um Kobani (Ain Al-Arab) vor zweieinhalb Monaten hat die Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS) die belagerte Stadt im Norden Syriens von türkischem Territorium aus unter Beschuss genommen. Die Stadt werde nun von vier Seiten angegriffen, berichtete die Kovorsitzende der in Kobani führenden Partei der Demokratischen Union (PYD) am Samstag gegenüber dem kurdischen Fernsehsender Ronahi TV.

Der Angriff hatte demnach am Samstag um fünf Uhr früh mit der Detonation eines aus der Türkei kommenden, mit Sprengstoff beladenen Lastwagens direkt am Grenzübergang Mürsitpinar begonnen. Der auf syrischer Seite von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG kontrollierte Übergang ist die einzige Versorgungsroute für die belagerte Stadt. Auch zwei Selbstmordattentäter sprengten sich dort nach Angaben des Pressezentrums der YPG in die Luft. Anschließend hätten IS-Kämpfer von türkischer Seite aus die Innenstadt von Kobani mit Granatwerfern beschossen. Rund 50 Dschihadisten sollen sich auf türkischem Boden in staatlichen Getreidesilos sowie in zwei von der türkischen Armee vor Wochen evakuierten Grenzdörfern verschanzt haben.

Eine Stunde vor Beginn der IS-Offensive wurde die Stromversorgung für die nahe Kreisstadt Suruc und mehrere Dörfer entlang der Grenze zu Syrien abgeschaltet, in denen Aktivisten seit Monaten Wache halten, um Grenzübertritte von Dschihadisten zu verhindern. Mitarbeiter des staatlichen Stromversorgungsunternehmens gaben gegenüber Firat News an, dass sie den Befehl dazu »von oben« erhalten hätten. Der Gouverneur der Provinz Sanliurfa, Izzettin Kücük, habe ihm bestätigt, dass der IS von Suruc aus Kobani angegriffen habe, erklärte der Parlamentsabgeordnete der linken kurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), Ibrahim Ayhan. Sprecher des Generalstabs und der türkischen Regierung wiesen die Berichte als »Lüge« zurück. Von Firat News veröffentlichte Videoaufnahmen zeigen allerdings, wie aus Richtung der Getreidesilos auf die YPG-Kämpfer gefeuert wird.

Nach YPG-Angaben konnte der Angriff am Grenzübergang ebenso zurückgeschlagen werden wie eine zeitgleich an der Süd- und Ostseite der Stadt gestartete IS-Offensive. Trotz großer Verluste würde der IS jedoch permanent Verstärkung bekommen, berichtete die Kommandantin der den YPG angeschlossenen Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Kobani, Meysa Abdo, gegenüber Firat News. Dabei handele es sich vor allem um ausländische Dschihadisten.

Nach YPG-Angaben liegt die Initiative inzwischen bei den Verteidigern von Kobani, die jetzt 75 bis 80 Prozent des Stadtgebietes kontrollierten und nun Haus um Haus freikämpften. Eine Schlüsselrolle kommt dabei 150 Peschmerga der irakisch-kurdischen Regionalregierung zu. Diese kämpfen zwar nicht direkt an der Front, geben aber den nur leichtbewaffneten YPG gegen die mit Panzern angreifenden Djihadisten Feuerschutz mit Mörsern und Raketenwerfern.

Gekürzt in junge Welt 30.11.2014


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