Belagertes Kobani

Gefechte in syrischer Grenzstadt. Flüchtlinge unzureichend versorgt


Flüchtlinge aus Kobani in Suruc

Nick Brauns

Die Lage in der seit zwei Monaten von den Dschihadisten des »Islamischen Staates« (IS) angegriffenen, überwiegend von Kurden bewohnten Stadt Kobani (arabisch: Ain Al-Arab) im Norden Syriens bleibt »sehr kritisch«. Das erklärte die Kovorsitzende der in den kurdischen Selbstverwaltungsgebieten in Syrien führenden Partei der Demokratischen Einheit (PYD), Asia Abdullah, in der Nacht zum Mittwoch telefonisch aus Kobani gegenüber dem Kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad. Die an der Grenze zur Türkei gelegene Stadt werde weiterhin von drei Seiten belagert, zwei Stadtteile befänden sich noch unter Kontrolle des IS. Mit Unterstützung der Anfang November in Kobani eingetroffenen 150 Peschmerga-Kämpfer der irakisch-kurdischen Regionalregierung, die panzerbrechende Waffen mit sich führen, sei es den Volksverteidigungseinheiten YPG allerdings gelungen, den weiteren IS-Vormarsch zu stoppen. »Wir werden die Stadt Haus für Haus befreien, und wir sind entschlossen, den Terrorismus und den Fundamentalismus zu vernichten«, zeigte sich YPG-Kommandantin Narine Afrine zuversichtlich, als sie kürzlich bei einer Solidaritätsveranstaltung in Paris zugeschaltet war. Gleichzeitig beklagt die PYD eine schwindende Unterstützung durch die US-geführte Koalition, die »Panzer und anderen schwere Waffen des IS nur vermindert« mit Luftschlägen angreifen würden. Weiterhin unerfüllt sei die zentrale Forderung, die Eröffnung eines Korridors über türkisches Staatsgebiet, durch den humanitäre Hilfe sowie weitere Kämpfer aus den beiden anderen zum kurdischen Selbstverwaltungsgebiet in Syrien gehörenden Kantonen nach Kobani gelangen könnten.

Die türkische Regierung verhindert dies. Sie bezeichnet die YPG als terroristische Organisation. Entsprechend verurteilte vergangene Woche der Strafgerichtshof in der Provinzhauptstadt Mardin erstmals einen YPG-Kämpfer wegen »Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation« zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren. Der Mann war 2013 verhaftet worden, als er zur Behandlung einer Verwundung illegal in die Türkei eingereist war. Weiterhin gehen Armee und Polizei gewaltsam gegen Solidaritätsmahnwachen an der Grenze zu Kobani vor. Bei einem Angriff auf eine grenzüberschreitende Menschenkette wurde vergangene Woche die in einer sozialistischen Organisation aktive 28jährige Istanbuler Studentin Kader Ortakaya von türkischen Soldaten erschossen. In den letzten Tagen verhaftete die türkische Polizei zudem bei Razzien in mehreren kurdischen Städten zahlreiche Menschen aufgrund ihrer Teilnahme an Solidaritätsdemonstrationen für Kobani im Oktober.

Rund 200.000 Flüchtlinge aus Kobani, die sich in der türkischen Provinz Sanliurfa aufhalten, sind durch den baldigen Wintereinbruch bedroht. Viele von ihnen hausen in Zeltlagern, Garagen, Industrieanlagen und provisorisch umgebauten Viehställen. Ihre Versorgung ist unzureichend. Es bestehe dringender Bedarf an Zelten, Heizstrahlern und Winterkleidung, um die Flüchtlingslager wintertauglich zu machen, rief Halil Akbas von der linkskurdischen Partei der demokratischen Regionen DBP in Sanliurfa gegenüber der Agentur FIRAT zu verstärkter Solidarität auf.

junge Welt 13.11.2014


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