Verstärkung für Kobani

Peschmerga treffen in der Türkei ein – Bündnisabkommen zwischen irakischen und syrischen Kurden

KCK
Delegationen von TEV-DEM und KNK treffen sich mit der Führung der Gemeinschaft der Kommunen Kurdistans KCK in den Kandilbergen

von Nick Brauns, Diyarbakir

Nach tagelangem Warten sind am Mittwoch Morgen rund 150 Peschmerga-Soldaten der Kurdischen Regionalregierung im Nordirak in der Stadt Sanliurfa im Südosten der Türkei eingetroffen. Sie sollen die Verteidiger der seit rund 45 Tagen vom „Islamischen Staat“ mit schweren Waffen angegriffenen Stadt Kobani im Norden Syriens unterstützen. Ein Teil der Peschmerga landete auf dem Flughafen von Sanliurfa, während der andere Teil mit den Waffen über den Landweg entlang der türkisch-syrischen Grenze fuhr. Die Peschmerga führen keine Panzer oder schweren Artilleriegeschütze mit sich, doch sie sollen über panzerbrechende Waffen verfügen, die die nur leicht bewaffneten Volksverteidigungseinheiten YPG in Kobani dringend benötigen. Schon am irakisch-türkischen Grenzübergang Habur empfingen jubelnde Kurden den Militärkonvoy. Auch entlang der Route über Mardin und Viransehir nach Suruc säumten Menschenmengen mit Fahnen der Kurdischen Regionalregierung, der PKK und der PYD die Straßen, um die Peschmerga zu feiern. Der türkische Geheimdienst MIT soll nun den Übertritt der Peschmerga nach Kobani organisieren. Unterdessen wurde bekannt, dass rund 200 Kämpfer der von Ankara im Kampf gegen die syrische Regieung unterstützen Freien Syrischen Armee mit mehreren Fahrzeugen am Mittwoch die Grenze nach Kobani überquerten, um den IS zu bekämpfen.

Die türkische Regierung hatte den Durchmarsch der Peschmerga tagelang verzögert. So gab es Befürchtungen, unter die Peschmerga könnten sich gesuchte Mitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mischen. Die jetzt in Sanliurfa eingetroffenen Peschmerga unter Führung eines Bruders des irakisch-kurdischen Präsidenten Massud Barzani mussten ihre Namen bei der türkischen und US-Regierung registrieren lassen. Zudem mussten sie sich verpflichten, ihre Waffen nicht an die YPG in Kobani weiterzugeben, die von der türkischen Regierung als terroristische Organisation betrachtet werden. „Die Peschmerga sollten sich an der Verteidigung des kurdischen Volkes überall beteiligen. In vielen Teilen Südkurdistans (Nordirak), vor allem in Şengal kämpfen unsere Einheiten zusammen mit ihnen gegen den IS“, erklärte der PYD-Oberkommandierende Sipan Hemo. „Ihre Ankunft ist sehr angebracht und gut.“ Sie sei auch ein Antrieb für die Kampfmoral.

Möglich wurde die Kooperation zwischen YPG und Peschmerga durch das in der vergangenen Woche im nordirakischen Dohuk zwischen der die im syrisch-kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava in Nordsyrien führenden linksgerichteten Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihrer Verbündeten aus der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft (TEV-DEM) mit den über einem Dutzend im Kurdischen Nationalrat (KNR) zusammengeschlossenen Parteien. Bislang hatten die dem irakisch-kurdischen Präsidenten Massud Barzani nahestehenden konservativ-nationalistisch orientierten KNR-Parteien, die in Rojava kaum über Einfluss unter der Bevölkerung verfügen, die Gremien der auf Volksräten beruhenden Selbstverwaltung boykottiert und der linksgerichteten PYD die Errichtung einer Einparteiendiktatur vorgeworfen. Die kurdische Regionalregierung hatte zudem ein Embargo gegen Rojava verhängt, so dass selbst humanitäre Güter nur willkürlich über die Grenze gebracht werden konnten. Im jetzt geschlossenen Dohuk-Abkommen einigten sich Tev-Dem und KNR nun auf ein paritätisch besetztes Beratungsgremium aller kurdischen Parteien in Syrien. Die KNR-Parteien willigten zudem ein, sich an den Selbstverwaltungsgremien einschließlich der Landesverteidigung zu beteiligen. Das Dohuk-Abkommen ginge auf eine Einladung der KDP-nahen Parteien zurück und sei möglich geworden durch die gemeinsame Bedrohung durch den IS, erklärte TEV-DEM-Exekutivratsmitglied Aldar Xelil im Interview mit der Tageszeitung Özgür Gündem. So hatten YPG- und PKK-Kämpfer im August nach dem Angriff des IS auf kurdische Siedlungsgebiete im Irak auf Seiten der Peschmerga eingegriffen und ein weiteres Vordringen des IS auf die irakisch-kurdische Hauptstadt Erbil verhindert.


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