Mieses Spiel um Kobani

Trotz Erfolgsmeldungen im Kampf gegen Dschihadistenmiliz IS dauert deren Bombardement der kurdischen Stadt an. Türkei will »Freie Syrische Armee« in Kobani einsetzen

Nick Brauns; Sanliurfa

Peschmerga-Kämpfer der kurdischen Regionalregierung im Nordirak haben die irakische Stadt Zumar zurückerobert. Die Kämpfer der Miliz »Islamischer Staat« (IS) hätten sich vollständig aus der strategisch wichtigen Stadt zurückgezogen, meldete der Kommandant einer Peschmerga-Eliteeinheit, Scheich Ahmad Mohammad, am Samstag. Zumar liegt zwischen der größten von den Dschihadisten im Irak gehaltene Stadt Mossul und den vom IS in Syrien kontrollierten Gebieten,

Laut Medienberichten konnten auch die Verteidiger der seit über 40 Tagen von IS angegriffenen Stadt Kobani (arabisch: Ain Al-Arab) im Norden Syriens in den letzten Tagen Boden gutmachen. »Die seit Wochen andauernden Luftschläge der internationalen Koalition bringen die Terrormiliz Islamischer Staat in der Stadt allmählich in Bedrängnis«, meldete der Sender NTV am Samstag. Solchen Erfolgsmeldungen steht die für Beobachter vor Ort sichtbare Realität entgegen, dass die Innenstadt von Kobani sowie das Gebiet um den Grenzübergang zur Türkei in den letzten Tagen massiv aus Panzern, Raketenwerfern und Mörsern des IS beschossen wurde. »Weil sie angesichts des starken Widerstands ihre Hoffnung auf einen Sieg verloren haben, bombardieren die IS-Banden die von Zivilisten bewohnten Gebiete«, erklären die Volksverteidigungseinheiten (YPG) den Widerspruch zwischen ihren Meldungen über schwere Verluste des IS einerseits und dem massiven Bombardement andererseits. Über den Fernsehsender Nuce verbreitete Aufnahmen aus Kobani zeigen ganze Straßenzüge in Trümmern. Jeden Tag würden neue Leichen getöteter YPG-Kämpfer ins Krankenhaus von Suruc gebracht, bestätigte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung der grenznahen Stadt in der Türkei.
US-Luftangriffe reduziert

Die Luftangriffe der US-geführten Allianz gegen den IS waren in den vergangenen Tagen an einer Hand abzuzählen. So entsteht der Eindruck, die Kampfflugzeuge schössen ihre Raketen rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit ab, solange die Vertreter der internationale Presse noch im Grenzgebiet versammelt sind, während die Artillerie des IS anschließend die ganze Nacht lang ungestört weiterfeuern kann. »Die USA wollen den IS nicht vernichten, sondern lediglich schwächen. Sie setzten darauf, dass sich die Kurden und der IS gegenseitig aufreiben«, vermutet der Vorsitzende der prokurdischen Partei der Demokratischen Regionen (DBP) von Sanliurfa, Celal Erkmen, gegenüber junge Welt.

Am Freitag abend hatte die türkische Armee unter Einsatz von Reizgas zwei von der Presse, aber auch Bewohnern umliegender Dörfer zur Beobachtung genutzte Hügel nahe Kobani aus angeblichen Sicherheitserwägungen geräumt. Einwohner der Grenzdörfer vermuten allerdings, dass so türkische Unterstützung für den IS vertuscht werden soll. Nahe der Grenze aufgefahrene türkische Panzer hätten das Feuer auf die von der YPG-kontrollierten Westseite von Kobani eröffnet, behaupten Dorfbewohner. Vor der Räumung des »Pressehügels« war aber ein türkischer Kampfpanzer dabei zu beobachten, wie er in eine Gefechtsstellung auf einer Hügelkuppe fuhr – das Geschützrohr auf Kobani gerichtet.
Warten auf Peschmerga

Weiter geht das Verwirrspiel um Peschmergakräfte, die mit panzerbrechenden Waffen Kobani zur Hilfe kommen sollen. Der Zeitpunkt ihres Eingreifens sei militärisches Geheimnis, dementierte das Verteidigungsministerium der kurdischen Regionalregierung im nordirakischen Erbil Presseberichte, wonach sich die auf 150 bis 200 Mann bezifferten Kämpfer am Sonntag über die Türkei auf den Weg machen würden. Ankara beharre auf erkennungsdienstliche Behandlung der Peschmerga, damit sich keine gesuchten PKK-Kämpfer darunter mischten, erfuhr junge Welt aus Kreisen der DBP.

Offenbar handelt es sich um ein Spiel auf Zeit, denn gleichzeitig machte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Einsatz von 1.300 von der Türkei zum Kampf gegen die syrische Regierung hochgerüsteten Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) in Kobani stark. Auf kurdischer Seite wird das als vergiftetes Angebot verstanden, da die FSA mehrheitlich der Selbstverwaltung in Rojava feindlich gegenübersteht. »Wir stehen zwar mit der FSA in Kontakt, aber bislang wurde kein Abkommen getroffen«, widersprach der Kovorsitzende der in den syrischen Kurdengebieten politisch führenden Partei der Demokratischen Union (PYD) Salih Muslim am Samstag Erdogans Behauptung, wonach die PYD einem FSA-Einsatz zugestimmt habe. Anstatt in das kurdische Selbstverwaltungsgebiet zu kommen, solle die FSA eine zweite Front gegen den IS zwischen Aleppo und Kobani eröffnen, forderte Muslim.

Eine Kooperation mit der FSA müsste im Rahmen von »Euphrat-Vulkan« stattfinden, erklärte die YPG unter Bezugnahme auf dieses im September mit einigen FSA-Brigaden geschlossenen Verteidigungsbündnis gegen den IS.

junge Welt 27.10.2014


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