Unter einem Dach

YPG in Operationszentrum der Anti-IS-Allianz eingebunden. Syrische Kurden verweigern Söldnerdienste für Ankara

Nick Brauns

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Bei den Kämpfen um die kurdische Stadt Kobani (arabisch: Ain Al-Arab) im Norden Syriens wurden innerhalb eines Monats rund 1.300 Dschihadisten des »Islamischen Staates« (IS) getötet. Diese Zahl meldeten die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG, die ihre eigenen Verluste auf knapp 140 Gefallene bezifferten. Es sei gelungen, zehn Panzer und zahlreiche Fahrzeuge des IS zu zerstören. Die US-geführte Allianz gegen die islamistische Miliz flog am Dienstag und Mittwoch nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums rund 40 Luftangriffe auf Ziele bei Kobani. Zwar werde die Stadt weiterhin von kurdischen Kämpfern kontrolliert, doch die Gefahr, dass sie in die Hände des IS falle, sei noch nicht gebannt, erklärte eine Pentagon-Sprecherin am Donnerstag.

Bei den als »Operation natürliche Entschlossenheit« titulierten Luftangriffen gibt es inzwischen eine enge Kooperation mit den YPG, bestätige deren Sprecher Polat Can gegenüber der liberalen türkischen Tageszeitung Radikal. »Wir handeln nun gemeinsam mit den Kräften der internationalen Koalition. Wir haben eine direkte Partnerschaft im Bereich des Informationsaustausches, im militärischen Bereich sowie bei den Luftangriffen.« Ein YPG-Vertreter sei in das Operationszentrum, in dem die Luftangriffe koordiniert werden, eingebunden.

Nach Angaben der Kantonalverwaltung befinden sich weiterhin rund 2.000 Zivilisten in der umkämpften Stadt. Unterstützt von Luftangriffen gelang es den YPG in den letzten Tagen, den IS aus mehreren Vierteln zu verdrängen. Die Dschihadisten würden nach Angaben des Vizeaußenministers des Kantons Kobani, Idris Nassen, inzwischen weniger als 20 Prozent des Stadtgebietes kontrollierten. »Wir brauchen mehr Luftangriffe, aber auch mehr Waffen und Munition, um sie am Boden bekämpfen zu können«, forderte Nassen. Von der kurdischen Regionalregierung im Nordirak versprochene Waffenlieferungen hätten die Stadt bislang nicht erreicht, erklärte der Verteidigungsminister von Kobani, Ismet Seyh Hesen.

Zur Beilegung ihrer Differenzen angesichts der gemeinsamen Bedrohung durch den IS trafen am Mittwoch im nordirakischen Erbil der Kovorsitzende der in der westkurdischen Region Rojava führenden Partei der Demokratischen Union (PYD), Salih Muslim, und der Präsident der kurdischen Regionalregierung, Massud Barsani, zusammen. Das Regionalparlament in Erbil verabschiedete zugleich eine Resolution, in der die Aufnahme offizieller Beziehungen mit dem kurdischen Selbstverwaltungsgebiet gefordert wird. Barsani hatte bislang eine Anerkennung der drei Kantone, in denen die Anhänger seine Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) kaum über Einfluss verfügen, abgelehnt und ein Embargo verhängt.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu konkretisierte am Donnerstag gegenüber dem Sender Al Jazeera die von Ankara geforderte Pufferzone, die von einer internationalen Koalition in Nordsyrien errichtet werden solle. Demnach handelt es sich um ein Gebiet von Latakia am Mittelmeer bis zur irakischen Grenze, das damit auch die drei zu Rojava gehörenden Selbstverwaltungskantone einschließt.

Die syrische Regierung erklärte unterdessen, dass sie unter allen Umständen eine Puffer- und Flugverbotszone im Norden des Landes ablehnt. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu konkretisierte am Donnerstag gegenüber dem Sender Al-Dschasira die geforderte Pufferzone. Demnach handelt es sich um ein Gebiet von Latakia am Mittelmeer bis zur irakischen Grenze, das damit auch die drei zu Rojava gehörenden Selbstverwaltungskantone einschließt. Damaskus werde in einem solchen Fall nach Beratungen mit seinen Partnern – gemeint sind wohl die Regierungen Russlands und des Iran – die notwendigen Maßnahmen zum Schutz der syrischen Souveränität ergreifen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf das Außenministerium. Während die USA sich skeptisch gegenüber den türkischen Forderungen zeigen, unterstützt die französische Regierung diesen Plan.

Auch die Kurden in Syrien, deren Schutz eine solche Pufferzone offiziell dienen soll, lehnen einen ausländischen Bodentruppeneinsatz – insbesondere unter Beteiligung der Türkei – ab. Der PYD-Kovorsitzende Muslim wies gegenüber der Zeitung Hürriyet zudem Forderungen aus Ankara zurück, wonach sich die YPG der vom Westen unterstützten »Freien Syrischen Armee« zum Sturz des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad anschließen sollten. uch die Kurden in Syrien, deren Schutz eine solche Pufferzone offiziell dienen soll, lehnen einen ausländischen Bodentruppeneinsatz – insbesondere unter Beteiligung der Türkei – ab. Der PYD-Co-Vorsitzende Salih Muslim wies zudem Forderungen aus Ankara zurück, wonach sich die YPG dem Kampf der vom Westen unterstützten Freien Syrischen Armee zum Sturz des syrischen Präsidenten Bashar al Assad anschließen sollten. „Wir haben nichts mit dem Regime zu tun. Wir haben ihre Kräfte auch aus unseren Siedlungsgebieten vertrieben“, erklärte Muslim gegenüber der Tageszeitung Hürriyet bezüglich der syrischen Regierung. Doch die türkische Regierung wolle, „dass wir praktisch als ihre Soldaten gegen Damaskus in den Krieg ziehen. Wir werden das nicht machen. Wir als Kurden haben schon seit längerem die Lehren daraus gezogen, was es mit sich bringt, wenn man für andere Mächte die Soldaten spielt.“ Die YPG kämpfe alleine zur Verteidigung der kurdischen Siedlungsgebiete.

leicht gekürzt in: junge Welt 17.10.2014


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