Zehntausende für Kobani

Großdemonstration kurdischer Organisationen in Düsseldorf. Deutsche Journalisten in Diyarbakir als »Spione« festgenommen. PKK droht mit Guerillakrieg in der Türkei

Nick Brauns

Zehntausende Menschen zeigten am Samstag auf einer bundesweiten Demonstration in Düsseldorf ihre Solidarität mit der seit einem Monat von der Miliz »Islamischer Staat« (IS) angegriffenen kurdischen Stadt Kobani (Ain Al-Arab) im Norden Syriens. Die Polizei sprach von 20.000 Teilnehmern, das kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad zählte 80.000. Die mehrheitlich kurdischen Demonstranten, von denen einige Fahnen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) schwenkten, forderten ein Ende des PKK-Verbots und die Freilassung des Parteichefs Abdullah Öcalan aus türkischer Haft.

In den kurdischen Landesteilen der Türkei gingen am Wochenende erneut Hunderttausende Menschen gegen die Unterstützung der Regierungspartei AKP für den IS auf die Straße. Dabei kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. In Diyarbakir wurden drei deutsche Journalisten, die über die Proteste berichteten, festgenommen. Ruben Martin Neugebauer und Christian Grodotzki sowie der auch für junge Welt tätige Fotograf Björn Kietzmann würden der Spionage und Aufwiegelei bezichtigt, teilte ein Kollege über Twitter mit. Auch Pressevertreter aus anderen Ländern sollen verhaftet worden sein.

Die AKP sei verantwortlich »für das, was sich in Kobani und in der Türkei abspielt«, erklärte der ranghohe PKK-Führer Cemil Bayik in einem am Samstag ausgestrahlten Interview mit dem ARD-Hörfunk. »Wenn sie so weiter machen, dann wird die Guerilla den Verteidigungskrieg zum Schutz des Volkes wieder aufnehmen«, drohte Bayik angesichts von über 30 durch Sicherheitskräfte und islamistische Paramilitärs in der Türkei getöteten Demonstranten. PKK-Führer Öcalan hat der Regierung ein Ultimatum bis Mitte Oktober gesetzt, um durch praktische Schritte den an einem seidenen Faden hängenden Friedensprozess zu retten.

Den Verteidigern von Kobani gelang es am Wochenende, ein weiteres Vordringen des IS zu verhindern. Als »sehr hilfreich« bezeichnete der Außenminister des Kantons, Idris Nassan, die jüngsten US-Luftangriffe. »Wir geben die Koordinaten der IS-Stellungen durch. Seither trifft die Allianz die IS-Panzer und Nachschubkolonnen«, berichtete Nassan von einer Kooperation mit den Volksverteidigungseinheiten YPG. Im Irak konnte eine Offensive von IS-Verbänden in Richtung Bagdad von Armee-Einheiten und Stammeskriegern gestoppt werden, doch in schiitischen Vierteln der Hauptstadt wurden mindestens 23 Menschen bei Bombenanschlägen getötet.

Ab Montag abend treffen die Militärchefs der Anti-IS-Koalition in Washington zur Beratung über ihr weiteres Vorgehen zusammen. Medienberichten zufolge plädiert die US-Regierung für ein Eingreifen türkischer Bodentruppen bei Kobani. Auch CDU-Außenpolitiker Andreas Schockenhoff und SPD-Fraktionsvize Rolf Mützenich sprachen sich dafür aus. Die türkische Regierung lehnt einen Alleingang bislang ab und fordert einen internationalen Militäreinsatz in Syrien, der sich auch gegen die Regierung von Präsident Baschar Al-Assad richten müsse. Von kurdischer Seite wird ein ausländischer Bodentruppeneinsatz abgelehnt. Die Verteidiger von Kobani fordern statt dessen einen Hilfskorridor durch türkisches Gebiet, um Unterstützung aus den anderen kurdischen Selbstverwaltungskantonen sowie dem Nordirak zu erhalten. Auch der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan De Mistura, schloss sich dieser Forderung an.

Saudi-Arabien spiele im Kampf gegen den IS eine zentrale Rolle, behauptete Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Sonntag vor Beginn einer Reise in das Golfkönigreich, das bislang eher als ein Hauptfinanzier der Dschihadisten in Erscheinung getreten war.

junge Welt 13.10.2014


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