Archiv für Oktober 2014

1.November: Global Rally for Kobane and Shengal:


Global Rally for Kobane and Shengal:

Samstag | 14 Uhr | Adenauerplatz

FACEBOOK-EVENT

Verstärkung für Kobani

Peschmerga treffen in der Türkei ein – Bündnisabkommen zwischen irakischen und syrischen Kurden

KCK
Delegationen von TEV-DEM und KNK treffen sich mit der Führung der Gemeinschaft der Kommunen Kurdistans KCK in den Kandilbergen

von Nick Brauns, Diyarbakir

Nach tagelangem Warten sind am Mittwoch Morgen rund 150 Peschmerga-Soldaten der Kurdischen Regionalregierung im Nordirak in der Stadt Sanliurfa im Südosten der Türkei eingetroffen. Sie sollen die Verteidiger der seit rund 45 Tagen vom „Islamischen Staat“ mit schweren Waffen angegriffenen Stadt Kobani im Norden Syriens unterstützen. Ein Teil der Peschmerga landete auf dem Flughafen von Sanliurfa, während der andere Teil mit den Waffen über den Landweg entlang der türkisch-syrischen Grenze fuhr. Die Peschmerga führen keine Panzer oder schweren Artilleriegeschütze mit sich, doch sie sollen über panzerbrechende Waffen verfügen, die die nur leicht bewaffneten Volksverteidigungseinheiten YPG in Kobani dringend benötigen. Schon am irakisch-türkischen Grenzübergang Habur empfingen jubelnde Kurden den Militärkonvoy. Auch entlang der Route über Mardin und Viransehir nach Suruc säumten Menschenmengen mit Fahnen der Kurdischen Regionalregierung, der PKK und der PYD die Straßen, um die Peschmerga zu feiern. Der türkische Geheimdienst MIT soll nun den Übertritt der Peschmerga nach Kobani organisieren. Unterdessen wurde bekannt, dass rund 200 Kämpfer der von Ankara im Kampf gegen die syrische Regieung unterstützen Freien Syrischen Armee mit mehreren Fahrzeugen am Mittwoch die Grenze nach Kobani überquerten, um den IS zu bekämpfen.

Die türkische Regierung hatte den Durchmarsch der Peschmerga tagelang verzögert. So gab es Befürchtungen, unter die Peschmerga könnten sich gesuchte Mitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mischen. Die jetzt in Sanliurfa eingetroffenen Peschmerga unter Führung eines Bruders des irakisch-kurdischen Präsidenten Massud Barzani mussten ihre Namen bei der türkischen und US-Regierung registrieren lassen. Zudem mussten sie sich verpflichten, ihre Waffen nicht an die YPG in Kobani weiterzugeben, die von der türkischen Regierung als terroristische Organisation betrachtet werden. „Die Peschmerga sollten sich an der Verteidigung des kurdischen Volkes überall beteiligen. In vielen Teilen Südkurdistans (Nordirak), vor allem in Şengal kämpfen unsere Einheiten zusammen mit ihnen gegen den IS“, erklärte der PYD-Oberkommandierende Sipan Hemo. „Ihre Ankunft ist sehr angebracht und gut.“ Sie sei auch ein Antrieb für die Kampfmoral.

Möglich wurde die Kooperation zwischen YPG und Peschmerga durch das in der vergangenen Woche im nordirakischen Dohuk zwischen der die im syrisch-kurdischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava in Nordsyrien führenden linksgerichteten Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihrer Verbündeten aus der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft (TEV-DEM) mit den über einem Dutzend im Kurdischen Nationalrat (KNR) zusammengeschlossenen Parteien. Bislang hatten die dem irakisch-kurdischen Präsidenten Massud Barzani nahestehenden konservativ-nationalistisch orientierten KNR-Parteien, die in Rojava kaum über Einfluss unter der Bevölkerung verfügen, die Gremien der auf Volksräten beruhenden Selbstverwaltung boykottiert und der linksgerichteten PYD die Errichtung einer Einparteiendiktatur vorgeworfen. Die kurdische Regionalregierung hatte zudem ein Embargo gegen Rojava verhängt, so dass selbst humanitäre Güter nur willkürlich über die Grenze gebracht werden konnten. Im jetzt geschlossenen Dohuk-Abkommen einigten sich Tev-Dem und KNR nun auf ein paritätisch besetztes Beratungsgremium aller kurdischen Parteien in Syrien. Die KNR-Parteien willigten zudem ein, sich an den Selbstverwaltungsgremien einschließlich der Landesverteidigung zu beteiligen. Das Dohuk-Abkommen ginge auf eine Einladung der KDP-nahen Parteien zurück und sei möglich geworden durch die gemeinsame Bedrohung durch den IS, erklärte TEV-DEM-Exekutivratsmitglied Aldar Xelil im Interview mit der Tageszeitung Özgür Gündem. So hatten YPG- und PKK-Kämpfer im August nach dem Angriff des IS auf kurdische Siedlungsgebiete im Irak auf Seiten der Peschmerga eingegriffen und ein weiteres Vordringen des IS auf die irakisch-kurdische Hauptstadt Erbil verhindert.

Retter Kobanês – Totengräber Rojavas

Liebe Freundinnen und Freunde,

anlässlich des anhaltenden Kampfes um Kobanê und des internationalen Aktionstags am 01. November möchten wir auf einen neuen Beitrag von Erol Babacan im Infobrief Türkei aufmerksam machen.

Die vielen Unkenrufe, die den schnellen Fall der Stadt Kobanê verkündeten, wurden widerlegt. Die Ausweitung der Hilfestellung und die angekündigte Öffnung türkischen Staatsgebiets für Peschmerga aus dem irakischen Kurdistan scheinen eine Wende darzustellen. Haben Appelle an die USA und andere Kräfte, sich verstärkt für die Verteidigung von Rojava einzusetzen, gefruchtet? Wird Rojava nun in die Anti-IS-Koalition eingebunden?

Artikel im Infobrief Türkei weiterlesen

Wer wenn nicht wir? Wann wenn nicht jetzt? Solidarität mit Kobani!

„Solidarität mit Rojava“ – Kulturschaffende und Intellektuelle unterstützen die Selbstverteidigungskräfte (YPG/YPJ) in den kurdischen Gebieten Nordsyriens.
Mit einem Aufruf und einer Geldspende unterstützen zahlreiche Personen die demokratische Selbstverwaltung in den kurdischen Gebieten Nordsyriens.

In ihrem Aufruf heißt es:

„Es ist allerhöchste Zeit, nicht nur von der Solidarität mit den Menschen in Rojava zu reden, sondern sie auch in die Tat umzusetzen. Die Commune von Rojava muss erhalten bleiben – dies ist nur mit der Selbstverteidigung möglich. Mit unserer Unterschrift spenden wir für die Selbstverteidigungskräfte – YPG/YPJ – in Rojava und rufen alle auf, dies ebenfalls zu tun.“

Weiterlesen auf der Website der Kampagne

Solidarität mit Kobane

Mahnwache von Dorfbewohnern, Flüchtlingen und Aktivisten gegen IS-Terror in Dörfern entlang der Grenze

Mieses Spiel um Kobani

Trotz Erfolgsmeldungen im Kampf gegen Dschihadistenmiliz IS dauert deren Bombardement der kurdischen Stadt an. Türkei will »Freie Syrische Armee« in Kobani einsetzen

Nick Brauns; Sanliurfa

Peschmerga-Kämpfer der kurdischen Regionalregierung im Nordirak haben die irakische Stadt Zumar zurückerobert. Die Kämpfer der Miliz »Islamischer Staat« (IS) hätten sich vollständig aus der strategisch wichtigen Stadt zurückgezogen, meldete der Kommandant einer Peschmerga-Eliteeinheit, Scheich Ahmad Mohammad, am Samstag. Zumar liegt zwischen der größten von den Dschihadisten im Irak gehaltene Stadt Mossul und den vom IS in Syrien kontrollierten Gebieten,

Laut Medienberichten konnten auch die Verteidiger der seit über 40 Tagen von IS angegriffenen Stadt Kobani (arabisch: Ain Al-Arab) im Norden Syriens in den letzten Tagen Boden gutmachen. »Die seit Wochen andauernden Luftschläge der internationalen Koalition bringen die Terrormiliz Islamischer Staat in der Stadt allmählich in Bedrängnis«, meldete der Sender NTV am Samstag. Solchen Erfolgsmeldungen steht die für Beobachter vor Ort sichtbare Realität entgegen, dass die Innenstadt von Kobani sowie das Gebiet um den Grenzübergang zur Türkei in den letzten Tagen massiv aus Panzern, Raketenwerfern und Mörsern des IS beschossen wurde. »Weil sie angesichts des starken Widerstands ihre Hoffnung auf einen Sieg verloren haben, bombardieren die IS-Banden die von Zivilisten bewohnten Gebiete«, erklären die Volksverteidigungseinheiten (YPG) den Widerspruch zwischen ihren Meldungen über schwere Verluste des IS einerseits und dem massiven Bombardement andererseits. Über den Fernsehsender Nuce verbreitete Aufnahmen aus Kobani zeigen ganze Straßenzüge in Trümmern. Jeden Tag würden neue Leichen getöteter YPG-Kämpfer ins Krankenhaus von Suruc gebracht, bestätigte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung der grenznahen Stadt in der Türkei.
US-Luftangriffe reduziert

Die Luftangriffe der US-geführten Allianz gegen den IS waren in den vergangenen Tagen an einer Hand abzuzählen. So entsteht der Eindruck, die Kampfflugzeuge schössen ihre Raketen rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit ab, solange die Vertreter der internationale Presse noch im Grenzgebiet versammelt sind, während die Artillerie des IS anschließend die ganze Nacht lang ungestört weiterfeuern kann. »Die USA wollen den IS nicht vernichten, sondern lediglich schwächen. Sie setzten darauf, dass sich die Kurden und der IS gegenseitig aufreiben«, vermutet der Vorsitzende der prokurdischen Partei der Demokratischen Regionen (DBP) von Sanliurfa, Celal Erkmen, gegenüber junge Welt.

Am Freitag abend hatte die türkische Armee unter Einsatz von Reizgas zwei von der Presse, aber auch Bewohnern umliegender Dörfer zur Beobachtung genutzte Hügel nahe Kobani aus angeblichen Sicherheitserwägungen geräumt. Einwohner der Grenzdörfer vermuten allerdings, dass so türkische Unterstützung für den IS vertuscht werden soll. Nahe der Grenze aufgefahrene türkische Panzer hätten das Feuer auf die von der YPG-kontrollierten Westseite von Kobani eröffnet, behaupten Dorfbewohner. Vor der Räumung des »Pressehügels« war aber ein türkischer Kampfpanzer dabei zu beobachten, wie er in eine Gefechtsstellung auf einer Hügelkuppe fuhr – das Geschützrohr auf Kobani gerichtet.
Warten auf Peschmerga

Weiter geht das Verwirrspiel um Peschmergakräfte, die mit panzerbrechenden Waffen Kobani zur Hilfe kommen sollen. Der Zeitpunkt ihres Eingreifens sei militärisches Geheimnis, dementierte das Verteidigungsministerium der kurdischen Regionalregierung im nordirakischen Erbil Presseberichte, wonach sich die auf 150 bis 200 Mann bezifferten Kämpfer am Sonntag über die Türkei auf den Weg machen würden. Ankara beharre auf erkennungsdienstliche Behandlung der Peschmerga, damit sich keine gesuchten PKK-Kämpfer darunter mischten, erfuhr junge Welt aus Kreisen der DBP.

Offenbar handelt es sich um ein Spiel auf Zeit, denn gleichzeitig machte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Einsatz von 1.300 von der Türkei zum Kampf gegen die syrische Regierung hochgerüsteten Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) in Kobani stark. Auf kurdischer Seite wird das als vergiftetes Angebot verstanden, da die FSA mehrheitlich der Selbstverwaltung in Rojava feindlich gegenübersteht. »Wir stehen zwar mit der FSA in Kontakt, aber bislang wurde kein Abkommen getroffen«, widersprach der Kovorsitzende der in den syrischen Kurdengebieten politisch führenden Partei der Demokratischen Union (PYD) Salih Muslim am Samstag Erdogans Behauptung, wonach die PYD einem FSA-Einsatz zugestimmt habe. Anstatt in das kurdische Selbstverwaltungsgebiet zu kommen, solle die FSA eine zweite Front gegen den IS zwischen Aleppo und Kobani eröffnen, forderte Muslim.

Eine Kooperation mit der FSA müsste im Rahmen von »Euphrat-Vulkan« stattfinden, erklärte die YPG unter Bezugnahme auf dieses im September mit einigen FSA-Brigaden geschlossenen Verteidigungsbündnis gegen den IS.

junge Welt 27.10.2014

Beten gegen IS-Terror

Öffentliches Freitagsgebet gegen den Terror des IS im Dorf Caykara an der Grenze zu Kobani

1. November: Internationaler Aktionstag für die Solidarität mit Kobanê

111

Zum 1. November werden alle Menschen, die sich mit dem Widerstand von Kobanê solidarisieren dazu aufgerufen, in ihren Städten Aktionen, Demonstrationen, Kundgebungen und andere Formen des Protests zu organisieren. Am 1. November soll überall auf der Welt gezeigt werden, dass der Widerstand von Kobanê gegen den IS-Faschismus nicht allein ist. Zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterstützen den Aufruf zur „Global Rally for Kobanê“. Weitere UnterstützerInnen des Aufrufs können sich bei uns melden. Organisiert euch überall in Bündnissen für die Solidarität mit Kobanê und teilt uns per Mail (info@civaka-azad.org) mit, wenn auch in eurer Stadt ein Protest auf die Beine gestellt wird. Nur gemeinsam können wir den IS-Faschismus zerbrechen.

Im Folgenden findet ihr die deutsche Übersetzung und den englischsprachigen Originalaufruf zum „Internationalen Aktionstag für die Solidarität mit Kobanê“ sowie die Namen der bisherigen UnterzeichnerInnen des Aufrufs:

Internationaler Aufruf:

Der IS startete einen großen militärischen Feldzug an mehreren Fronten gegen die kurdische Region Kobanê in Nord-Syrien. Dies ist der dritte IS-Angriff auf Kobanê seit März 2014. Weil der IS bei den vorherigen zwei Gelegenheiten nicht erfolgreich war, greifen sie nun mit stärkeren Kräften an und wollen Kobanê einnehmen.

Im Januar dieses Jahres haben die Kurden in Westkurdistan (Rojava) kommunale Selbstverwaltungen in Form von drei Kantonen aufgebaut. Eines dieser drei Kantone ist Kobanê. Die türkische Grenze liegt im Norden von Kobanê und alle anderen Seiten sind von ISIS-kontrollierten Gebieten umgeben. Der IS hat sich den Grenzen Kobanês mit schweren Waffen aus den USA genähert. Hunderttausende von Zivilisten werden durch den brutalsten Genozid der modernen Geschichte bedroht. Die Menschen von Kobanê versuchen mit leichten Waffen den brutalsten Angriffen von IS-Terroristen zu widerstehen nur mit Hilfe der Volksverteidigungseinheiten in Westkurdistan YPG und YPJ, aber ohne irgendeine internationale Hilfe.

Deshalb ist eine Globale Rally – für Kobanê – für Humanität unverzichtbar.

Die sogenannte internationale Koalition im Kampf gegen den IS hat dem kurdischen Widerstand nicht effektiv geholfen, obwohl diese Staaten Zeugen des andauernden Massakers sind, der gegen Kobanê ausgeführt wird. Sie haben ihre wirklichen internationalen rechtlichen Verpflichtungen nicht erfüllt. Einige Staaten in dieser Koalition, insbesondere die Türkei, gehören zu den finanziellen und militärischen Unterstützern der IS-Terroristen im Irak und in Syrien.
Deshalb ist eine Globale Rally – für Kobanê – für Humanität unverzichtbar.

Wenn die Welt Demokratie im Mittleren Osten will, sollte sie den kurdischen Widerstand in Kobanê unterstützen. Demokratische Autonomie verspricht eine freie Zukunft für alle Menschen in Syrien. In dieser Hinsicht ist das “Modell Rojava” – die säkulare, nicht sektiererische, demokratische Haltung in Rojava das Modell, das Einheit in Vielfalt praktiziert.

Handeln Sie jetzt!

Es ist höchste Zeit, den Global-Players Gründe zur Umkehr zu geben.

Wir ermutigen die Menschen in der ganzen Welt, ihre Solidarität mit Kobanê zu zeigen. Gehen Sie auf die Straßen und demonstrieren Sie!

Wir bitten Sie eindringlich, sich an der Globalen Rally für Kobanê zu beteiligen.

Unterstützen Sie den Widerstand gegen IS – für Kobanê – für Humanität!

14. Oktober 2014

Unterzeichner

»Biji Heval Obama«

Weiter Kämpfe um türkisch-syrische Grenzstadt Kurden werfen Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« Einsatz von Giftgas in Kobani vor und danken dem US-Präsidenten für Luftangriffe.

beerdigung

Nick Brauns/Sanliurfa

Die Kämpfe um die kurdische Stadt Kobani (arabisch: Ain Al-Arab) im Norden Syriens gehen auch in der fünften Woche in unverminderter Härte weiter. Weiterhin kontrollieren die Dschihadisten der Miliz »Islamischer Staat« zwei Stadtviertel sowie die umliegenden Dörfer, zudem werden das Stadtzentrum und der Grenzübergang zur Türkei mit Raketen beschossen. Kurdischen Angaben zufolge soll womöglich auch Giftgas zum Einsatz gekommen sein. Eine Vielzahl von Zivilisten beklagten Ohnmachtsanfälle, Atemnot sowie Rötungen von Augen und Haut, berichtete die Kovorsitzende der in Kobani politisch führenden Partei der demokratischen Union (PYD), Asiya Abdullah, in der Nacht auf Mittwoch telefonisch aus der umkämpften Stadt. Eine Untersuchung in einem türkischen Krankenhaus soll nun klären, ob es sich tatsächlich um die Folgen eines Chemiewaffeneinsatzes handelt.

Während die türkische Regierung sich weigert, YPG-Kämpfer aus den anderen zum Selbstverwaltungsgebiet Rojava gehörenden Kantonen über türkisches Gebiet nach Kobani passieren zu lassen, sollen nun Peschmerga aus der kurdischen Autonomieregion im Nordirak kommen. Bislang habe allerdings noch kein diesbezüglicher Kontakt mit den YPG stattgefunden, berichtete der Präsident von Kobani, Enver Muslim, am Dienstag abend. Die YPG fordern, die Peschmerga müssten ihrem Kommando unterstellt werden. Offenbar herrscht hier ebenso Skepsis gegenüber den Peschmerga, die sich im Irak noch nicht besonders erfolgreich im Kampf gegen den IS gezeigt haben, wie gegenüber den Absichten des irakisch-kurdischen Präsidenten Massud Barzani, der bislang das Selbstverwaltungsgebiet in Nordsyrien mit einem Embargo belegt hatte.

Entlang der 30 Kilometer langen Grenze zwischen der Türkei und der kurdischen Enklave haben sich seit Beginn der Angriffe Mitte September Tausende Menschen versammelt, um ihre Solidarität mit den Verteidigern von Kobani zu zeigen und zu verhindern, dass der IS Unterstützung aus der Türkei erhält. Aus den kleinen Grenzdörfern sind Widerstandskommunen geworden. In Volksküchen werden in großen Töpfen Suppe und Tee für das gemeinsame Essen gekocht. Bürgermeister und Mitarbeiter von Stadtverwaltungen kurdischer Städte in der Türkei beteiligen sich ebenso wie Gewerkschafter aus Ankara, Studenten aus Istanbul und anarchistische Aktivisten aus Europa.

Vom Dach der Moschee des direkt an der Grenze gelegenen Dorfs Caykara aus ist die schwarze Fahne des IS wenige hundert Meter jenseits des Grenzstreifens zu erkennen. Familien, deren Angehörige in den Reihen der YPG kämpfen, beobachten mit banger Miene durch ihre Ferngläser jede Bewegung im knapp vier Kilometer entfernten Kobani. Immer wieder sind Schüsse und Einschläge von Mörsergranaten zu hören, schwarzer Rauch liegt über der Stadt. Für das Auge unsichtbar, nur durch ein fernes Dröhnen erkennbar, kreisen die Kampfflugzeuge der US-geführten Koalition am Himmel. In den vergangenen Tagen ist die Zahl der Luftangriffe wieder deutlich zurückgegangen. Plötzlich lässt eine Detonation den Ort erbeben, nahe der Grenze ist eine Stichflamme zu sehen. Mit Jubel begrüßen die auf dem Dorfplatz Versammelten die von einem US-Jet abgeschossene Rakete auf ein mutmaßliches IS-Ziel. »Biji Heval Obama«, lässt ein alter Mann den US-Präsidenten als »Freund« hochleben. Ironie schwingt in seinen Worten mit, schließlich stammen auch die Waffen des IS aus westlichen Hilfslieferungen an die Aufständischen in Syrien oder die irakische Armee. »In der Not hält sich der Ertrinkende an der Wasserschlange fest«, beschreibt Tahir, ein Mitglied der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP), die Gefühlslage vieler mit einem kurdischen Sprichwort.

Entlang des Grenzstreifens patrollieren türkische Panzer. Mehrfach wurden die Mahnwachen in den vergangenen Wochen von der Militärpolizei überfallen und Dutzende Menschen verletzt. Die nächtlichen Angriffe dienten als Ablenkung, während Lastwagen mit Munition für den IS die Grenze überquerten, berichten Dorfbewohner. Auch Krankenwagen, die verwundete IS-Kämpfer in Krankenhäuser in der türkischen Stadt Urfa bringen, sind zu beobachten. Zwar werden auch YPG-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern behandelt, doch mehrere von ihnen wurden dort bereits verhaftet, weil sie Mitglieder der Arbeiterpartei Kurdistans PKK sein sollen. Die PKK-Fahne ist auch über drei Särge von gefallenen YPG-Kämpfern ausgebreitet, die von einer Menschenmenge vom Krankenhaus in Suruc in einem Trauerzug zum Friedhof gebracht werden. Der Sarg einer Kämpferin wird demonstrativ von Frauen getragen. Nachdem der Imam ein Gebet gesprochen hat, stimmt eine Frau ein Widerstandslied der PKK an. Alle Versammelten stimmen in den Refrain ein. »Berxwedan Jiyane – Leben heißt Widerstand.«

junge Welt 23.10.14

»Schutz vor Klerikalfaschisten«

Neues Konto: Linke Spendenkampagne »Waffen für Rojava« von Postbank gestoppt

Gitta Düperthal

Viele linke Organisationen üben Kritik an Waffenexporten in Krisengebiete. Zumindest wollen sie solche nicht von westlichen Regierungen fordern. Dies tut auch die »Neue antikapitalistische Organisation« (NaO) nicht. Sie unterstützt aber auf ihre Weise die Verteidiger von Kobani. Die überwiegend von Kurdinnen und Kurden bewohnte Grenzstadt in Nordsyrien wird seit Wochen von der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) attackiert – seit Anfang Oktober sammelt die NaO Geld für die militärische Ausrüstung der kurdischen Volks- und Frauenselbstverteidigungskräfte (YPG und YPJ) in der gesamten Region Rojava. Nachdem US-Flugzeuge am vergangenen Sonntag Maschinengewehre, panzerbrechende Waffen, Munition und medizinische Hilfsgüter über Kobani abgeworfen haben, soll die unabhängige linke Kampagne langfristig weitergeführt werden, so Michael Prütz, Aktivist der NaO, am Mittwoch gegenüber junge Welt. »Wir wollen das fortschrittliche selbstverwaltete Gesellschaftsmodell der Kurden in Rojava stützen und unterscheiden klar zwischen imperialistischen Kriegen und einem gerechten Abwehrkampf.« Es gelte, die Bevölkerung der Stadt vor den Klerikalfaschisten des IS zu schützen.

Er teile die linke Kritik an imperialistischen Machenschaften, etwa den kürzlich genehmigten Waffenlieferungen der Bundesregierung an Saudi-Arabien und Katar – auch den Vorwurf, dass die USA den IS erst stark gemacht hätten, so Prütz. Der Vorwurf, linke Organisationen wie NaO ließen sich »in die Logik dieser Kriegsführung hineinziehen«, sei aber nicht nachvollziehbar. Fortschrittliche Kräfte in Kobani müssten unabhängig gefördert werden – eben um nicht in Abhängigkeit von den USA zu geraten. »Die Partei Die Linke kritisieren wir, weil sie ständig davon redet, dass Rojava Unterstützung braucht, aber nicht erkennen lässt, wie das passieren soll«, meint der NaO-Aktivist. »Rojava ist das Spanien unserer Tage.« Damals seien Linke mit Waffenlieferungen an die fortschrittlichen Kräfte der spanischen Republik einverstanden gewesen. Für YPG und YPJ seien durch die aktuelle Kampagne bisher rund 37.000 Euro zusammengekommen. Das Geld werde in einzelnen Tranchen an die YPG und YPJ überwiesen, so Prütz. Bereits am 13. Oktober sei ihm ein Scheck über 20.000 Euro bei einer Pressekonferenz übergeben worden, bestätigte Sherwan Abdulmajid, Vorsitzender der kurdischen Partei der demokratische Union (PYD) in Berlin gegenüber jW. Insgesamt seien bisher 35.000 Euro weitergeleitet worden. »Wir sind dankbar über jede Unterstützung, selbst wenn es ein symbolischer Betrag ist.« Die Gefahr sei noch immer präsent, gerade nach den mutmaßlichen Giftgasattacken des IS.

Bei der Spendensammlung gab es aber ein Problem: Die Postbank hat »Waffen für Rojava« kurzerhand das Konto gekündigt. Laut Prütz überwies sie insgesamt 9.000 Euro an die Spender zurück. Zwar gibt es nun ein neues bei der Frankfurter Sparkasse – leider gingen aber noch Spenden auf das alte Konto ein. Sonst hätte man bereits mehr als 40.000 Euro an YPG und YPJ überweisen können. Ein Sprecher der Deutschen Postbank AG wollte auf jW-Nachfrage wegen des Bankgeheimnisses nicht ins Detail gehen. In den Geschäftsbedingungen sei aber geregelt, dass auf einem Girokonto »das Einsammeln von Fremdgeldern, die für Dritte bestimmt sind«, nicht erlaubt sei – nur für gemeinnützige Organisationen. Die mit dem Fall betraute Rechtsanwältin Lea Voigt empört sich: Das Konto von einem Tag auf den anderen zu kündigen, ohne den Inhaber zu kontaktieren und ihm eine Alternative anzubieten, sei nicht »die feine Art«. Prütz vermutet; »Hätte ich für Tiere im Zoo gesammelt, wäre das Konto vermutlich nicht gesperrt worden.«

Spendenkonto

Empfänger: MD

IBAN: DE98 5005 0201 1243 1674 49

BIC: HELADEF1822

junge Welt 23.10.2014