»Das Wort ›grausam‹ ist weit untertrieben«

Flüchtlinge berichten von bestialischen Morden der IS. Wirksame Gegenwehr nur von kurdischen Verbänden. Gespräch mit Ulla Jelpke

Ulla Jelpke ist innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke

JW: Sie halten sich zur Zeit in Rojava auf, in der selbstverwalteten kurdischen Region im Nordosten Syriens. Dorthin sind in den vergangenen Tagen Zehntausende kurdische Jesiden aus dem Irak geflüchtet – wie ist deren Lage?

UJ: Es sind an die 60000, die vor den Massakern der Terrortrupps des »Islamischen Staats« (IS) in den syrischen Teil Kurdistans entkommen konnten. Die Möglichkeit dazu hatten erst die syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräfte PYD und Guerillakämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans PKK geschaffen – sie waren es nämlich, die den Fluchtkorridor von den Sengal-Bergen bis zur Grenze nach Rojava freigeschossen haben. Im Augenblick dürften sich noch Zehntausende Flüchtlinge in Rojava aufhalten. Viele versuchen, zu Verwandten oder Freunden in die kurdische Autonomieregion im Nordirak (Südkurdistan) zu reisen, werden aber von den dortigen kurdischen Behörden nicht hereingelassen. Journalisten, die ebenfalls an der Grenze abgewiesen worden waren, berichteten mir, daß die Lage der Flüchtlinge katastrophal sei, es gebe weder Zelte noch Medikamente, noch Wasser – und das bei über 40 Grad Hitze.
Ich habe immer wieder gehört, daß die Behörden in der von Massud Barsani regierten Autonomieregion so gut wie gar nichts für ihre vor der IS geflüchteten Landsleute tun – sie sind dort offenbar nicht erwünscht. Ganz anders hier in Rojava: Die Leute machen alles, um ihren geflüchteten Landsleuten zu helfen.

JW: Westkurdistan gilt selbst als bettelarm – welchen Spielraum haben die Behörden?

UJ: Durch das von seiten der Türkei und der Barsani-Regierung verhängte Embargo kommen so gut wie keine Hilfsgüter ins Land. Die Organisa­tion Ärzte ohne Grenzen z.B. wollte 100 Zelte schicken, die werden aber von Barsanis Leuten nicht über die Grenze gelassen.

JW: Sie haben mit Flüchtlingen gesprochen – was berichten sie über die Massaker der IS?

UJ: Das Wort »grausam« ist weit untertrieben. Ich habe Berichte über Massenhinrichtungen gehört; mir wurde geschildert, wie IS-Terroristen einem Vater erst die Gliedmaßen abschlugen, bevor sie ihn köpften – seine gesamte Familie mußte zuschauen. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, christliche oder jesidische Frauen werden entführt und auf dem Sklavenmarkt in Mossul verkauft. Mir wurde mehrfach erzählt, daß IS-Terroristen alte Frauen in Brautkleider gesteckt und sie dann vergewaltigt haben. Das wurde gefilmt, das Opfer wurde anschließend totgeschlagen und den Angehörigen vor die Füße geworfen.
Menschen, die vor dem IS zu Fuß ins Gebirge geflohen sind, mußten fast eine Woche ohne Wasser und Essen ausharren, ehe in den letzten Tagen Hilfslieferungen von Hubschraubern abgeworfen wurden – viele Kinder sollen gestorben sein.

JW: Was haben die PYD und die PKK der IS militärisch entgegenzusetzen? Und was ist mit den Peschmerga, den Soldaten der kurdischen Autonomieregierung im Nord­irak?

UJ: Wegen des Embargos wird keine Militärausrüstung nach Rojava geliefert. PYD und PKK haben zumeist nur Beutewaffen. Trotzdem sind sie tatsächlich die einzige Kraft, die sich dem IS erfolgreich entgegenstellt. In Rojava wurde eine Art Volkspolizei, aufgebaut, die das Eindringen von IS-Terroristen verhindern soll. Viele Flüchtlinge sagten mir: Allah, die PYD und die PKK haben uns gerettet – von den Peschmerga allerdings habe es keine Unterstützung gegeben.

JW: Die USA wollen mit punktuellen Luftangriffen das Vorrücken der IS stoppen. Ist das der richtige Weg?

UJ: Der Angriff von US-Bombern ist exakt der falsche Weg. Zur Erinnerung: Die USA haben doch diese Terrortruppe als Folge des Irak-Krieges und durch die Aufrüstung der syrischen Oppositionsgruppen erst stark gemacht. Jetzt Bomben zu werfen, heißt nichts anderes, als den Irak-Krieg fortzusetzen.

JW: Aber wie kann man den IS stoppen?

UJ: Indem diejenigen mit Waffen und Ausrüstungen unterstützt werden, die als einzige wirksame Gegenwehr gegen diese Mörderbande leisten. Das sind die kurdischen Selbstverteidigungsverbände, die Guerilla und die PYD. Umso absurder ist es, daß sich die PKK weiterhin auf den Terrorlisten von EU und USA befindet, während gleichzeitig Hunderte junger Männer aus Europa in den Reihen des IS morden.

Interview: Karl Faust, junge Welt 12.8.14


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