Kobanê weiterhin in der Umzinglung des „Islamischen Staates“


Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V.

Die Angriffe der Organisation „Islamischer Staat“ (IS, auch ISIS) auf Rojava halten seit mittlerweile mehr als zwei Wochen an. Gegenwärtig haben die Islamisten die Region Kobanê von drei Seiten umzingelt. Sie greifen im Westen von Dscharābulus, im Süden von Şirrīn und im Osten von Girê Spî (Tall Abyad) aus an. Immer wieder erreichen uns auch Meldungen, dass Kämpfer der IS Kobanê vom Norden aus angreifen und hierbei ohne Probleme die türkisch-syrische Grenze überqueren können. Bislang können die Verteidigungskräfte der YPG (Volksverteidigungseinheiten) und der YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) die Angriffe der ISIS erfolgreich abwehren. Bei den Gefechten mit den Kämpfern der IS soll die Zahl der Toten in die Hunderte gehen. Die Islamisten setzen bei ihren Angriffen auch Panzer und schwere Waffen ein, die sie vom irakischen Militär erbeutet und nach Syrien transportiert haben sollen. Darunter sollen sich auch tausende Mörsergranaten und Raketen befinden. Örtliche Quellen berichten, dass die Mitglieder der IS nach Einbruch der Dunkelheit die Vororte von Kobanê unter permanenten Raketenbeschuss setzen. Bislang haben die kurdischen Einheiten insgesamt sieben Dörfer räumen lassen, da die Sicherheitslage der Bewohner durch den Raketenbeschuss und die Gefechte stark gefährdet ist.

Setzen die Islamisten chemische Waffen ein?

Der Sprecher der Volksverteidigungseinheiten (YPG) Rêdûr Xelîl hat am 14. Juli über die Homepage der YPG erklärt, dass ISIS bei ihren Angriffen auf Kobanê wohlmöglich auch chemische Waffen eingesetzt hat. Xelîl rief internationale Organisationen und Menschenrechtsvereine dazu auf, den Fall vor Ort zu untersuchen.

In der Erklärung des YPG-Sprechers heißt es unter anderem: „Seit einiger Zeit ist der Kanton Kobanê brutalen Angriffen der terroristischen Organisation ISIS ausgesetzt. Bei diesen Angriffen setzen die Banden der ISIS verschiedene schwere Waffen ein, darunter auch amerikanische Thermalraketen. Zudem hat das Gesundheitspersonal des Kantons Kobanê bei einer ersten Untersuchung von verletzten und getöteten YPG-KämpferInnen den Verdacht vom Einsatz chemischer Waffen festgestellt. Die Ärzte haben an Leichnamen Spuren von Verbrennungen und weißen Flecken ausgemacht.”

Xelîl macht in der Erklärung darauf aufmerksam, dass dem Gesundheitsteam in Kobanê das nötige Equipment für die abschließende Untersuchung für die Frage, ob chemische Waffen eingesetzt worden sind, fehlt. Aus diesem Grund werden in der Erklärung internationale Organisationen dazu aufgerufen, in Kobanê diesen Verdacht zu überprüfen.

Ein Gesundheitsteam in Kobanê hatte am 8. Juli erklärt, dass auf den Leichnamen von zwei YPG-Kämpfern möglicherweise Spuren des Einsatzes von chemischen Waffen ausfindig gemacht worden sind. Den vollen Aufruf der YPG zu dem möglichen Einsatz von chemischen Waffen durch die IS sowie Fotoaufnahmen der beiden Leichname können bei Interesse zugesendet werden.

Türkische Unterstützung für IS hält an

Eine zwielichtige Rolle bei den Angriffen gegen die Demokratisch-Autonomen Verwaltungen von Rojava spielt weiterhin die Türkei. Trotz der Erstürmung und Festsetzung der Mitarbeiter des türkischen Konsulats durch Kämpfer der IS in Mosul, scheint die Türkei weiterhin die Islamisten im Kampf gegen die Rojava zu unterstützen. So überqueren die Islamisten bei ihren Angriffen auf Kobanê problemlos das Grenzgebiet zur Türkei, während gleichzeitig dieselbe Grenze für humanitäre Unterstützung geschlossen bleibt.

Zudem berichtet die iranischen Nachrichtenagentur „Fars News Agency“, dass die Türkei der IS bei der Beschaffung neuer Kämpfer kräftig unter die Arme greift. Laut einer Meldung der Nachrichtenagentur vom 15.07. sollen mit einer Maschine der Fluglinie Turkish Airways am 2. Juli insgesamt 91 neue Mitglieder für die IS aus Tadschikistan in die Türkei geflogen worden sein. Anschließend sollen türkische Beamte die neuen Kämpfer für die IS von der Türkei aus auch in den Irak transportiert haben. Dieselbe Quelle, die gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur diese Informationen preisgab, erklärte, dass dieser Flug kein Einzelfall sei. Die Türkei habe sich bislang für rund 1000 neue Kämpfer für IS aus Tadschikistan den Transport in den Irak oder nach Syrien organisiert.

Die Abgeordneten der HDP stellten am 17. Juli eine parlamentarische Anfrage zu dem Vorwurf der Organisierung des Transports tadschikischer Islamisten mit den Fluglinien der Turkish Airways in den Irak und nach Syrien. Eine Antwort des Verkehrsministers Lütfi Elvan und des Innenministers Efkan Ala stehen derzeit noch aus.

Großangriff zum Jahrestag der Revolution geplant

Verschiedene Quellen berichten, dass die Islamisten am 19. Juli, dem zweiten Jahrestag der Rojava-Revolution, zu einem Großangriff auf Kobanê ansetzen wollen. Quellen der YPG sprechen davon, dass hierfür derzeit Kämpfer der IS in die Gebiete um Kobanê zusammengezogen werden. Am 19. Juli 2012 hatte die Bevölkerung von Kobanê die Kräfte des Assad-Regimes aus der Stadt vertrieben. In den Folgetagen griff die Revolution von Rojava auch auf weitere Orte im Norden Syriens über.

Neben den anhaltenden Angriffen ist die Lage der Bevölkerung von Kobanê auch durch die immer kritischer werdende Versorgungslage bedroht. Derzeit leidet die Bevölkerung vor allem unter Wasserknappheit. Trotz der Bemühungen der Selbstverwaltungsstrukturen dem entgegenzuwirken, soll es auch zu immer größeren Schwierigkeiten mit der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung kommen. Grund für die schwierige Versorgungslage in der Stadt ist neben der Umzinglung durch IS auch die erneute Schließung des Grenzübergangs zwischen Kobanê und Riha-Pîrsûs (Urfa-Suruç) für humanitäre Hilfe durch die türkische Regierung.

Proteste gegen die Angriffe auf Rojava

Unterdessen werden der Widerstand und die Proteste gegen die Angriffe auf Rojava auch in Nordkurdistan und der Türkei immer größer. So wurden bei Riha (Urfa) in den Grenzregionen zu Rojava vier Besucherzelte aufgeschlagen, die von tausenden Menschen täglich besucht werden. Die Proteste in Riha und anderswo sind allerdings auch immer wieder Angriffsziel der türkischen Sicherheitskräfte.

Am 17. Juli besuchte eine Delegation des Menschenrechtsvereins IHD die Besucherzelte an der Grenze zu Kobanê. Dort erklärte der IHD Vorsitzende der Zweigstelle in Amed (Diyarbakir) Raci Bilici, dass in Rojava bewaffnete Gruppen unterstützt von der Türkei seit nunmehr fast zwei Jahren gegen die Errungenschaften der Kurdinnen und Kurden kämpfen. Bilici forderte die Türkei dazu auf, ohne weitere Verzögerung ihre Unterstützung an diese Gruppen einzustellen.

„Wir haben in Erklärungen und Statements die Türkei unzählige Ma laufgefordert, ihre Unterstützung für diese Banden einzustellen und stattdessen die Zivilbevölkerung der Region zu unterstützen. Wir haben sie dazu aufgerufen, die Grenzübergänge für humanitäre Hilfe in der Region aufzumachen. Aber all unseren Bemühungen zum Trotz hat die Regierung ihre Haltung nicht geändert. Sie hat die Bevölkerung jenseits der Grenze ihrem eigenen Schicksal, dem Hunger und dem Tod überlassen. Andererseits hat sie ihre Grenzen für die Banden geöffnet, die die Bevölkerung von Rojava angreifen. Sie bietet ihnen gar logistische Unterstützung. ISIS begeht mit der Kraft, die sie von der Türkei erhalten, Verbrechen an der Menschlichkeit“, erklärte Raci Bilici im Namen des Menschenrechtsvereins IHD.

Auch in Deutschland und Europa protestieren Kurdinnen und Kurden gegen die anhaltenden Angriffe auf Rojava. So folgten tausende Menschen einem Aufruf von NAV-DEM[1] und verurteilten in den vergangenen Tagen auf Demonstrationen und Kundgebungen in Städten wie Hamburg, Berlin, Hannover, Kassel, Dortmund oder Freiburg die Angriffe der Islamisten auf Kobanê.

Für weitere Informationen und Rückfragen stehen wir gerne unter der Nummer 01573-8485818 oder per Mail zur Verfügung.

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Tel.: 069/84772084, Mobil: 01573/8485818

[1] http://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/erklaerungen/2014/07/04.htm


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