Kampf um Rojava

»Islamischer Staat« nutzt türkische Provinz Urfa als Basis für Krieg in syrischen Kurdengebieten

Von Nick Brauns, Istanbul

Die Kämpfe um den kurdischen Kanton Kobani im Osten Syriens drohen auf die türkische Provinz Sanliurfa überzugreifen. Vor zwei Wochen hatten Truppen der Gruppe »Islamischer Staat« (IS) mit im Irak erbeuteten schweren Waffen einen Großangriff auf den kleinsten der drei selbstverwalteten kurdischen Kantone der Rojava genannten kurdischen Siedlungsgebiete entlang der syrisch-türkischen Grenze begonnen. Seit Beginn der Kämpfe wurden nach Angaben der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG) über 400 der Dschihadisten getötet. Die Zahl der getöteten eigenen Kämpfer bezifferten die YPG zu Wochenbeginn auf rund 40. Einige der Toten wiesen nach Angaben von YPG-Sprecher Redur Xelil Symptome auf, die auf einen Einsatz chemischer Kampfstoffe durch die IS deuten.

Die IS-Kämpfer haben den durch Flüchtlinge auf 400000 Einwohner angewachsenen Kanton von zwei Seiten in die Zange genommen und sind bis auf 35 Kilometer an die Stadt Kobani vorgerückt. Hier tobt nun ein Stellungskrieg mit den verschanzten YPG-Einheiten. Zusätzlich erfolgten in den vergangenen Tagen Angriffe von der türkischen Grenze aus. Die türkische Armee ließ die schwerbewaffneten Dschihadisten nach Angaben der Kantonalregierung von Rojava ungestört die Grenze passierten. Urfa sei zum Hauptquartier von IS geworden, berichtet der örtliche Abgeordnete der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP), Ibrahim Ayhan. Die IS-Kämpfer könnten sich in der türkischen Stadt demnach frei bewegen. »Sie benutzen die Stadt als Militärbasis, sie nutzen die Krankenhäuser und transportieren hier militärische Ausrüstung«, so Ayhan. IS kontrolliere inzwischen sogar einige kurdische Dörfer auf der türkischen Seite der Grenze.

Tausende Menschen, darunter Abgeordnete und Bürgermeister der HDP, Künstler und alevitische Geistliche, haben sich seit Wochenbeginn an der türkisch-syrischen Grenze versammelt, um ein weiteres Eindringen der Dschihadisten nach Kobani zu verhindern. Rund 300 Kurden durchbrachen am Dienstag den Grenzzaun, um sich den Selbstverteidigungseinheiten anzuschließen. Sie folgten damit einem Aufruf des inhaftierten Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, zur Solidarität mit Kobani. »Der Angriff auf Kobani ist ein Angriff auf das Herz Kurdistans«, warnt unterdessen die PKK vor einer gemeinsamen Strategie der islamisch-konservativen türkischen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und des IS zur Zerschlagung der Selbstverwaltung in Rojava. Sollte Kobani in die Hände der IS fallen, wäre die Verbindung zu den beiden anderen kurdischen Kantonen, Afrin nördlich von Aleppo und der Cazira im syrisch-türkisch-irakischen Grenzdreieck, abgeschnitten. Bis zu 800 PKK-Guerillakämpfer aus der Türkei seien in den vergangenen Tagen nach Syrien eingesickert, um sich den Verteidigern von Kobani anzuschließen, meldeten türkische Zeitungen. Sie seien in Kobani mit Freudenschüssen gefeiert worden, bestätigte eine Aktivistin namens Hevidar deren Ankunft in der belagerten Stadt gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP. Um weitere Grenzübertritte von Kurden zu verhindern, hat die türkische Armee ihre Kräfte in diesem Gebiet verstärkt.

»Wir begrüßen den Widerstand der Frauen und Männer von Westkurdistan, die ihre Ziele und ihre Freiheit mit ihrem Blut verteidigen«, verurteilte erstmals auch das kurdische Regionalparlament im nordirakischen Erbil die Angriffe auf die Nachbarregion. Die Regionalregierung von Präsident Masud Barsani wurde dazu aufgerufen, Rojava zu unterstützten. Barsani steht der Selbstverwaltung in Rojava ablehnend gegenüber, seine innerhalb der kurdischen Regierung dominante Demokratische Partei Kurdistans (KDP) hat ein Wirtschaftsembargo gegen die Kurden im Nachbarland verhängt. Hintergrund dieser negativen Haltung ist die wirtschaftliche Abhängigkeit der Region Kurdistan-Irak von der Türkei.

Am Dienstag endete ein zweitägiger Staatsbesuch des kurdischen Präsidenten in Ankara. Der Tageszeitung Yeni Safak zufolge, die der dort regierenden AKP nahe steht, will Barsani innerhalb der nächsten zehn Tage offiziell die Abhaltung eines Referendums über einen unabhängigen kurdischen Staat verkünden. Mit Widerstand Ankaras ist nicht zu rechnen, da Kurdistan-Irak bereits jetzt einem türkischen Protektorat gleicht und die türkische Regierung mit Hilfe des kurdischen Öls ihre energiepolitische Abhängigkeit von Rußland und dem Iran überwinden will.

junge Welt 17.7.14


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