Schwarze Fahnen an der Grenze

Kurden gegen ISIL-Gotteskrieger – türkische Regierung schweigt unter Verweis auf Geiseln

ypg
YPG im Kampf gegen ISIL

Von Nick Brauns

Gotteskrieger des »Islamischen Staates im Irak und in der Levante» (ISIL/ISIS) haben Mitte der Woche mit einem Angriff auf den kurdischen Kanton Kobani (Ain Al-Arab) im Norden Syriens begonnen. Zum Einsatz kamen Panzer, die die dschihadistischen Banden von der irakischen Armee erbeutet hatten. Die Kämpfe rund um den Ort Zor Mexar, bei denen nach Angaben kurdischer Volksverteidigungseinheiten (YPG)mindestens 30 ISIL-Kämpfer getötet und ein Panzer zerstört wurden, dauerten am Donnerstag an. Die Dschihadisten haben seit längerer Zeit einen Großangriff auf Kobani vorbereitet und dafür schwere Waffen aus dem Irak nach Syrien gebracht. Im Internet kursieren Aufnahmen einer Truppenparade von ISIL in seiner faktischen Hauptstadt Rakka im Norden Syriens, bei der die Dschihadisten erbeutete Kampf- und Schützenpanzer sowie eine Skud-Rakete präsentieren. Seit Ende Mai hält ISIL rund 130 kurdische Schüler im Alter von 13 und 14 Jahren als Geiseln fest, die auf dem Rückweg von Examensprüfungen in Aleppo nach Kobani verschleppt wurden. Im Austausch für die Kinder verlangen die Dschihadisten die Freilassung von ISIL-Mitgliedern aus der Kriegsgefangenschaft der YPG.

Ein Schüler, der entkommen konnte, berichtete gegenüber dem US-Sender CNN, daß die Kinder in Scharia-Recht unterrichtet wurden und Filme mit Selbstmordattentaten und Exekutionen ansehen mußten. Nach Angaben der Kurdischen Front, einer Einheit der oppositionellen Freien Syrischen Armee, die sich im Raum Aleppo schwere Kämpfe mit ISIL liefert, setzen die Dschihadisten Kinder auch als Selbstmordattentäter ein. 13 Kinder, von denen die jüngsten zwölf Jahre alt sind, seien in der Region Aktarin bei Aleppo mit Sprengsätzen am Körper gefaßt worden, erklärte ein Mitgliede der Kurdischen Front gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur Hawar.

Das von ISIL Ende Juni ausgerufene irakisch-syrische Kalifat grenzt bei der zwischen Kobani und Aleppo gelegenen Stadt Tell Abjad direkt an die Türkei. Von türkischer Seite der Grenze aus sind die schwarzen Fahnen von ISIL zu sehen. Doch ein anonym bleibender Beamter des Außenministeriums erklärte gegenüber dem Internetportal Al-Monitor, die Türkei betrachte »weder ISIL noch die anderen radikalen Gruppierungen als eine direkte Bedrohung unserer Sicherheit«. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wies Anschuldigungen der Opposition zurück, nicht auf eine Bedrohung durch ISIL zu reagieren. »Niemand soll von mir erwarten, daß ich ISIL provoziere«, erklärte Erdogan unter Verweis auf 80 bei der Eroberung von Mossul in die Hand der Dschihadisten geratene türkische Geiseln, darunter der Generalkonsul von Mossul und weitere Diplomaten, aber auch mehrere Lastwagenfahrer. Rund um die Uhr werde daran gearbeitet, eine sichere Rückkehr der Geiseln in ihre Heimat zu erreichen, erklärte das türkische Außenministerium am Mittwoch.

Ansonsten spielt das Thema in der türkischen Regierungspolitik und den ihr nahestehenden Medien kaum eine Rolle. Dies nährt Spekulationen, wonach die Gefangennahme der Diplomaten von der türkischen Regierung billigend in Kauf genommen wird. Trotz Warnungen über den bevorstehenden ISIL-Angriff war das Konsulatspersonal nicht in die nur eine halbe Stunde von Mossul entfernt liegende sichere kurdische Autonomiezone abgezogen worden. Soldaten einer Spezialeinheit, die das Konsulat schützte, hatten die Weisung erhalten, nicht gegen ISIL zu kämpfen. »Daß ISIL immer noch den türkischen diplomatischen Stab als Geiseln festhält, ist ein Plan des türkischen Staates«, vermutet daher der Oberkommandierende der YPG, Sipan Hemo. »Die Türkei, die wir kennen, würde in so einer Situation nicht so passiv bleiben.«

Ankara hatte ISIL von türkischem Territorium aus gegen syrische Regierungstruppen und das kurdische Selbstverwaltungsgebiet operieren lassen. Unter Verweis auf die Sicherheit der Geiseln kann die türkische Regierung weiterhin ihre Passivität gegenüber den Gotteskriegern rechtfertigen.

Türkische Medien meldeten unterdessen Freilassung von 31 von ISIL verschleppten türkischen Lastwagenfahrern im Irak.

junge Welt 4.7.14


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