Archiv für Mai 2014

31.Mai: Demonstration gegen Massaker in Westkurdistan

Demonstration gegen die Massaker in Rojava (West-Kurdistan/Nord-Syrien) durch Djihadisten der ISIS!

Berlin: 31.05.14, 16 Uhr, Hermannplatz

serekaniye

Rojava – ISIS verübt Massaker an Zivilbevölkerung in Serê Kaniyê

Am 29. Mai überfielen Mitglieder der islamistischen Organisation „Islamischer Staat Irak und Syrien“ (ISIS) drei Dörfer in der Region Serê Kaniyê und verübten ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Nach bisherigen Erkenntnissen befinden sich mindestens 16 Menschen unter den Opfern, darunter auch Kinder und Frauen.
Die Islamisten rückten bereits am Mittwochabend mit Panzern und schweren Waffen aus der Region Til Ebyad und Raqqa in Richtung Serê Kaniyê vor. Sie überfielen bei ihrem versuchten Vorstoß die Dörfer Tileliye, El Qoncak und Timad. Zunächst explodierte eine Autobombe im Dorf Timad. Anschließend verübte ISIS in den von Yeziden bewohnten Dörfern Tileliye und El Qoncak ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Allein in Tileliye wurden 15 Menschen ermordet. In Timad wurde mindestens ein Zivilist von den Islamisten hingerichtet und drei weitere wurden entführt. Über die Gesamtanzahl der Opfer in den drei Dörfern gibt es allerdings noch keine sicheren Erkenntnisse. Die Dörfer befinden sich knapp 20km südwestlich vom Stadtzentrum von Serê Kaniyê und standen zum Zeitpunkt des Angriffs der Kontrolle der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG).
Nach den Angriffen auf die Dörfer kam es in der Region zu schweren Auseinandersetzungen zwischen ISIS und den YPG-Kräften. Nach den Angaben der YPG musste ISIS bei den Auseinandersetzungen schwere Verluste hinnehmen. In den Reihen der YPG kamen bislang 16 Kämpferinnen und Kämpfer ums Leben.
In Deutschland rief die Föderation Kurdischer Vereine in Deutschland (YEK-KOM) zum Protest gegen das Massaker an der Zivilbevölkerung in Rojava auf.

21. Juni: Bundesweite Demonstration zum 20. Jahrestag der Erschiessung von Halim Dener

dener

Vor 20 Jahren wurde Halim Dener von einem deutschen Polizisten in Hannover erschossen.
Wir erinnern an die Ereignisse der Jahre 1993/94 und stellen sie in einen Kontext mit der heutigen Situation in Kurdistan und der BRD.

Weitere Informationen auf der Seite der Kampagne Halim Dener

11. Juni: Der Mord an Halim Dener – die tödlichen Folgen des PKK-Verbots

Informationsveranstaltung zur Kampagne

halim

Datum: 11.6.2014

Uhrzeit: 20:00 Uhr

Ort: „Groni 50“, Groningerstr. 50, Berlin-Wedding

Vor 20 Jahren wurde der kurdische Jugendlich Halim Dener in Hannover von einem deutschen Polizeibeamten erschossen. Der 16-jährige war erst wenige Wochen vorher vor dem Krieg in Kurdistan geflüchtet, der Anfang der 1990er Jahre mit großer Brutalität und deutschen Waffen geführt wurde. 4 Millionen Kurdinnen und Kurden mussten aus ihrer Heimat fliehen, da ihre Dörfer vom türkischen Militär systematisch zerstört wurden. Viele der nach Deutschland geflüchteten blieben der Arbeiterpartei Kurdistans PKK verbunden und demonstrierten mit bis zu Einhunderttausend Menschen gegen die Unterstützung der deutschen Bundesregierung für den türkischen Staat. So auch Halim Dener. In der Nacht vom 30.06.1994 klebte er Plakate der nationalen Befreiungsfront Kurdistans „ERNK“, die wie alle PKK nahen Organisationen seit 1993 in Deutschland verboten war. Bei der Festnahme durch einen ihn dabei beobachtenden Polizeibeamten in zivil traf ihn unter bis heute nicht geklärten Umständen ein tödlicher Schuss in den Rücken. Wie oft in solchen Fällen wurde der Beamte in einem Prozess schließlich freigesprochen. Mit dieser Veranstaltung soll die Hintergründe des damaligen Geschehens dargestellt und zu einer am 21. Juni in Hannover stattfindenden Demonstration mobilisiert werden.

Referenten:
Nick Brauns, Journalist
Elmar Millich, Rechtshilfefonds Azadi

Veranstalter: Kurdistan Solidaritätskomitee Berlin

4. Juni: Zwischen Selbstverwaltung, Demokratie und Embargo

Eine Delegation aus den überwiegend kurdischen Gebieten Nordsyriens (Rojava) berichtet.

Podiumsdiskussion mit Kawda Mohammad, Abdulkarim Omar, Amina Ossi, Bessam Ishak, Jan van Aken (Moderation)
Mittwoch, 04.06.2014 | 18:30 Uhr, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Salon, Berlin

In Syrien herrscht seit 2011 ein furchtbarer Bürgerkrieg, in dem verschiedenste bewaffnete Gruppen und das Assad-Regime sich bekämpfen. Über 150.000 Menschen wurden bisher getötet, Millionen sind geflüchtet. Kaum bemerkt von der Weltöffentlichkeit hat sich die Bevölkerung im überwiegend kurdischen Norden Syriens (Rojava) seit gut einem Jahr selbstverwaltete Strukturen aufgebaut, die das Überleben der Menschen sichern und darüber hinaus Ansätze für ein demokratischeres Syrien ganz praktisch aufzeigen. Die Menschen in Rojava richten sich damit gegen Zentralismus, Nationalismus und versuchen mit ihrem Projekt der Demokratischen Autonomie ein alternatives Gesellschaftsprojekt zu entwickeln, das andere Perspektiven als Intervention, Gewalt und Status Quo aufzeigen kann.

Die Teilnehmer_innen der Delegation sind Kawda Mohammad (Außenminister der Übergangsregierung des Kantons Cizîre), Dr. Abdulkarim Omar (Sprecher der Übergangsregierung des Kantons Cizîre), Amina Ossi (Sprecherin der Verfassungskommission) und Bessam Ishak (Sprecher der Syrisch-Christlichen Einheitsrats). Sie werden berichten über aktuelle Entwicklungen, Schwierigkeiten, Embargo und Angriffe auf Rojava und Syrien.

Moderation: Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE im Bundestag

Eine Übersetzung Kurdisch-Deutsch ist gewährleistet. Aufgrund der begrenzten Raumkapazitäten bitten wir um eine Anmeldung an veth@rosalux.de.

Die Diskussion wird live gestreamt:http://livestream.rosalux.de
Hashtag für die Veranstaltung: #rojava

info@kurdistan-buero.de

Veranstaltungsort:

Rosa-Luxemburg-Stiftung, Salon, Berlin
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin
Der Salon befindet sich im 1. Obergeschoss.

Heseke – Eine schwer umkämpfte Stadt

Seit Anfang Mai befindet sich eine Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan in Rojava/Nordsyrien. Ihre Berichte sind nachzulesen auf isku.org. Hier nun ein weiterer Bericht über die Lage in Heseke, einer Stadt in dem Kanton Cizire.

Heseke ist die zweite Großstadt des Kantons Cizire. Auch wenn sich die Bevölkerung nicht genau beziffern lässt, sind es doch mehrere Hundertausend. Heseke liegt an strategischer Stellung am südlichen Ende des Kantons Cizire und spiegelt die Vielfalt der Bevölkerung wieder. Es leben etwa 40% Kurden, 40% Araber und 20% syrianische Christen in Heseke. Das Zentrum der Stadt Heseke wird von mehreren Kirchen überragt und wird vom Regime Kontrolliert. Daneben befindet sich ein vor allem von Arabern bewohntes Viertel, das von ISIS und anderen Banden kontrolliert wird. Fast die Hälfte der Stadt befindet sich in Selbstverwaltung durch die Räte. Hier wird ein gemeinsames Leben der Kulturen aufgebaut, symbolisch als Modell für ein alternatives Syrien und Rojava. Aufgrund seiner symbolischen und strategischen Bedeutung versucht das System auch zumindest unter gegenseitiger Duldung mit ISIS zusammen die Gebiete in Selbstverwaltung zu erobern. Es wird uns von mehreren Seiten berichtet, dass es in Heseke weder Angriffe von ISIS auf das Regime, noch vom Regime auf ISIS gibt, sondern sie gemeinsam gegen die selbstverwaltete Region vorgehen.

Am 21.05.2014 begannen Milizen des Regimes Kontrollpunkte direkt gegenüber den Stellungen der Asayis aufzubauen und das Feuer auf diese zu eröffnen. Die Stellung des Asayis war nur gering besetzt und bei diesem ersten Gefecht fielen drei KämpferInnen der Asayis und YPG/YPJ, zwei fielen beim Versuch, die Leiche eines Gefallenen zu bergen. Als Verstärkung eintraf, begann die YPG eine Offensive und drängte das Regime immer weiter zurück. Eine wichtiger strategischer Punkt, das Wasserwerk der Stadt, die City Garage und die Sina Road wurden von der YPG erobert. Dabei starben mindestens 20 Regimesoldaten. Ebenfalls am 21.05. wurde die Dialysepatientin Khadischa Saleha Senli von Regimesoldaten in der Nähe des Krankenhauses erschossen und ihr Sohn verletzt.

Am Morgen des 22.05. verübten Regimekräfte einen Bombenanschlag auf die Hamid Mehfuz Schule in einem kurdischen Stadtteil. Dabei starb ein Vater, der gerade seine 12-jährige Tochter zur Schule gebracht hatte.

Wir waren eine Woche zuvor in Heseke gewesen und hatten dort auf einer Eröffnungsfeier eines Stützpunkts der YPJ die Freundin Sakarya kennengelernt. Mit Bestürzung mussten wir feststellen, dass diese Genossin nun unter den Gefallenen ist. Auch aus diesem Grund beschlossen wir, am 22.05. nach Heseke zu fahren und an der Beerdigung der Gefallenen teilzunehmen. Als wir in die Stadt hereinfahren, sehen wir einen großen Gebäudekomplex, auf dem letzte Woche noch die Fahnen des Regimes wehten. Jetzt sehen wir dort die Fahnen der YPG wehen. Es sind Salven von Kalaschnikows zu hören, es finden noch immer Gefechte statt. Die Hauptstraße wird immer nur schnell überquert, aufgrund der Scharfschützen des Regimes. Wir sind zu Besuch bei Adulselam Ehmed. Er ist in der Leitung des Volksrates von Rojava und wohnt im kurdischen Stadtteil Mifti. Es sind immer wieder Schüsse zu hören, da der Stadtteil in der Nähe der Front zum Regime liegt. Vom Dach des Hauses aus sieht man Rauch aus dem von den Banden kontrollierten Gebiet aufsteigen. Auf jedem Dach befinden sich befestigte Stellungen, um in der Not Straße um Straße verteidigen zu können. Dazu haben sich auch in den Kommunen Verteidigungskomitees gebildet, aus denen sich ebenfalls eine Bewachung der Straßenzüge rekrutiert.

In einer Gefechtspause haben wir die Möglichkeit in Mifti etwas spazieren zu gehen und einige zivilgesellschaftliche Organisationen zu besuchen. Es herrscht ein surreales Gefühl auf den Straßen, nichts deutet, abgesehen von den Verteidigungskomitees und Einheiten von YPG auf die militärischen Auseinandersetzungen hin. Kinder spielen auf den Straßen, Läden haben geöffnet – Menschen flanieren herum. Auf einem öffentlichen Platz steht einer der selbstgebauten Panzer der YPG/YPJ. Wir besuchen das Büro der PYD, dort treffen wir einen Aktivisten der Rätebewegung, er erzählt uns, dass seine vier Kinder seit drei Tagen vom Regime entführt seien. Der Kleinste ist 12 Jahre alt. Er weiß nichts über deren Verbleib, auch das Realität in der Stadt Heseke. Hevale Sexmus von der PYD erklärt uns, dass das Regime seit zwei Tagen versucht, den Krieg in Heseke zu eskalieren. Das liege unter anderem daran, das Heseke das Tor nach Rojava sei und das Regime Al-Nusra aus den Dörfern im Süden vertrieben habe und sich nun der Stadt und damit der kurdischen Selbstverwaltung zuwende. Diese Eskalation versucht die Selbstverwaltung durch eine Beschränkung auf Selbstverteidigung und Vergeltung zu verhindern. Die Bevölkerung unterschiedlicher Herkunft begrüßte jedoch die Befreiung von Teilen der Stadt von den Banden und dem Regime, da diese beispielsweise systematisch Wegezoll erpresst haben. Ein Mitarbeiter der Nachrichtenagentur ANHA erklärt uns, dass dies die heftigsten Gefechte mit dem Regime in der Geschichte von Cizire gewesen seien.

Am Abend fangen die Gefechte wieder stellenweise an, und wir hören auch von einem weiteren Bombenanschlag durch Regimekräfte, bei denen zwei Zivilisten getötet worden sind. Im letzten Monat gab es in Heseke allein 50 solcher Anschläge. Das Ziel dieser Angriffe ist es, die kurdische Zivilbevölkerung zu vertreiben.

Am Abend haben wir Gelegenheit das Sehit Tolhildan Batallion der YPG zu besuchen. Die Freunde berichten, dass aus ihren Reihen bei dem Gefecht Salar Ebdo gefallen ist, Vater eines sechs Monate alten Kindes.

Am 23.05. findet nun die Beerdigung von drei Gefallenen bei Heseke statt. Ein Konvoy von vielen hundert Fahrzeugen, teilweise überfüllt mit Menschen, begleitet die Gefallenen zum Şehit-Friedhof etwa 20km außerhalb der Stadt. Dort findet eine ergreifende Zeremonie statt, bei denen die Angehörigen der Gefallenen zu den tausenden Anwesenden sprechen. Die Partnerin des Gefallenen Asay Eymen (Mazlum) tritt in Kleidung der Frauenarmee auf und schwört, dass sie alles tun werde um den Kampf ihres Mannes fortzusetzen. Viele Menschen weinen, die YPG und YPJ feuert Salutschüsse ab und die Toten werden unter Parolen wie „Es lebe der Widerstand von Asayis“, „Die Gefallenen sind unsterblich“ zu Grabe getragen. Auf dieser Zeremonie schließen sich sieben Jugendliche der YPG an.

Es ist auffällig, dass wir hier in Rojava immer wieder eine widersprüchliche Situation erleben. Während in Heseke Menschen im Kampf mit dem Regime sterben, ist das Zusammenleben in Qamislo recht normal. Während Al-Nusra und ISIS von allen möglichen Ländern angeblich gegen Assad aufgebaut werden, arbeitet zumindest ISIS in einem strategischen Bündnis mit der Regierung gegen Rojava zusammen. Das Regime versucht durch seine Angriffe das Projekt „Demokratische Autonomie“ klein zu halten, ist jedoch nicht in der Lage es zu vernichten, deswegen setzt es seine Angriffe strategisch ein und benutzt indirekt Gruppen wie ISIS aber auch Regimetreue Milizen direkt für seine Angriffe. Die anderen Länder der Region dulden diese Zusammenarbeit, denn das Projekt Rojava ist das Projekt eines Demokratischen Mittleren Ostens, der weder im Interesse der Regionalmächte, noch im Interesse von Europa und den USA ist. Deswegen wird die Unterstützung von Al-Qaida durch die Türkei von Europa und den USA auch wohlwollend ignoriert. Das Schweigen der internationalen Öffentlichkeit zu den Belegen eines von der KDP aus Südkurdistan gesteuerten Terrors gegen Rojava und dem Embargo ist ebenfalls bezeichnend. Gerade in Heseke war deutlich zu sehen, dass in den selbstverwalteten Teilen der Stadt Demokratie umgesetzt wird und Projekte zur Geschlechterbefreiung Wirklichkeit werden. Wir haben ein friedliches Zusammenleben der Völker unter Kriegsbedingungen beobachten können. Wenn wir etwa drei Kilometer weiter südlich vom Stadtteil Mifti gegangen wären, dann wären wir im Gebiet der Banden gewesen, einem Gebiet in dem eine willkürliche Auslegung der Scharia herrscht, Menschen verstümmelt und misshandelt werden. Hier wird deutlich, dass Rojava ein ganz herausragendes Projekt gerade in der brutalen Kriegsrealität Syriens darstellt und man nicht genug tun kann, dies entgegen aller Schmutzkampagnen zu betonen.

Rojava, Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan, 24.Mai 2014

Asayis – Selbstverteidigungskräfte der Gesellschaft – nicht des Staates

Rojava, Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan, Mai 2014

Mit der Revolution in Rojava kamen auf die Selbstverwaltungsinstitutionen der Region eine Vielfalt neuer Aufgaben zu, eine davon ist der Aufbau einer besonderen Form von Sicherheitskräften, welche dem rätedemokratischen gesellschaftlichen Anspruch gerecht werden soll und überparteilich ist. So entwickelte sich die Form des Asayis von Rojava, was übersetzt so viel wie Sicherheitskräfte bedeutet. Der Begriff Polizei ist dabei eher unerwünscht, da, wie es ein Ausbilder an der Akademie der Asayis in Rimelan herausstellte: „Wir verstehen uns als Sicherheitskräfte zur Selbstverteidigung der Gesellschaft, nicht des Staates.“
Das bedeutet konkret, es geht den Asayis nicht um die Verteidigung eines Status quo, einer Machtstruktur, die sich in Form eines Staates ausdrückt, sondern darum, ein freies und selbstbestimmtes Agieren der Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfältigkeit zu ermöglichen.

Asayis –Verteidigung gegen Geheimdienste und Terrorangriffe

Die Basis für ein solches Leben ist gerade im heutigen Syrien, und besonders auch in Rojava, der Schutz der körperlichen Unversehrtheit. So ist eine der Hauptaufgaben der Asayis die Angriffe dschihadistischer Banden, der Geheimdienste des Assad-Regimes, der Türkei und der PDK abzuwehren. Uns wird immer wieder aus der Bevölkerung mitgeteilt: „Gäbe es keine Asayis, dann könnte hier keiner von uns leben.“ Gerade als wir die Stadt Heseke am 22.05.2014 besuchen, wird uns das auch noch einmal deutlich vor Augen geführt. Das Regime versuchte mit Stützpunkten in Richtung selbstverwaltete Zone vorzudringen, dass konnte die Asayis nicht zulassen. Bei der Verteidigung der kurdischen Stadtviertel fielen in Heseke unter anderem auch zwei Mitglieder der Asayis. Wir stiegen zusammen mit einer jungen Genossin auf ein Dach und hatten eine gute Aussicht über die Großstadt. Etwa 35% der Stadt mit etwa 700.000 EinwohnerInnen befindet sich in Selbstverwaltung. Vielleicht zwei Kilometer von unserem Standpunkt aus entfernt beginnt der von dschihadistischen Banden kontrollierte Teil von Heseke. Berfin, eine junge Frau aus Heseke, erklärt uns, dass sie dort im T-Shirt nicht herumlaufen könnte, es wird dort eine besonders strenge und willkürliche Auslegung der Scharia praktiziert, was zu schwersten Übergriffen und Verstümmelungen führt. So wurden immer wieder sowohl in Heseke als auch in Serê Kaniyê Menschen, die beim Rauchen beobachtet wurden, Finger abgeschnitten. Große Teile der Bevölkerung fliehen vor diesem Terrorregime, und so gewinnt der relative Frieden und die gesellschaftliche Freiheit in den von den Asayis geschützten Regionen noch einmal eine besondere Dimension. Rojava ist trotz des Krieges in Syrien durch das Asayis eine der sichersten Regionen des Mittleren Ostens geworden. Mitglieder der syrianischen Gemeinde von Derik erklären uns, dass ihre Töchter nun nach der Revolution sich sogar um vier Uhr nachts alleine auf der Straße bewegen könnten, was zu Regimezeiten nicht möglich gewesen sei.

Gesellschaftliche Aufgaben des Asayis

Eine weitere wichtige Aufgabe des Asayis ist die „innere Sicherheit“, das bedeutet, dass Asayis bei allen Konflikten einschreitet, die nicht direkt von der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Institutionen gelöst werden. Es geht dabei häufig um Übergriffe, Gewalt aber auch Drogenhandel und ähnliche Delikte. Asayis ist an die Gerichte angebunden, das bedeutet, dass niemand länger als 24 Stunden ohne Gerichtsbeschluss festgehalten werden darf. Grundsätzlich geht es im Justizsystem in Rojava vor allem um Perspektive, nicht um Strafe, sondern um Resozialisierung. Auf Unterricht von Gefangenen wird sehr viel Wert gelegt. So trafen wir in Amude ein Mitglied des Asayis, das vorher selbst inhaftiert gewesen war, aber danach derartig vom Prinzip des Asayis überzeugt war, dass er sich selbst anschloss. Dies ist kein Einzelfall. Da Haft keine Strafe darstellen soll, wird großer Wert auf möglichst gute Haftbedingungen gelegt. Dies konnten wir auch selbst in Augenschein nehmen, unter anderem, als wir den inhaftierten Terroristen Besir Abdulmecid Mussa besuchten und wir uns mit ihm über seine Haftbedingungen auseinandersetzten. Es gibt in Rojava keine politischen Gefangenen, häufig aber, wie auch Human Rights Watch in seinem Bericht bestätigte, Gefangene aus Parteien, die wegen anderen Delikten inhaftiert sind und in der Öffentlichkeitsarbeit der Parteien als politische Gefangene dargestellt werden. Dies zeigt ein anderes Problem der Asayis deutlich auf, das es noch keine ausreichende Öffentlichkeitsarbeit gibt, die solchen Meldungen eine eigene Darstellung entgegensetzen könnte. Das Justizsystem ist noch im Aufbau und in der Entwicklung und vieles ist noch unklar.
Um die Einhaltung der Rechte der Gefangenen zu garantieren, haben die Kommissionen für Menschenrechte immer Zugang zu den Gefangenen. Weiterhin stehen die Gefängnisse auch internationalen Menschenrechtsorganisationen offen, wie auch Human Rights Watch bestätigen konnte. Bei Übergriffen durch Asayis werden sofort Konsequenzen von Suspendierung bei einfacher Belästigung bis hin zum Gerichtsverfahren mit Inhaftierung bei schwereren Übergriffen getroffen. Aufgrund von mangelnder Ausbildung kommt es insbesondere bei Festnahmesituationen manchmal zu Gewalt, welche aber sofort geahndet wird.

Struktur und Organisation des Asayis

Die Mitarbeiter des Asayis arbeiten für eine geringe Aufwandsentschädigung von etwa 125 $ im Monat. Die Mitglieder des Asayis gehen meist noch einer anderen Arbeit nach und sind im Asayis vor allem aus der Überzeugung heraus, die Gemeinschaft aktiv zu verteidigen. Es gibt in Rojava 110 Asayis-Stützpunkte und hunderte Kontrollpunkte, an denen Fahrzeuge beispielsweise nach Sprengstoff und Waffen durchsucht werden. Der Vorsitzende der Asayis von Qamislo, Hevale Ahmed, selbst Kommunist, erklärt uns deutliche die Mechanismen, nach denen Asayis organisiert ist, um ihre gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen. Im Moment beträgt der Anteil an Frauen bei Asayis nur etwa 30%, da viele Frauen sich den kämpfenden Einheiten der YPJ angeschlossen haben.
Die Asayis haben eine demokratische Kommandostruktur, das bedeutet, jede Ebene wählt ihre VertreterInnen, einmal im Monat gibt es ein großes Treffen bei dem neue Oberkommandierende vorgeschlagen und gewählt werden können.
Es gibt keine Rangabzeichen und es wird Wert auf ein möglichst kollegiales miteinander gelegt.
Jede Gruppe besteht aus 30–45 Personen und ist noch weiter unterteilt. Sie wählen jeweilige Verantwortliche.

„So wie alle Welt nach Geld schreit, so rufen wir nach Bildung“

Ein wichtiges Instrument der Weiterbildung ist das regelmäßige Tekmil, bei dem es um die Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis und dem eigenen Bewusstsein geht. Dies geschieht über das Prinzip von Kritik und Selbstkritik. Schulungen im Bereich Menschenrechte werden ebenfalls wöchentlich durchgeführt und jede Einheit hat jeden Tag eine Stunde Bildung. Ein Lehrer der Asayis Akademie von Rimelan erklärte dazu: „So wie alle Welt nach Geld schreit, so rufen wir nach Bildung. Das wichtigste bei der Bildung ist der Glaube an die Demokratie, Ökologie, Frauenbefreiung, Menschenrechte und dementsprechend die Gesetze zu entwickeln.“

Asayis ist eine unparteiische Institution

Asayis sind weder an eine Organisation, noch an eine Partei gebunden, sondern den oben genannten Werten verpflichtet. Allerdings erklärt der Vorsitzende des Asayis von Rojava Ciwan Ibrahim, dass die Basis der linken PYD von Beginn der Revolution an in allen Bereichen und insbesondere im Bereich der Sicherheit mit besonderer Opferbereitschaft und hoher Aktivität teilgenommen haben und Dutzende von ihrer Mitglieder gefallen seien. Deswegen gibt es im Moment im Asayis etliche Mitglieder der PYD. Aber das Asayis ist sehr darum bemüht, dass daraus keine Diskriminierung entsteht, denn sie verstehen sich als politisch und religiös neutrale Kraft. Es gibt keinerlei politische Anbindung an irgendwelche Parteien.

Hevale Ahmed erklärte uns zur Haltung des Asayis zur Religion, „Die Religion gehört Gott, die Erde gehört uns“. Deshalb arbeiten im Asayis, wie auch in den anderen Institutionen der Selbstverwaltung, AraberInnen, KurdInnen und AssyrerInnen, also auch SunnitInnen, ChristInnen, JezidInnen ohne Ansehen der Religion zusammen. Die Gruppe der Syriani hat aufgrund von Forderungen der Exilcommunity in Europa eine eigene Asayis Organisation mit dem Namen Sutoro gegründet, die jedoch sehr eng mit dem allgemeinen Asayis verbunden sind. So sind in Kommandostruktur von Asayis Mitglieder von Sutoro und umgekehrt. Hevale Ahmed erklärt uns, dass im Prinzip jede/r Asayis werden kann, der oder die nicht nationalistisch ist, sondern PatriotIn, das heißt bereit ist, Rojava mit allen seinen BewohnerInnen zu verteidigen. Das Eintrittsalter bei Asayis wurde gerade von 18 auf 25 Jahre hochgesetzt, da in der Arbeit mit der Gesellschaft insbesondere auch auf Sozialkompetenz Wert gelegt wird.

Asayisa Jin – die Fraueneinheiten des Asayis

Die Asayis sind eine gemischte Struktur. Dennoch gibt es eigene Fraueneinheiten, Asayisa Jin, die insbesondere bei patriarchaler Gewalt und allgemein Gewalt gegen Frauen intervenieren und in enger Kommunikation mit den Frauenräten stehen, so wie das allgemeine Asayis mit den Volkshäusern und den Rätestrukturen im Austausch steht. Bei Asayis Jin können Frauen ihre Anzeigen bei Frauen aufgeben, was eine offene Kommunikation häufig erst möglich macht. Für Frauen wäre es eine sehr hohe Hemmschwelle, eine Vergewaltigung, oder Gewalt in der Familie in einem gemischten oder männlichen Asayisbüro anzuzeigen. Sie haben viel weniger Hemmungen zu den jungen Frauen zu gehen. Die jungen Frauen, wie auch die Männer, wohnen quasi in den Asayis. Sie leben und arbeiten dort zusammen, gehen nur selten nach Hause. Die meisten arbeiten ehrenamtlich, d.h. sie bekommen nur ihre Kleidung, ihr Essen und ein geringes Taschengeld. Sie führen ein kollektives Leben, im Dienste der Bevölkerung und zum Schutz des Systems der demokratischen Autonomie.
Gibt es in ihrer Stadt Angriffe von außen, sei es durch ISIS oder die syrische Armee, stehen sie an der Seite der YPG und YPJ.

Rojava, Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan, Mai 2014

Der Fall Beshir Abdulmecid Mussa

Starke Hinweise auf Verstrickung der südkurdischen PDK-Regierung in Bombenanschläge in Rojava

Als Delegation von TATORT Kurdistan halten wir uns seit dem 3. Mai 2014 in Rojava (Nordsyrien) im Kanton Cizîre auf, um die Menschenrechtslage, die politische und ökonomische Situation hier vor Ort zu untersuchen. Unsere Delegation besteht aus der Ethnologin Anja Flach, dem Ökologen Ercan Ayboga und dem Historiker Michael Knapp und hat sich zum Ziel gesetzt ebenfalls die politischen Konflikte in und um Rojava zu untersuchen. Während sich unsere Delegation in Rojava aufhielt, ereignete sich am 09.05.2014 gegen 21:30 Uhr eine heftige Explosion in der kurdischen Kleinstadt Tirbespi. Die Sicherheitskräfte der autonomen Verwaltung (Asayiş), die sofort zum Ort der Explosion fuhren, fanden ein vollständig zerstörtes Lehmhaus in einem Hinterhof vor. Unter den Trümmern des Hauses wurde eine Leiche gefunden. In der Nachbarschaft entdeckten die Asayiş Beshir Abdulmecid Mussa (im Weiteren auch mit seinem kurdischen Namen „Pesheng“ benannt), der durch die Explosion einen Schock erlitten hatte. Schnell wurde klar, dass es sein Haus war, in dem die Bombe detonierte, und dass es sich bei der Explosion um einen Unfall beim Bombenbau handelte. Nachdem die Sicherheitskräfte Beshir Abdulmecid MussaBeshir Abdulmecid Mussa, ins Krankenhaus zur Untersuchung gebracht hatten und festgestellt worden war, dass er unverletzt ist, begannen sie mit seiner Vernehmung, bei der das Ausmaß des Skandals allmählich klar wurde.

Es stellte sich heraus, dass er Mitglied der PDK-S (PDK-Syrien), also des syrischen Ablegers der südkurdischen/nordirakischen Regierungspartei PDK (Demokratische Partei Kurdistans) ist. Er wurde in Südkurdistan militärisch ausgebildet und hatte nach eigenen Angaben auf Anweisung höchster Stellen der dortigen Autonomieregierung gehandelt. Diese Tatsachen wurden daraufhin der Öffentlichkeit präsentiert, woraufhin die PDK-S einräumte, dass er Mitglied bei ihnen sei, die Aussagen aber unter Folter entstandene Lügenkonstrukte seien.

Aufgrund der widersprüchlichen Lage und der Brisanz der Situation baten wir als Delegation die westkurdische Sicherheitsbehörde mit dem Gefangenen sprechen zu dürfen, was uns ohne Schwierigkeiten gewährt wurde. Wir wollten uns vor allem über seinen Gesundheitszustand, als auch über seine Angaben informieren. So nutzten wir die Gelegenheit, ihn am 21.05.14 zu einem intensiven Gespräch zu treffen. Wir konnten uns in sehr entspanntem Rahmen mit Beshir Abdulmecid Mussa unterhalten, es gab eine englische Übersetzung des Gesprächs, wir konnten das Gespräch filmen.

Der erste Eindruck, den er machte, war ein entspannter, sogar erleichterter. Zunächst waren wir irritiert, dass er ein so großes Redebedürfnis zu verspüren schien, aber im Laufe des Gespräches verstanden wir den Hintergrund mehr und mehr. Er war in der Lage seine Entwicklung, Ausbildung und Aktivitäten äußerst detailliert und zusammenhängend zu schildern und Nachfragen eingehend zu beantworten. Pesheng (Jahrgang 1993), berichtete uns, dass er sich 2010 der Partei El-Parti (PDK-S ) von Abdul Hakim Bashar angeschlossen habe. Nach intensiver Parteiarbeit wurde er schließlich von einem regionalen Leiter der El-Parti (Hamid Xelil) zu einer Ausbildung nach Südkurdistan eingeladen. Diese Ausbildung sollte 2,5 Monate dauern, offiziell sollte er zu Propagandatätigkeiten für die Partei ausgebildet werden. Ende 2011 trafen sich in Girke Lege etwa sieben oder acht Personen und machten sich illegal über die Grenze auf den Weg nach Südkurdistan. Das Ausbildungslager, in das sie gebracht wurden, lag zwischen Hewler (Erbil) und Kirkuk im ehemaligen Gebäude der Zeitung Al Xabat. Es wurde von Peschmerga (bewaffnete Kämpfer) der PDK bewacht. Insgesamt trafen dort etwa 96 Personen zur Ausbildung ein. Einer der Ausbilder hatte den Codenamen Agiri. Diese Person heißt in Wirklichkeit Mustafa Sefik und ist ein ehemaliges PKK-Mitglied, das 2004 mit Osman Öcalan und anderen die Seiten gewechselt hatte.

Die neu Eingetroffenen wurden zunächst politisch und in geheimdienstliche Methoden bis hin zur emotionalen Selbstkontrolle geschult. Immer wieder ging es auch um die Lage in Rojava. Dann kam militärische Ausbildung, die theoretische und praktische Ausbildung an den Waffen hinzu. Dies geschah in einem Militärcamp in der Nähe von Hewler. Der Vorsitzende der El-Parti, Abdul Hakim Bashar und Said Omar, wie auch der regionale Peschmergakommandeur Aziz Veyzi waren ebenfalls immer wieder anwesend. Am Ende der Schulung gab es noch ein gemeinsames Treffen mit Mesut und Necirvan Barzani. Necirvan Barzani erklärte ihnen, dass die südkurdische Regierung, könne sie nicht die Kontrolle über die Region Rojava übernehmen, auch in Südkurdistan in eine schwierige Lage geraten könne. Auch Mesut Barzani kündigte intensive Unterstützung der El-Parti an.

Auf eine Frage von Pesheng, was geschehen würde, wenn jemand aus dieser Arbeit aussteigen wolle, wurde ihm durch Agiri deutlich gemacht, dass man dies nicht akzeptieren werde und er um sein Leben fürchten müsse.

Abdul Hakim Bashar und Agiri sprachen vor allem über die PYD. Agiri erklärte, es stünden „im richtigen Moment“ 7.000 militärisch ausgebildete politische Kader bereit, um gegen die PYD vorzugehen, die auch durch 100.00 Peschmerga unterstützt werden könnten. Schließlich, am Ende des Kurses, gab es für Pesheng ein persönliches Treffen mit Dilshad Mizuri, dem Sicherheitschef von Mesud Barzani. Dilshad Mizuri wählte ihn als Geheimdienstmitarbeiter für die Region Tirbespi aus, und er sollte zunächst herausfinden, wer in der El-Parti aktiv arbeitete und wer sich nicht ausreichend engagierte. Man wolle die Partei auf die richtige Linie bringen.

Er bekam 300 $ und begann seine Spitzeltätigkeit. Nachdem er einige Zeit auf diese Weise effizient gearbeitet hatte, bekam er nun plötzlich den Auftrag, Einrichtungen von YPG und Asayiş und Strukturen der PYD auszuforschen. Auf einem Treffen lernte er eine Person, die sich Ramadan nannte, kennen. Diese Person hatte eine große Menge Akten, welche die YPG vom Assad-Regime beschlagnahmt hatte, gestohlen. Es handelte sich um Informationen, wer in Tirbespi vor dem Umsturz mit dem Assad-Regime zusammengearbeitet hatte. Pesheng sorgte dafür, dass diese Akten des syrischen Geheimdienstes Dilshad Misuri erreichten. Dilshad erklärte Pesheng, dass die Akte nicht reiche und er auch Informationen über die Strukturen der PYD, die Waffen, die Truppen in Tirbespi beschaffen müsse. Von nun an war der Hauptauftrag von Pesheng gegen die PYD gerichtet. Pesheng verweigerte sich dem nach eigenen Angaben zunächst, er habe gesagt, es sei nicht demokratisch andere kurdische Parteien zu bespitzeln. Pesheng fragte Dilschad Mizuri was geschehen werde, wenn der diesen Auftrag nicht ausführe, ob er dann getötet würde. Mizuri habe daraufhin gesagt, „Nein, nicht dich, deinen Bruder werden wir töten“. Weiterhin unterstrich er seine Drohung damit, dass auch Nusreddin Behik, vom Politbüro der PDK Syrien 2011 getötet worden sei, weil er von der Linie abgewichen sei und militärisch gegen das Baath-Regime vorgehen wollte, wie auch vor zehn Jahren Sami Abdurrahman vom Politbüro der PDK beseitigt worden sei, weil er die Partei verlassen habe. An dieser Stelle ist der emotionale Druck, den diese Drohung bei Pesheng auslöste, in seinem ganzen Verhalten greifbar. „Wir werden die töten, die uns nicht folgen.“

Dilshad forderte Pesheng mehrfach auf, seine Familie nach Südkurdistan zu schicken, dieser lehnte aber ab, weil er Angst hatte, dann noch erpressbarer zu sein. Nach einem Treffen im Sipan Hotel in Hewler wurde er mit 1200 $ nach Rojava zurückgeschickt. In Rojava traf er erneut auf Ramadan, der sieben Bomben aus einem Depot der YPG gestohlen hatte. Diese waren von ISIS-Terroristen zurückgelassen worden. Ramadan arbeitete für die Stadtverwaltung von Tirbespi im Bereich Stromverteilung, er kam so an viele Orte und kannte sich aus. Nach Informationen des Asaiyiş-Verantwortlichen Zana Rustem habe die Person mit dem Namen Ramadan in einer illegalen PDK-Zelle gearbeitet.

Pesheng und Ramazan diskutierten den Plan, die Bomben zu legen. Ramadan erklärte, die Bomben sollen im arabischen Dorf Al Thaura bei Tirbespi auf einem öffentlichen Platz, vor einer Tankstelle und vor einer Moschee in Al Tanik, Tirbespi gelegt werden.

Da Pesheng an diesem Plan zweifelte, kontaktierte er Dilshad Mizuri, zunächst sagte dieser nur, es sei in Ordnung, wenn diese Bomben an Orten mit arabischer Bevölkerung detonierten, als Pesheng immer noch an dem Plan zweifelte, erklärte Dilshad Mizuri ihm, es sei nicht nur in Ordnung, sondern er habe dies als einen Befehl zu verstehen. Mizuri meinte, das Ziel der Aktion sei, eine Verbindung zwischen PYD und den Anschlägen herstellen zu können und so eine chaotische Situation durch einen ethnisierten Konflikt zwischen KurdInnen und AraberInnen entstehen zu lassen. Die Bombe in Al Thaura und in Al Tanik vor der Moschee sollten gleichzeitig gelegt werden.

Um sich noch einmal abzusichern, rief Pesheng eine Person mit Namen Muhammed Amin Abbas, ein Mitglied der Leitung der PDK-Syrien in Girke Lege an. Er sagte er müsse Rücksprache halten und meldete sich nach zwei Tagen wieder, dass die Partei zustimme, aber nichts auf sie zurückfallen dürfe.

Sie entschieden sich, die Bombe am 09.05. zwischen 21:30 und 22:00 Uhr in Tirbespi/Al Thaura zu legen. Pesheng, der seit einem Monat verheiratet war, schickte seine Familie zu einer Tante, damit die Bombe in seiner Wohnung gebaut werden konnte. Ramadan sagte, er wisse wie das geht. Sie transportierten die Bombe mit einem Gewicht von 40–50kg in einem Müllsack in die Wohnung. Pesheng wartete draußen, bis Ramadan die Bombe scharf gemacht hatte. Diese explodierte jedoch vorzeitig. Pesheng rannte weg und brach weinend auf der Straße zusammen, Nachbarn halfen ihm und so wurde er von den Asayiş aufgefunden.

An diesem Punkt des Berichtes ist Peshengs Erleichterung wirklich greifbar. Er erklärt frei und nachvollziehbar, dass er vom Asayiş sehr gut behandelt worden sei – er bat uns auch seinen Körper zu untersuchen, um zu beweisen, dass er keinerlei Schläge oder sonstigem ausgesetzt war. Es gehe auch seiner Familie gut, da sie von Asayiş beschützt würden, er stehe in Kontakt mit ihnen. Hier sieht man ihm zum zweiten Mal in diesem Gespräch die Angst deutlich an, dass der Geheimdienst der PDK seiner Familie etwas antun könnte. Er erklärte, für ihn sei es kein Problem gewesen Berichte über die Mitglieder seiner Partei anzufertigen, damit die Partei auf Linie zu halten und dafür regelmäßig Geld zu erhalten, was er dringend brauchte. Alles Weitere habe er jedoch nicht gewollt.

Es ging uns bei diesem Besuch vor allem auch darum, zu untersuchen, wie die Haftsituation von Beshir Abdulmecid Mussa ist und wir haben alles sehr genau beobachtet. So waren nicht nur seine relativ entspannte Haltung und der lockere Umgang mit den Asayiş-Kräften auffällig, ganz unbewusste Dinge fielen uns viel stärker ins Auge. So stand er z. B. einfach auf und meinte beiläufig er gehe jetzt auf die Toilette und ging unter Bewachung ins Nebenzimmer. Seine Haltung und sein Verhalten schlossen aus unserer Sicht Zwang oder Misshandlung aus. Er aß mit uns und verschiedenen Asayiş zu Mittag.

Abdul Hakim Bashar und Beshir Abdulmecid MussaUns erscheint es aufgrund des Detailreichtums, der Art der Erzählung, seiner, so weit feststellbar, körperlichen und psychischen Unversehrtheit sehr unwahrscheinlich, dass die Aussagen von Pesheng unter Folter gemacht, oder ihm diktiert wurden. Gemeinsame Fotos von ihm und Abdul Hakim Bashar von der El-Parti, die im Haus von Pesheng gefunden wurden, unterstützen Details seines Berichtes.

Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan, Anja Flach und Michael Knapp, 26.05.2014

Gedenktag für die Gefallen, Umbettung von Gefallenen auf den Friedhof von Derik

Am 18.05.14 fanden in ganz Rojava Veranstaltungen im Gedenken an die Gefallenen statt. Es ist der Jahrestag der Ermordung (1977) von Haki Karer, dem ersten Gefallenen der kurdischen Bewegung. Hier in Rojava zogen zehntausende zu den Friedhöfen und gedachten der Gefallenen im Kampf für kurdische Freiheitsbewegung.

In Derik fand eine sehr große Zeremonie statt, mehrere Gefallene wurden umgebettet. Acht von ihnen sind in 1990er in den Bergen Nordkurdistans gefallen und waren provisorisch bestattet worden, einer war ein in Heseke gefallener Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten YPG. Die sterblichen Überreste der Gefallenen wurden in einem großen Konvoy zum Friedhof der Gefallenen außerhalb von Derik gefahren, wo schon etwa 200 KämpferInnen der YPG/YPJ warteten, um sie würdevoll zu bestatten. Die Bevölkerung strömte zu dem weit außerhalb gelegenen Friedhof. Unter Fahnen von YPG, YPJ, PKK und Rojava hielt unter anderem Asya Abdullah eine Rede. Sie erklärte, dass die Revolution und die Sicherheit in Rojava den Opfern der Gefallenen in Nordkurdistan wie auch in Rojava zu verdanken sei und es die Verpflichtung aller sei, dafür zu kämpfen, dass sich die Träume und Ziele der Gefallenen verwirklichten. Nach der militärischen Zeremonie und Salutschüssen wurden die Gefallenen beigesetzt. Auf dem Friedhof von Derik wurden Gefallene aus allen Phasen des kurdischen Freiheitskampfes, vor allem aber aus dem letzten Jahr bestattet. Wir sehen Kinder, die um ihre Väter weinen, Väter, die um ihre Töchter weinen, vor allem viele junge Witwen mit kleinen Kindern, hier an diesem Ort werden die ganzen Schrecken und die großen Opfer dieses Krieges für sichtbar. Es ist herzzerreißend, die Menschen vor den Bildern ihrer Gefallenen sitzen zu sehen, einige vor allem junge Frauen lassen ihren Tränen freien Lauf. Das einzig schöne ist, dass dies ein Ort ist, an dem die Angehörigen nicht alleine bleiben in ihrer Trauer sondern Teil einer Gemeinschaft sind, die sie auffängt. Die Stimmung auf dem Friedhof ist nicht von dem Bedürfnis nach Rache geprägt, sondern von dem Wunsch nach Frieden und dem Ende von Angriffen und Embargo.

Den Abend verbringen wir bei Selwa, ihr Mann ist 1995 in Botan (Nordwestkurdistan) gefallen. Als er sie in Afrin zurückgelassen hat, hatte sie eine kleine Tochter, was beide nicht wussten, sie war schwanger mit Zwillingen. „Es war schwer die drei Kinder alleine groß zu ziehen, aber die FreundInnen haben mich immer unterstützt“, so Selwa.

Gegen Abend klingelt es plötzlich. Eine Delegation der PYD und der Organisation der Familien der Gefallenen stehen vor der Türe, um Selwa herzliches Beileid zu wünschen und ihre Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. „Sie kommen jedes Jahr“ so Selwa“, sie bringen mir Blumen und danken den Angehörigen für ihr großes Opfer. „Ich bin erst vor zwei Wochen aus Südkurdistan gekommen. Ich habe das individualisierte Leben dort nicht ausgehalten.“ Selwas Wohnung ist noch ziemlich leer. Das hier sind ehemalige Beamtenwohnungen, die der Staat während der Revolution verlassen hat. Jetzt wurden hier überwiegend Familien von Gefallen untergebracht. Selwas Kinder sind schon erwachsen. Ihre Tochter lebt in Afrin, aber sie kann nicht zu ihr, da der Weg durch die ISIS-Terroristen versperrt ist. „Die Bewegung kümmert sich um alle Familien der Gefallenen, sie bekommen monatlich einen Geldbetrag der zum Überleben reicht, eine kostenlose Wohnung und alles was sie sonst noch brauchen. Eine Vertreterin der Yekitiya Star hatte uns am Abend gesagt, dass es momentan sehr schwer wäre die finanziellen Mittel aufzutreiben, um all die Familien der Gefallenen KämpferInnen zu unterstützen, aber man dürfe sie auf keinen Fall hängen lassen, sie haben das wertvollste gegeben, ihre eignen Kinder oder Ehemänner.

„Ich bin froh wieder in Rojava zu sein“, so Selwa, „aber ich vermisse Afrin“, sagt sie in ihrem schweren Afriner Dialekt. Die Familien der Gefallenen helfen sich gegenseitig, die Wohnungstüren stehen den ganzen Tag offen, es ist ein Kommen und gehen, so ist Selwa auch in dieser fremden Stadt nicht allein.

Fast jede Familie hier in Rojava hat ihre Gefallenen, entweder in der Revolution von Rojava oder im kurdischen Freiheitskampf in Nordkurdistan. Für die Bevölkerung stellen die Gefallenen eine Verpflichtung dar, die Ziele der Revolution zu verwirklichen und zu verteidigen. Die YPG und YPJ sind eine überparteiliche Verteidigungskraft von Rojava, die nur auf Angriffe antwortet, das Land verteidigt, aber selbst nicht aggressiv vorgeht.

Dieser Tag der Gefallenen ist ein menschlicher Appell und eine politische Demonstration, an die Staaten, die hinter den Kriegsparteien stehen, damit aufzuhören, Öl ins Feuer zu gießen, damit keine jungen Menschen mehr für die Verteidigung von Rojava oder auch in Nordkurdistan sterben müssen.

Rojava, Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan, Mai 2014

3. Konferenz der Jungen Frauen des Kantons Cezire

Die dritte Konferenz der Jungen Frauen des Kantons Cezire fand am 16. Mai 2014 in Rimelan statt.
Ca. 230 junge Frauen aus allen Teilen Cezires kamen zusammen, um die Arbeit eines Jahres zu bewerten und sich neue Ziele für das nächste Jahr zu setzen.

Die Gebäude sind in einen umzäunten abgeschlossen Teil der Stadt, die früher den hohen Staatsbediensteten des Regimes vorbehalten waren. Jetzt sind hier einige Institutionen der kurdischen Bewegung untergebracht, unter anderem die Jineolojî und die Akademie der Yeketiya Star. Die Fahnen der Sicherheitskräfte von Rojava und der revolutionären Jugend wehen über den ehemaligen Beamtenwohnungen.

Alles strahlt einen realsozialistischen Charme aus. Schon morgens um acht Uhr sind Dutzende junge Frauen zusammengekommen. Die meisten tragen traditionelle kurdische Kleider. Einige haben sie sich extra für diesen Anlass besorgt. Die Eröffnungsrede hält Hanife Hüseyn, Vertreterin der Tev Dem Rojava (Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft).

Sie betont die wichtige Rolle der jungen Frauen in der Revolution, kritisiert die eingeengte Sichtweise des klassischen Marxismus auf die Geschlechterfrage und weist auf die starken Angriffe der kapitalistischen Moderne hin, in der die Körper und Seelen der Frauen verkauft werden. Auf der anderen Seite versuchen radikalislamische Kräfte, die Frauen unter den Schleier zu zwingen „Als kurdische Frauen stehen wir im Mittleren Osten gegen beide Haltungen auf. Wenn wir heute eine demokratische, gleichwertige Gesellschaft aufbauen wollen, müssen wir die Frauenfrage zuerst lösen. Das System der Unterdrückung der Frau, dass sich mit der kapitalistischen Moderne verbunden hat, ist die Basis aller Unterdrückung“, so Hanife Hüseyn in ihrer Eröffnungsrede.

Sie weist auf die Aufgabe junger Frauen in der Verteidigung der Gesellschaft hin. „Wir haben mit der Jugend begonnen und mit der Jugend werden wir zum Erfolg kommen“, ist einer der Leitsätze dieser Veranstaltung.

In vielen Redebeiträgen wird die Rolle insbesondere der Türkei verurteilt, die die islamistischen Banden logistisch und militärisch unterstützt. Da gestern bekannt wurde, dass die KDP direkt in geplante Anschläge gegen Rojava verwickelt ist, ist auch diese südkurdische Partei ein großes Thema.

Auch der sexuelle Missbrauch von Frauen aus Rojava in den Flüchtlingslagern in Südkurdistan wird thematisiert. Die KDP und ihr Umfeld wollen den Kanton Cezire aufgrund seines Reichtums unter Kontrolle bekommen und aus diesem Grund die Bevölkerung ins Ausland vertreiben, so eine Rednerin. Im Bericht über die Arbeit des letzten Jahres heißt es, 230 Jugendliche haben sich im letzten Jahr aus der Organisation der Jungen Frauen der YPJ angeschlossen.

„Die Befreiung der Frauen und die Befreiung der Gesellschaft sind eins. Frauen, die ihre Heimat verlassen haben, sind in Südkurdistan Vergewaltigung und sexueller Ausbeutung ausgesetzt.
Die beste Antwort darauf ist, sich zu organisieren, so eine der jungen Frauen.“ Eine Vertreterin der YPJ, die hier als Gast ist, weist auf die Rolle der Gefallenen hin: „Ohne sie wären wir niemals so weit gekommen. Wir wünschen euch Erfolg.“

Die 17-jährige Helin aus Rimelan sagt, die Konferenz sei sehr schön und sie sei schon drei Jahre in der Organisation der Jugend. Gülnaz aus Girke Leke sagt: „So viele sind gefallen, wir wollen nicht, dass ihr Blut umsonst vergossen wurde. Mit dem Widerstand in Kobane fühlen wir uns sehr verbunden.“

Alle Frauen sprechen mit großer Entschlossenheit und viel Selbstbewusstsein. Sewsen aus Dirbsi erzählt, allein aus ihrem Ort seien 22 Frauen gekommen.

Freundinnen erzählen, dass es immer noch zu Zwangsheiraten von Frauen im jungen Alter kommt.
Eine junge Frau aus Dirbespi kritisiert, dass zu wenig Bildungsarbeit stattfinde. Einige Frauen sind der Meinung, die Organisation könne noch viel stärker sein. Eine sagt, dass bei dem Krieg in Til Himes viele FreundInnen gefallen sind, was die Arbeit sehr erschwert habe. Positiv findet sie, dass sehr viel gelesen werde. Teilweise verhindern die Familien, dass die Mädchen politische Arbeit machen. Sozdar aus Heseke von der Föderation der StudentInnen sagt, dass sehr viele Frauen neu beigetreten seien, von denen viele in den zahlreichen Institutionen mit kleinen Aufgaben beschäftigt seien. Nach wie vor verhindere der Einfluss der Religion, dass Mädchen sich beteiligen. Unter anderem werde Angst vor Aids und anderen Krankheiten geschürt, die mit der Realität gar nichts zu tun hätten, so Sozdar. Berivan aus Girke Leke sagt, dass immer noch sehr viele Frauen unter dem Einfluss von Männern stehen. Sie schlägt vor, dass die Frauen zu allen Aktionen mit ihren eigenen Fahnen gehen sollten, um sichtbar zu sein. Zilan aus Tirbespi erzählt, die politische Arbeit in der Stadt sei schwierig. So habe es viele Bombenangriffe gegeben. Die Frauen, die dort schon lange sind, müssten die Jüngeren besser ausbilden, kritisiert sie. Sie fordert auch Bildung für die Familien, damit sie die Mädchen ihre politische Arbeit machen lassen.

Als Ergebnis der Konferenz wählten die jungen Frauen eine 15-köpfige Leitung. Sie beschlossen, den ideologischen und politischen Kampf gegen Rückständigkeit und Unterdrückung durch Organisation und Bildung verstärkt zu bekämpfen.

Die Jungen Frauen sollen sich in allen Bereichen und Institutionen organisieren und Vorkämpferinnen sein. Außerdem ist ihr wichtigstes Ziel, die Freiheit ihres Vertreters Abdullah Öcalan zu erreichen.

Rojava, Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan, Mai 2014

„Während andere eine militärische Revolution erschaffen, erschaffen wir eine Revolution des Bewusstseins.“

Die Akademie Nuri Dersimi in Rimelan

In jeder größeren Stadt Rojavas gibt es eine Nuri Dersimi Akademie. An diesen Akademien engagieren sich LehrerInnen ehrenamtlich für die Bildung der Bevölkerung. Sie sind nach dem kurdischen Intellektuellen Nuri Dersimi benannt. Nuri Dersimi wurde 1893 in Dersim geboren und starb 1973 in Aleppo. Er organisierte kurdische Aufstände in Nordkurdistan, den Kocgiri-Aufstand und nahm am Dersim-Aufstand teil. Nach dessen Beginn musste er 1937 nach Jordanien und Syrien fliehen. Er kämpfte sein Leben lang für die Rechte, die Kultur und Sprache des kurdischen Volkes und hatte sich auch niemals der Verfolgung und Repression des Baath-Regimes gebeugt. Sein Grab befindet sich im kurdischen Kanton Afrin.

Am 16.05.2014 besuchte unsere Delegation die Akademie Nuri Dersimi in Rimelan. Rimelan ist eine Kleinstadt mit etwa 50.000 EinwohnerInnen, etwa die Hälfte der BewohnerInnen sind arabischer Herkunft. Im Umland heißt das, dass sie mit der Umsiedlungspolitik des Baath-Regimes in den 60er Jahren hier angesiedelt wurden. Die kleine Stadt ist das Ölzentrum von Rojava, daher leben hier zahlreiche Ölarbeiter, Ingenieure und Fachleute aus den arabischen Regionen in Damaskus, Dere Sor und Latakya. Rimelan ist eines der wichtigsten Ölförderzentren Syriens, doch die Pumpen stehen im Moment still, Rojava produziert aufgrund des Embargos nur Öl und Gas für den Eigenbedarf. Mit Hilfe des Gases wird Strom hergestellt, der einen Teil des Bedarfs von Rojava abdeckt. Von fünf Turbinen sind jedoch zwei außer Betrieb aufgrund des Embargos und fehlender Ersatzteile. Deshalb hat Rojava mit starken Energieproblemen zu kämpfen und Strom oder auch Wasser stehen häufig nur stundenweise zur Verfügung.

Die Beamten des Regimes sind mit dem Regime geflohen, als die islamistischen Banden anrückten um Kontrolle über die Region zu erlangen. Die Bevölkerung erhob sich und die Reste des Regimes zogen nach Qamislo und Heseke ab. Die YPG verteidigte Rimelan entschlossen gegenüber den Banden. Die Stadt war zuvor 28 Tage von den Terrorgruppen belagert worden. So kommt es, dass dieses Stadt zu einem wichtigen Teil des Kantons Cizire wurde, mit einer ausgeprägten Struktur von Kommunen, Räten, Frauenbewegung und anderen Einrichtungen.

Lange Zeit war Rimelan eine besonders umkämpfte Region. Zunächst versuchte die Al-Nusra-Front und dann ISIS die Region zu erobern. Sie scheiterten am Widerstand der YPG und wurden weit zurückgeschlagen. Im Moment befindet sich die Front in einer Entfernung von etwa 65–70 km.
Die Akademie Nuri Dersimi in Rimelan – Symbol der Revolution

Im mondänen Direktorat der staatlichen Ölfördergesellschaft befindet sich nun die Volksakademie Nuri Dersimi, ein deutlicher Ausdruck der Revolution, in dem systematisch Orte der ehemaligen gesellschaftlichen Machteliten zu Kulturzentren, Volkshäusern und Akademien umgewandelt worden sind.

Wir hatten die Gelegenheit mit den Lehrerinnen und Lehrern der Akademie einige Zeit zu verbringen und Gespräche zu führen. Der junge Lehrer Dilgesh, selbst Physiklehrer an einer Schule in der Stadt, erklärte uns, dass es bei den Nuri Dersimi Akademien, vor allem darum ginge, der Bevölkerung freiheitliche Werte zu vermitteln. Von den regionalen Sprachen bis hin zu Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaften werden alle möglichen Angebote gemacht. Auch europäische Philosophie, wie Descartes, Platon, Nietzsche, Marx und Sokrates stehen auf dem Lehrplan. Dilgesh ist der Meinung, dass die Gesellschaft nun mit der Revolution auf eine neue moralische und politische Basis gestellt werden soll. Eine zentrale Rolle bei der Bildung nimmt der Apoismus mit seinen ökologisch, demokratischen, geschlechterbefreiten Paradigmen ein.

Es soll keine technokratische Bildung vermittelt werden, sondern eine Form der ganzheitlichen Bildung, die besonders auch in den Naturwissenschaften eine wichtige Rolle spielt. Er sagt: Wir wollen jetzt frei und ohne Grenzen denken und alles hinterfragen. Unser Ziel ist es das begrenzte Schulwissen zu erweitern und die Menschen zu befähigen, sich als bewusste Subjekte zu verstehen.“

Im Unterricht geht es daher immer wieder auch um den Aufbau des gesellschaftlichen Systems in Rojava, etwa um demokratische Ethik, Räte oder Frauengeschichte. Dabei spielt der Dialog in der Klasse eine zentrale Rolle und auch die LehrerInnen begreifen sich selbst als SchülerInnen.

Unterricht an der Akademie findet immer in Ausbildungseinheiten von 15–20 Personen statt. Diese bleiben 10 bis 25 Tage an der Akademie. Die SchülerInnen kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft und übernachten in der Regel in den Räumen, der von einem baumbestandenen Garten gesäumten Akademie. Sowohl der kulturellen, als auch der politischen Heterogenität der TeilnehmerInnen wird Bedeutung beigemessen, da es hier um eine grundliegende Wertevermittlung geht. Der Unterricht findet auf Spendenbasis statt. In der Leitung der Akademie befinden sich sechs Personen. Alle Gremien, auch die LehrerInnenschaft ist zu 50% mit Frauen besetzt. An fast allen Wochentagen findet Unterricht statt. Die LehrerInnen führen alle zwei Tage eine Auswertung der Arbeit durch, in der die Probleme der Schule, der LehrerInnen, mit Kritik und Selbstkritik bilanziert wird. So soll auch eine kontinuierliche Entwicklung der LehrerInnen gewährleistet werden. Die TeilnehmerInnen an den Seminaren sollen dann in Zukunft als MultiplikatorInnen dienen und selbst in ihren eigenen Bereichen Bildungsarbeit machen. Die Nuri Dersimi Akademien sind an die Volksräte und damit an TEV-Dem angeschlossen und damit Teil des Systems der demokratischen Autonomie.

Das Problem ist natürlich, dass die Menschen hier zunächst ums überleben kämpfen und daher meist die Bildung an zweitrangiger gesehen wird. Die LehrerInnen zeigen sich jedoch entschlossen „die Bevölkerung trotzdem zu organisieren und zu politisieren“.

Delegation der Kampagne TATORT Kurdistan, 20.05.2014