Autonomie für Kobani

Weitere kurdische Region in Syrien bildet eigenständige Regierung

kobani

Von Nick Brauns

Eine Woche nach der Ausrufung der Demokratischen Autonomie für den kurdischen Kanton Cezire im Nordosten Syriens hat sich am Montag in der kurdischen Region Kobani (Ain Al-Arab) eine weitere Autonomieregierung gebildet. Neben der sozialistisch orientierten Partei der Demokratischen Union (PYD), die in den Rojava genannten kurdischen Siedlungsgebieten Syriens die führende Kraft ist, wird die aus 22 Ministern bestehende Autonomieregierung von Kobani auch von zwei sozialdemokratischen Parteien unterstützt. Nationale Minderheiten wie Araber und christliche Assyrer sind ebenfalls in der Regierung vertreten. Nachdem demnächst auch in der östlich von Aleppo gelegenen Enklave Afrin als drittem kurdischen Kanton die Autonomie ausgerufen sein wird, sollen voraussichtlich im Mai Wahlen zu einer gemeinsamen Autonomieregierung für Rojava stattfinden.

Auch der wirtschaftliche Wiederaufbau in der unter einem dreifachen Embargo durch die Türkei, die kurdische Regionalregierung im Nord­irak und islamistischen Banden leidenden, industriell unterentwickelten aber fruchtbaren Region wird nun in Angriff genommen. In der Verfassung der unabhängigen Region heißt es, daß das Wirtschaftssystem an den »menschlichen Bedürfnissen und der Schaffung eines würdigen Lebens« orientiert sein muß. »Die Eigentümerschaft über die nationalen Produktionsmittel soll hergestellt, die Rechte der Bürger, der Arbeiter und die Umwelt geschützt und nationale Souveränität gefestigt werden.« Ein mit den Autonomieräten verbundenes »Institut für Wirtschaftsentwicklung« in der Stadt Derik erstellt hierzu Pläne für die Schaffung einer »unabhängigen Wirtschaft«. Unter Kontrolle des Instituts sollen Lebensmittelfabriken wiedereröffnet, Landwirtschaftskooperativen gebildet, die Verteilung von Brennstoffen organisiert sowie der allerdings durch das Embargo derzeit verhinderte Außenhandel der Autonomieregion kontrolliert werden. Auch Kooperativen, die speziell Frauen eine Erwerbsarbeit und damit materielle Unabhängigkeit sichern sollen, werden aufgebaut.

Unterdessen kommt es seit Sonntag zu schweren Gefechten zwischen den mehrheitlich kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und dschihadistischen Banden, die die Kleinstadt Menacire in der Nähe der an der türkischen Grenze gelegenen Stadt Serekaniye (Ras Al-Ayn) angriffen. Dabei wurden zu Wochenbeginn nach YPG-Angaben 30 Islamisten getötet. Eine Fraueneinheit der YPG zerstörte zudem einen Panzer. Bei dem Angriff beteiligten sich nach Informationen der Nachrichtenagentur Firat News sowohl Kämpfer der Al-Qaida-Verbände »Islamischer Staat im Irak und Syrien« (ISIS) und der Al-Nusra-Front als auch der Islamischen Front und der salafistischen Rebellengruppe Ahrar-Al-Sham. Im Raum Aleppo hatten diese Verbände sich in den letzten Wochen noch untereinander heftige Kämpfe mit Hunderten Toten geliefert, nachdem sich westliche Regierungen über die Dominanz der Al-Qaida besorgt gezeigt hatten. Eine drohende Großoffensive der vereinigten dschihadistischen Verbände zeichnet sich auch im Nordosten des kurdischen Autonomiegebiets ab, wo sich die Islamisten um die arabischen Kleinstädte Tall Hamis und Tall Birak sammeln. Ihr Ziel sind wohl die Ölfelder von Rumalan, die derzeit unter dem Schutz der YPG stehen. Vor zwei Wochen hatten Dschihadisten bereits Raketen aus mehreren von ihnen kontrollierten arabischen Dörfern auf den 30 Kilometer entfernten Flughafen der Großstadt Qamishli abgeschossen, der sich weiterhin unter Kontrolle der syrischen Armee befindet.

junge Welt 29.1.2014


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