Blutspur aus dem Tal der Wölfe

Für Pariser Morde könnten Hardliner verantwortlich sein, die eine Lösung der kurdischen Frage verhindern wollen

Von Nick Brauns

Nach dem Mord an drei Kurdinnen in Paris vor einem Jahr hatten die französischen Ermittler anfangs ebenso wie die türkische Regierung und die Presse über eine PKK-interne Abrechnung spekuliert. Diese These ist nach Angaben eines Anwalts der Ermordeten längst vom Tisch. »Es gibt viele Hinweise, die auf eine Verantwortung der Türkei hindeuten«, erklärte Rechtsanwalt Antoine Comte gegenüber der Nachrichtenagentur Firat.

Bereits rund zwei Wochen nach den Morden präsentierte die Staatsanwaltschaft den durch Überwachungskameras identifizierten 30jährigen Ömer Güney als dringend Tatverdächtigen. Güney war 2011 einem kurdischen Kulturverein in Paris beigetreten, wo er sich durch Übersetzungsdienste das Vertrauen der Vereinsmitglieder erschlich. Wie kurdische Journalisten später herausfanden, stammt Güney aus einer türkischen Familie in Sivas, die den faschistischen Grauen Wölfen nahestand. Gegenüber seinen Arbeitskollegen in Oberbayern, wo er mehrere Jahre gelebt hatte, machte Güney aus seiner eigenen nationalistischen Einstellung kein Geheimnis. Auch jetzt in Haft trägt er nach Angaben Comtes einen Ring mit den drei Halbmonden – dem Symbol der Grauen Wölfe. Auf seiner Facebookseite outete sich Güney, gegen den in Bayern wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz ermittelt wurde, als Fan des türkischen James Bond, des mordenden Geheimagenten Polat Alemdar aus der beliebten türkischen Fernsehserie »Tal der Wölfe«. In den zwölf Monaten vor den Morden war Güney achtmal nach Ankara gereist, ohne seine in der Türkei lebenden Verwandten zu kontaktieren.

Der nach seiner Enttarnung im Schweizer Exil lebende ehemalige V-Mann des türkischen Geheimdienstes MIT, Murat Sahin, identifizierte Güney Ende Januar 2012 gegenüber der Tageszeitung Yeni Özgür Politika als »unseren Mann in Paris«. Seine Führungsoffizierin aus Ankara habe ihm einmal ein Bild Güneys vorgelegt und erklärt, dieser werde in Paris zu einem »Heval« – so das kurdische Wort für Genosse. Für die Pariser Morde seien Hardliner verantwortlich, die eine Lösung der kurdischen Frage verhindern wollten. Sahin sieht also einen Flügelkampf innerhalb des Geheimdienstes als Tatmotiv.

Bei diesen Hardlinern könnte es sich um die Anhänger des pensionierten Imams Fethullah Gülen handeln, die innerhalb der türkischen Sicherheits- und Justizbehörden einen Parallelstaat geschaffen haben und sich derzeit einen offenen Machtkampf mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan liefern. Das jedenfalls behauptet der Exekutivratsvorsitzende des PKK-Dachverbandes »Union der Gemeinschaften Kurdistans« (KCK), Cemil Bayik, in einem zu Jahresende in der Tageszeitung Özgür Gündem erschienenen Beitrag. Bayik verwies dabei auf »organische Beziehungen« zwischen der Gülen-Bewegung und der im Graue-Wölfe-Milieu angesiedelten islamisch-faschistischen »Partei der Großen Einheit« (BBP), aus deren Reihen auch der Mörder des armenischen Journalisten Hrant Dink stammte. Über seinen Anwalt ließ Gülen eine Verwicklung in die Pariser Morde zwar dementieren. Doch Kommentatoren der Gülen-nahen Presse hatten sich in der Vergangenheit für eine »tamilische Lösung« der kurdischen Frage durch militärische Vernichtung der Guerilla ausgesprochen. Und in der Tageszeitung Zaman warnt der bekannte Gülenist Emre Uslu regelmäßig vor einer Stärkung der PKK durch die von MIT-Geheimdienstchef Hakan Fidan in Erdogans Auftrag aufgenommenen Verhandlungen mit dem inhaftierten PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan.

junge Welt 9.1.2014


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