Religiöser Geheimbund

Regierungsberater empfiehlt der BRD Zusammenarbeit mit islamisch-nationalistischer Gülen-Bewegung

Von Nick Brauns

Die Mitglieder der islamisch-pantürkischen Gemeinde des Imam Fethullah Gülen haben in der Türkei einen Parallelstaat errichtet und nutzen ihren Einfluß zur willkürlichen Inhaftierung politischer Gegner. Was bislang als Verschwörungstheorie abgetan worden war, gibt inzwischen selbst der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu – seit er durch Korruptionsermittlungen gegen seine Regierung unter Druck geraten ist.

Dagegen hatte die Bundesregierung auf Anfragen der Linksfraktion stets erklärt, ihr lägen zu solchen »Spekulationen« keine »belastbaren Erkenntnisse« vor. Vor dem Hintergrund des jetzt entbrannten Machtkampfes zwischen den einstigen Bündnispartnern Erdogan und Gülen hat die als Beratungsinstitut der Bundesregierung fungierende »Stiftung Wissenschaft und Politik« im Dezember eine Studie zur Gülen-Bewegung veröffentlicht. Autor Günter Seufert bietet eine profunde Analyse, die auch Gülens frühere Parteinahme für Putschmilitärs und seine feindliche Haltung gegenüber kurdischsprachigen Aleviten nicht verschweigt. Während das sich selbst als Hizmet (»Dienst«)-Bewegung bezeichnende Netzwerk nach außen als lose Verbindung von Gülen inspirierter selbstloser Menschen darstellt, erkennt Seufert eine »hierarchisch strukturierte religiöse Gemeinde mit einer zivilgesellschaftlichen Mission, die zudem einen ausgeprägten politischen Gestaltungswillen hat«. Dennoch rät er Entscheidungsträgern und Institutionen in Deutschland, »für die Zusammenarbeit mit Initiativen der Gülen-Bewegung in der Regel offen zu sein«. Dabei sei auf »innerorganisatorische und finanzielle Transparenz zu drängen und darauf hinzuwirken, daß Entscheidungen auf demokratischem Wege zustande kommen«.

Tatsächlich gibt es eine solche Kooperation sein langem. So bezeichnete die Bundesregierung den zur Gülen-Bewegung zählenden »Bundesverband der Unternehmerverbände« (BUV) im vergangenen Jahr in ihrer Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion als »kompetenten und leistungsfähigen Partner« bei Wirtschaftsveranstaltungen wie dem Deutsch-Türkischen Energieforum. Der BUV verfüge »über sehr gute Kontakte zu den türkischen Ministerien und Behörden sowie zu anderen wichtigen wirtschaftlichen Akteuren und Multiplikatoren in der Türkei«.

In der BRD rechnet Seufert rund 300 Bildungsvereine sowie 24 Privatgymnasien zur Gülen-Bewegung. Diese dienen ihr als wichtige Orte der Nachwuchsrekrutierung. Nun zieht es die Gülenisten offenbar auch hierzulande in die Politik. Wie der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) im vergangenen Jahr enthüllte, sind in Leipzig Dutzende Personen aus dem Umfeld des Sächsischen Bildungszentrums, dessen Geschäftsführer Tayyar Kocak sich offen zur Gülen-Bewegung bekennt, in die SPD eingetreten.

Da viele dieser Neumitglieder die gleichen Wohnanschriften angaben, vermutet die Sektenbeauftragte der Kindervereinigung Leipzig e.V., Solveig Prass, daß es sich dabei um sogenannte Lichthäuser handelt. Das sind strikt nach den konservativen Lehren Gülens ausgerichtete studentische Wohngemeinschaften. Aussteiger sprechen von Sektenstrukturen.

Rückendeckung erhalten die mutmaßlichen Gülen-Anhänger vom rechten Parteiflügel der SPD. Dagegen sah sich der Leipziger Juso-Vorsitzende Frank Franke mit Rassismusvorwürfen konfrontiert, als er sich öffentlich gegen die versuchte Übernahme des personell schwach aufgestellten Stadtverbandes der Jungsozialisten durch die geheimbündisch agierenden Neumitglieder positionierte. Doch es sind gerade SPD-Politiker mit Migrationshintergrund wie der Vizechef der Bundesarbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt, Aziz Bozkurt, und die ehemalige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün, die vor der Gefahr einer Unterwanderung warnen. Parteipolitisch festgelegt scheinen die Gülen-Anhänger nicht zu sein. In Bayern zieht es sie verstärkt in die CSU, während sie anderenorts die Nähe der Grünen suchen

junge Welt 6.1.2014


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