»Wir sind unter Belagerung«

Kurden wollen mit eigener Delegation an Syrien-Gesprächen in Genf teilnehmen. Ein Gespräch von Karin Leukefeld (Junge Welt) mit Abdulsalam Mustafa

Abdulsalam Mustafa ist stellvertretender Europasprecher der Partei der Demokratischen Union (PYD). Er stammt aus Derbasiya in Syrien. Als Kurde nennt er seine Heimat Westkurdistan oder »Rojava«

jw. Sie informieren derzeit die kurdische Bevölkerung in Europa über die Lage in ihrer Heimat. Worum geht es Ihnen dabei?

Unser Ziel in Westkurdistan ist eine Revolution, und wir werden deswegen von allen Seiten angegriffen. Man greift uns in der Presse an und auch politisch. Wir wollen unsere Bevölkerung in Europa über die tatsächliche Lage und unsere Ziele informieren. Aber es geht uns auch um diplomatische Beziehungen. Wir sprechen mit Politikern und auch mit der arabischen Opposition, die in Europa ist. Wir wollen, daß man unsere Stimme weltweit hören und unsere Ziele verstehen kann.

jw. Haben Sie Vertreter der Bundesregierung in Berlin getroffen?

Wir haben einige Mitglieder des Parlaments treffen können. Wir würden auch gern mit Vertretern des Auswärtigen Amtes sprechen. In Brüssel, in Genf oder Frankreich haben wir gar keine Schwierigkeiten, auf Regierungsebene Gesprächspartner zu finden. Nur in Deutschland bleiben die Türen verschlossen.

jw. Im Norden Syriens hat es in den vergangenen Monaten gezielte Angriffe gegen die kurdische Bewegung gegeben, Tausende Zivilisten sind geflohen. Wie ist die Lage derzeit?

Die humanitäre Lage in unseren Gebieten ist dramatisch, wir sind unter Belagerung. Militärisch werden wir von den Extremisten angegriffen, von den Salafisten der Nusra-Front und vom »Islamischen Staat Irak und Syrien«, wir nennen sie »Daash«. Diese Kämpfer kommen direkt aus der Türkei in unsere Gebiete. Die Salafisten haben Straßenverbindungen zwischen unseren Gebieten blockiert. Wir hatten bisher einen Zugang aus den kurdischen Gebieten im Nordirak über den Tigris. Aber auf Druck der Türkei wurde dieser Zugang geschlossen. Aus unserer Sicht ist das ein gezieltes Vorgehen. Man zwingt die Zivilbevölkerung zur Flucht, so daß nur noch Kämpfer zurückbleiben.

jw. Sie sprechen von einem Embargo gegen die kurdischen Gebiete. Wie ist es mit den Gebieten, in denen die salafistischen Kämpfer das Sagen haben?

Einige Grenzübergänge aus der Türkei bleiben für diese Gruppen geöffnet. Zum Beispiel bei Tell Abiyad gibt es eine Nachschublinie, die von den Islamisten kontrolliert wird. Außerdem erhalten die von den Islamisten kontrollierten Gebiete Hilfe durch das Rote Kreuz, den Roten Halbmond in Syrien.

jw. Der kurdischen Bewegung wird vorgehalten, sie würde mit der syrischen Regierung kooperieren.

Das ist nicht richtig. Von Anfang an waren wir an der Seite der Protestbewegung, seit 2004 stehen wir in Opposition zur Regierung, aber nie mit Waffen. Wir waren dagegen, daß die Opposition sich bewaffnet, weil wir wußten, wie die Regierung reagieren würde. Heute führt das Ausland den Krieg. Die Entscheidungen sind den Syrern aus den Händen genommen. Wir haben mit diesem Krieg nichts zu tun. Katar, Saudi-Arabien, Iran, die Hisbollah, Rußland, die USA und natürlich die Türkei – alle führen Krieg gegeneinander in Syrien. Daran beteiligen wir uns nicht, denn wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Wir sind keine Soldaten für andere Interessen.

Wie ist das Verhältnis der PYD, der Kurden, zur »Nationalen Koalition«?

Wir fordern nationale Rechte für die Kurden, und wer diese Forderung unterstützt, den unterstützen wir. Aber, es tut mir leid, das zu sagen: Weder die Opposition noch die Regierung verstehen uns. Wir gehen einen dritten Weg. Darum sind wir auch Mitglied des Nationalen Koordinationskomitees für Demokratischen Wandel, das gegen jede Gewaltanwendung in Syrien ist.

JW: Für Januar ist eine Syrien-Konferenz in Genf geplant. Werden Sie mit einer eigenen kurdischen Delegation daran teilnehmen?

Wir wollen als unabhängige Gruppe teilnehmen, an der Seite der Opposition. Derzeit scheint es, als wolle man die Rechte der Kurden bei der Genfer Konferenz außen vor lassen. Die Amerikaner haben offen gesagt, daß sie wegen der Kurden keinen Ärger mit der Türkei oder mit arabischen Staaten haben wollen.

JW: Die kurdische Frage ist natürlich wichtig, aber unabhängig davon: Was erwarten Sie von den Genfer Gesprächen?

Das Wichtigste ist ein Waffenstillstand, der Krieg muß gestoppt werden. Die Regierung kann das, sie hat eine organisierte Armee, der sie befehlen kann, den Krieg zu stoppen. Die Opposition kann das in Genf natürlich auch sagen. Aber die bewaffneten Gruppen in Syrien, wie werden sie sich verhalten? Hören sie auf den Befehl aus Istanbul? Sind sie bereit, den Krieg zu beenden? Werden sie aus Istanbul kontrolliert? Es gibt viele Gruppen wie die Nusra-Front oder die Daash, die sagen, wenn die Opposition aus Istanbul nach Syrien kommt, werden wir sie töten. Diejenigen, die in Syrien über Macht verfügen, müssen sich einigen, dann könnte Genf ein Erfolg werden. Wenn sie sich nicht einigen, wird es auch keinen Erfolg in Genf geben.

JW: Sind Sie optimistisch, daß der Krieg in Syrien bald beendet sein wird?

Der Krieg wird lange dauern. Es sind tiefe Wunden gerissen in der syrischen Gesellschaft. Das braucht Zeit, um zu heilen. Und wir wissen ja, überall, wo die Amerikaner in den letzten Jahren direkt oder indirekt interveniert haben, herrscht heute Chaos. Afghanistan, Irak, Libyen. Ihre Interessen und die Interessen der Russen sind wichtiger als Menschenrechte. Wir sprechen diese Wahrheit offen aus, darum mag man uns nicht.

Interview Karin Leukefeld
junge Welt 13.12.13


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