»Dschihad-Schauplatz« BRD

Deutsche Islamisten mordeten in Syrien. Bundesregierung weiß nichts Genaues

Von Nick Brauns

Mit einem Internetvideo aus dem syrischen Bürgerkrieg räumte der frühere Berliner Gangsterrapper »Deso Dogg« am Sonntag Spekulationen über seinen Tod bei einem Luftangriff aus. »Ich bin nur leicht halb gelähmt«, erklärte der 38jährige Denis Cuspert, der unter dem Namen Abu Talha Al-Almani der Al-Nusra-Front angehört. Die zum Al-Qaida-Netzwerk gehörende Truppe gilt als einer der schlagkräftigsten Kampfverbände der syrischen Opposition gegen Präsident Baschar Al-Assad und ist für zahlreiche Anschläge und Massaker an Zivilisten verantwortlich.

»Demokratie ist, wonach wir gar nicht streben«, machte Cuspert nun deutlich und rief Muslime aus Deutschland zur Teilnahme am Kampf in Syrien auf. Bereits im August hatte er in einem Video seinen erhofften Märtyrertod besungen. Seit dem 18. Oktober warnt das Bundeskriminalamt auf Plakaten vor ihm: »Die abgebildete Person ist verdächtig, terroristische Anschläge gegen westliche Einrichtungen und Interessen zu planen.« Doch was konkret gegen Cuspert vorliegt, wollte die Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion aus »berechtigten Geheimhaltungsinteressen« nicht beantworten. Dies würde den Ermittlungsstand eines beim Generalbundesanwalt geführten Ermittlungsverfahrens offenlegen.

Der »Dschihad-Schauplatz Syrien« übe eine »hohe Attraktivität« auf Islamisten aus Deutschland aus, erklärt die Bundesregierung in ihrer Antwort. Bislang sind nach ihren Angaben rund 230 aus der Bundesrepublik stammende Dschihadisten nach Syrien gegangen. Die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Wie viele bereits umgekommen sind, will die Bundesregierung nicht mitteilen, da dies Rückschlüsse auf geheimdienstliche Aufklärung zulasse.

Getötet wurde im November der 26jährige frühere deutsche Fußball-Jugendnationalspieler Burak Karan. Seine Familie behauptete anschließend, er habe nur humanitäre Hilfe geleistet. Doch offenbar hatte sich Karan an Angriffen auf Kurden beteiligt, die im Norden Syriens unter Führung einer Schwesterpartei der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) autonome Gebiete verteidigen. »Die Mudschaheddin in Azaz berichten, daß er wie ein Löwe in das Gebiet der Ungläubigen gestürmt ist – PKK, möge Allah sie allesamt vernichten – und Freude daran hatte, sie zu bekämpfen«, heißt es in einem nach Karans Tod veröffentlichten Video. Die von der türkischen Regierung logistisch unterstützten Gotteskrieger wollen im Nordosten Syriens ein »islamisches Emirat« errichten. Zu einem der schwersten Massaker kam es dort am 29. Juli in den kurdischen Kleinstädten Tel Hasel und Tel Aran bei Aleppo. Kämpfer von Al-Qaida und der »Freien Syrischen Armee« töteten bis zu 70 Zivilisten und verschleppten Hunderte weitere. Zwei blonde Deutsche hätten dabei eine Führungsrolle gehabt, berichteten Augenzeugen gegenüber jW.

Gotteskrieger aus Deutschland, unter ihnen Denis Cuspert, waren laut einem Focus-Artikel am 6. August auch an der Vertreibung und Ermordung von Bewohnern eines christlichen Dorfes an der türkischen Grenze beteiligt. Doch der Bundesregierung liegen angeblich »keine belastbaren Erkenntnisse« über die Beteiligung von Dschihadisten aus Deutschland an Kriegsverbrechen vor. Sorge bereite ihr »wohl nur die Rückkehr der dann als ›Gefährder‹ geltenden Islamisten nach Deutschland, während sie vor deren Verbrechen in Syrien beide Augen verschließt«, kritisierte Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Sie erinnerte auch daran, daß die deutsche Regierung auf EU-Ebene für Waffenlieferungen an die syrische Opposition votiert hatte.

Vor einer Woche behauptete die türkische Regierung, bereits 1100 durch die Türkei reisende EU-Bürger, die sich Al-Qaida in Syrien anschießen wollten, festgenommen und in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt zu haben. Unter ihnen sollen zahlreiche Deutsche gewesen sein. Offenbar handelt es sich um eine Propagandalüge der islamisch-konservativen AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Sie will wohl dem von einigen westlichen Regierungen erhobenen Vorwurf der Duldung von Al-Qaida-Aktivitäten entgegentreten. Nach Angaben der Bundesregierung sind bisher weniger als zehn Islamisten aus Syrien in die BRD zurückgekehrt.

junge Welt 11.12.13


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