Archiv für Oktober 2013

Komplott gegen Ultras

In der Türkei gehen Polizei und regierungsnahe Hooligans gegen Fangruppen vor

carsi

Von Nick Brauns

Mit einer großangelegten Operation ging die türkische Polizei am Freitag gegen Fangruppen der drei Istanbuler Süperlig-Fußballvereine Besiktas, Galatasaray und Fenerbahce vor. Bei Razzien in Istanbul, Mersin und Kocaeli wurden rund 80 Fußballfans festgenommen, denen Hooliganismus, Erpressung und illegaler Tickethandel vorgeworfen werden.

Im Sommer hatten sich die sonst im Wortsinn bis aufs Messer bekämpfenden Fangruppen der Istanbuler Klubs bei Massenprotesten gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vereint. Insbesondere Mitglieder der linksgerichteten Besiktas-Ultraformation Carsi, die mit einem gekaperten Schaufelbagger Polizeibarrikaden aus dem Weg räumten, wurden zu einem Symbol des Taksim-Platz-Protestes. 20 Carsi-Kapos wurden unter dem Vorworf des Terrorismus verhaftet. Obwohl die Regierung zu Beginn der neuen Saison politische Slogans in den Fankurven unter Strafe stellte, tönt in den Istanbuler Stadien weiterhin zur 34. Minute – die Zahl steht für das Autokennzeichen Istanbuls – die Parole »Überall ist Taksim – Überall ist Widerstand«.

Unter den jetzt Festgenommenen finden sich auch die Anführer der eigentlich regierungsfreundlichen Fenerbahce-Fangruppe Genc Fenerbahceliler und der nationalistischen Galatasaray-Ultras Ultraslan. Der Polizeischlag zielte damit generell auf die Zerschlagung der mächtigen Fangruppierungen, die einer von der islamisch-konservativen AKP-Regierung angestrebten weiteren Kommerzialisierung des Fußballs im Wege stehen. Begründet wurde die jetzige »Anti-Hooligan-Aktion« insbesondere mit einem Platzsturm von Besiktas-Fans beim Stadtderby gegen Galatasaray, der eine Woche zuvor beim Spielstand von 1:2 für Meister Galatasaray zum Abbruch des Spiels führte. Nach Augenzeugenberichten wurden die Randale durch Mitglieder eines erst vor wenigen Wochen im Umfeld der AKP-Jugend entstandenen Besiktas-Fanclubs provoziert, der sich nach dem Jahr osmanische Eroberung Konstantinopels »Adler von 1453« nennt. Erst seien Tausende Gratistickets an 1453er vergeben worden, die dann Carsi-Anhänger unter dem Ruf »Allah ist der Größte« attackierten. Die kemalistische Tageszeitung Cumhuriyet wittert daher ein »Komplott gegen Carsi« und beschuldigt die Regierung, eine Hooligantruppe gegen die außerparlamentarsche Opposition gegründet zu haben.

Besiktas muß den Platzsturm mit vier Geisterspielen und einer Geldstrafe von 70000 Lira, umgerechnet 25000 Euro bezahlen.

junge Welt 1.10.2013