Linke gegen Mafia

Istanbul: Drogendealer greifen revolutionäre Gruppen an. Hintergrund sind Gentrifizierungspläne

Gülsuyu

Von Nick Brauns

Mit einer Trauerkundgebung haben Familienmitglieder, Freunde und Anwohner des Istanbuler Viertels Gülsuyu am Donnerstag des 21jährigen Hasan Ferit Gedik gedacht. Der Aktivist der sozialistischen Halk Cephesi (Volksfront) war in dem Stadtteil am Sonntag mit sechs Kugeln erschossen worden, als Bandenmitglieder das Feuer auf eine linke Kundgebung eröffneten. Die Demonstration richtete sich gegen die Zusammenarbeit von Drogenhändlern und Polizei, nachdem einen Tag zuvor Mitglieder der Volksfront zuerst von Bandenmitgliedern und anschließend von der Polizei mit Schußwaffen angegriffen worden waren.

Schwer bewaffnete Polizisten hatten die ganze Woche über das Viertel Kücük Armutlu belagert, aus dem Gediks Familie stammt, und so eine Beisetzung des dort in einem alevitischen Gebetshaus aufgebahrten Toten verhindert. Erst nach der Vermittlung von Oppositionsabgeordneten genehmigte Istanbuls Gouverneur Avni Mutlu den Trauerzug zum Ort des Mordes. Mit roten Masken vermummte und mit Sturmgewehren bewaffnete Mitglieder der illegalen Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) waren zum Schutz der Trauernden vor möglichen Angriffen der Banden und der Polizei aufmarschiert. Auch Hüseyin Aygün, Abgeordneter der kemalistischen Republikanischen Volkspartei, nahm an der Trauerfeier teil. Redner beschuldigten die Polizei, die kriminellen Banden zu decken. So seien Polizisten als Arbeiter getarnt in das Krankenhaus eingedrungen, in dem Gedik in der Nacht zum Montag seinen Verletzungen erlag, um Beweismittel wie das blutverschmierte Hemd des Erschossenen verschwinden zu lassen. Nach Informationen der Zeitung Hürriyet Daily News vom Freitag wurden inzwischen 14 Bandenmitglieder verhaftet. »Wir werden keine Stadtbanditen dulden«, drohte Innenminister Muammer Güler zugleich auch Ermittlungen gegen die bewaffneten DHKP-C-Mitglieder auf der Trauerkundgebung an.

Das Stadtviertel Gülsuyu auf der asiatischen Seite von Istanbul ist ein sogenanntes Gecekondu. Das bedeutet »über Nacht erbaut« und bezeichnet informelle, aber inzwischen meist an die kommunalen Versorgungssysteme angeschlossene Siedlungen, wie sie weite Teile der westtürkischen Großstädte prägen. In Gülsuyu leben vor allem Angehörige der unter der jetzigen islamisch-konservativen Regierung verstärkt unter Ausgrenzung und Diskriminierung leidenden alevitischen Religionsgemeinschaft. Die Bewohner dieser Viertel sind seit den 70er Jahren aus den ländlichen Regionen Ost- und Südostanatoliens vor Armut und später auch aufgrund der Dorfzerstörungen durch die Armee im Krieg gegen die kurdische Guerilla nach Istanbul geflohen.

Seit einiger Zeit kommt es in Gülsuyu zu Spannungen zwischen immer aggressiver auftretenden kriminellen Banden und der hier stark verankerten revolutionären Linken. So hatten Drogenhändler im August mehreren Mitgliedern der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP) in die Beine geschossen. Anwohner beschuldigen die mit der Regierungspartei verbundene Bau-Mafia, hinter den kriminellen Banden zu stehen. Sie vermuten, daß die Bewohner des Viertels aus ihren selbstgebauten Häusern vertrieben werden sollen. Das Armenviertel mit Blick auf die idyllischen Prinzeninseln im Marmarameer hat längst die Begehrlichkeiten von Immobilienspekulanten geweckt, die dort teure Wohnanlagen bauen wollen. Im Zuge sogenannter Stadtentwicklung droht zahlreichen Gecekondus der Abriß zugunsten luxuriöser Eigenheime. Für die bisherigen Bewohner bedeutet das oft die Vertreibung in fernab der Metropole gelegene Trabantenstädte.

junge Welt 5.10.2013


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