»Aus feudalen Strukturen befreien«

Kurdische Frauenarmee kämpft eigenständig für Unabhängigkeit.

yjastar

Ein Gespräch mit Rapperin Afrin, der Kommandantin der »YJA Star«, Frauenarmee der Kurdischen Arbeiterpartei PKK

Interview: Martin Dolzer

M.D.: Im Frühjahr 2013 hat die Guerilla der PKK damit begonnen, sich aus den kurdischen Provinzen der Türkei in den Nord¬irak zurückzuziehen. Wie ist es dazu gekommen?

R.A.: Im August 2011 hatte die Guerilla mit einer neuen Strategie begonnen. Nachdem die AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan versucht hatte, die Vernichtung aller politisch tätigen Kurden auf juristischer und politischer Ebene zu betreiben, sahen wir keine andere Wahl, als die Bevölkerung und uns selbst offensiv zu verteidigen. Damit waren wir u.a. in Dersim, Erzurum und Semdinli sehr erfolgreich. Im Frühjahr 2013 waren wir darauf eingestellt, diese Strategie auszuweiten. Deshalb hat es uns sehr überrascht, daß Abdullah Öcalan die Guerilla aufgefordert hat, sich aus den kurdischen Provinzen der Türkei zurückzuziehen. Wir sind diesen Schritt jedoch gegangen, um endlich Frieden zu ermöglichen.

M.D.: Historisch gesehen sind derart einseitige erste Schritte ohne Zugeständnisse der Gegenseite in einem Friedensprozeß einmalig…

R.A.: Der PKK und uns als eigenständiger Frauenarmee »YJA Star« geht es um die Demokratisierung des Mittleren Ostens und ein friedliches und demokratisches Miteinander aller Bevölkerungs- und Religionsgruppen. Öcalan hat mit seinem Friedensvorschlag die Tür zu demokratischen Entwicklungen weit geöffnet. Im Verlauf unseres Rückzuges waren wir jedoch häufig mit Provokationen durch Sondereinheiten des türkischen Militärs und von »Dorfschützern« konfrontiert. Zudem haben uns immer wieder Heron-Drohnen überflogen, so daß wir unseren Weg nicht fortsetzen konnten. Leider greifen im Moment auch Al-Qaida-Gruppen die demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen der Kurden in Syrien an – mit Unterstützung der Türkei.

M.D.: Haben die türkische AKP-Regierung oder europäische Regierungen Ihrer Ansicht nach ernsthafte Ambitionen, Frieden zu ermöglichen?

R.A.: Es fällt uns schwer zu verstehen, warum die Regierungen in Europa die Kurden immer noch kriminalisieren und die aggressive Politik der AKP-Regierung unterstützen, obwohl sie sich selbst als Demokratien begreifen. In vielen Regionen, aus denen sich die Guerilla zurückgezogen hat, hat die AKP neue Militärposten errichten lassen, und es wurde mit dem Bau von Staudämmen begonnen. Außerdem sollen zusätzlich zu den bereits 30000 vorhandenen 10000 neue Dorfschützer eingestellt werden. Immer wieder überfliegen Drohnen und auch Kampfjets die Guerillastellungen im Nordirak. Die Bevölkerung sieht die Guerilla als Schutz vor staatlicher Willkür und hatte wegen unseres Abzugs große Sorgen. Die AKP will den Friedensprozeß offensichtlich nutzen, um sich eine gute Ausgangsposition für die Kommunal- und Präsidentsschaftswahlen 2014 zu verschaffen. Ihre Maßnahmen lassen uns auch befürchten, daß neue Angriffe geplant werden. 2012 haben die kurdische Bevölkerung durch Proteste in den Städten und die politischen Gefangenen durch einen 60 Tage andauernden Hungerstreik verdeutlicht, daß sie nicht gewillt sind, die Politik der Regierung hinzunehmen. Wichtige Ziele sind für uns neben Grund- und kulturellen Rechten für sämtliche Bevölkerungsgruppen die Freiheit Abdullah Öcalans und der mehr als 10000 politischen Gefangenen. Es müssen auch einige Gesetze und die Verfassung geändert werden. Darüber hinaus fordern wir die Absenkung der Zehn-Prozent-Hürde bei den Wahlen.

M.D.: Welche Ziele hat »YJA Star«, die Frauenarmee der PKK?

R.A.: Wir agieren eigenständig innerhalb der PKK. Bereits Anfang der 1990er Jahre haben wir beschlossen, eine Frauenarmee und Frauenbewegung aufzubauen. Der Impuls dafür kam von Abdullah Öcalan. Es geht darum, uns aus seit 5000 Jahren praktizierter patriarchaler Unterdrückung und aus Rollenzuschreibungen zu befreien. Für viele Genossinnen ist die Guerilla der einzige Weg, feudalen Strukturen zu entkommen. Hier in den Bergen können wir uns bilden und ein demokratisches Miteinander entwickeln. Die Frauenbewegung ist der dynamischste Teil der PKK. Wir sind uns bewußt, daß ohne die Befreiung der Frau keine befreite Gesellschaft entwickelt werden kann. Der Name »YJA Star« stammt von der Göttin Ischtar und heißt »Ischtars freie Frauenbewegung«. Wir haben das Ziel, eine Gesellschaft ohne kapitalistische Unterdrückung zu gestalten. Wir sehen basisdemokratische kommunale Strukturen als lebenswertestes Modell. Und wir arbeiten weltweit mit Frauen und Frauenbewegungen zusammen, um unsere Arbeit weiterzuentwickeln. Um die Rechte der Bevölkerung oder uns selbst gegen Angriffe zu verteidigen, sind wir auch fähig und bereit, uns militärisch durchzusetzen. Für mich ist es sehr schwer, damit zu leben, daß wir uns aus den kurdischen Provinzen der Türkei zurückgezogen haben, obwohl in den letzten Jahren viele Genossinnen und Genossen für die Freiheit gestorben sind. Deshalb hoffen wir auf eine friedliche Entwicklung.

Junge Welt 4.10.2013


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