Archiv für August 2013

Krieg gegen Kurden

Syriens Aufständische greifen mit Al-Qaida Ortschaften im Norden des Landes an

Von Nick Brauns

Nach der Kriegserklärung der Freien Syrischen Armee (FSA) gegen die kurdischen Selbstverwaltungsgebiete Ende Juli häufen sich die Meldungen über Greueltaten an kurdischen Zivilisten. So verübten Gotteskrieger von Al-Qaida gemeinsam mit Einheiten der FSA in den beiden Orten Til Hasil und Til Aran im Gebiet von Aleppo in der vergangenen Woche Massaker an 70 kurdischen Zivilisten. Über Lautsprecher der örtlichen Moscheen erklärten die Dschihadisten nach Aussagen von geflohenen Bewohnern die Bevölkerung für vogelfrei. Es sei legitim, so riefen sie bei dem Angriff, kurdische Frauen zu entführen und zu vergewaltigen. Die Mehrzahl der Kurden hat die angegriffenen Orte verlassen. Hunderte von den Dschihadisten Verschleppte werden noch vermißt. Die russische Nachrichtenagentur RIA-Novosti berichtete am Montag unter Berufung auf den iranischen Fernsehsender Press TV von einem weiteren Massaker an bis zu 450 kurdischen Zivilisten in Tel Abyad in der Provinz Raqqa. Videos im Internet zeigen zahlreiche ermordete Frauen und Kinder.

Der Beschluß zum Angriff auf die lange vom Bürgerkrieg verschonten kurdischen Siedlungsgebiete war am 26. Juli auf einer Tagung von 70 FSA-Kommandeuren im türkischen ­Gaziantep gefallen. Entlang der türkischen Grenze haben seit einem Jahr Volksräte unter Führung der Partei der Demokratischen Union (PYD) die Kontrolle übernommen, während sich die syrischen Regierungstruppen zurückgezogen haben. Der Vorsitzende des FSA-Militärrates von Aleppo, Oberst Abdulcabbar Al-Akidi beschuldigte die PYD daher, als Shabiha (Hilfstruppe) auf der Seite des Assad-Regimes zu stehen. Nun sei die Zeit der »Vernichtung« gekommen.

Da die Masse der FSA-Einheiten sich noch auf den Kampf gegen die Regierungstruppen in anderen Landesteilen Syriens konzentriert, überläßt sie den Angriff gegen die kurdischen Selbstverwaltungsgebiete den offiziell außerhalb der FSA stehenden Gotteskriegern des Al-Qaida-Netzwerkes. Al-Akidi kündigte dazu die Öffnung der Waffen- und Munitionslager seiner vom Westen und den Golfmonarchien hochgerüsteten Truppe für die Dschihadisten der Al-Nusra-Front und des Islamischen Staats im Irak und Syrien (ISIS) an. Diese haben die Ausrufung eines islamischen Emirats in Nordostsyrien einschließlich der kurdischen Siedlungsgebiete angekündigt.

Die FSA verliert im Süden Syriens zunehmend Boden an die Regierungstruppen. Hinter dem Angriff auf die kurdischen Gebiete steht daher offenbar die Kalkulation, ihre Kräfte zukünftig im Nordosten zu konzentrieren. Dort verlaufen die Nachschublinien der bewaffneten Banden in die Türkei, wo auch verletzte Kämpfer in türkischen Krankenhäusern versorgt werden. Zudem befinden sich in dieser Region die syrischen Ölfelder. In den letzten Tagen wurden nach Augenzeugenberichten Waffen und Munition von der türkischen Provinz Gaziantep über den Grenzübergang Karkamis in arabische Dörfer nahe der kurdischen Stadt Kobani gebracht. Die Dschihadisten bereiteten einen Angriff auf den Ort vor, befürchtet der PYD-Vorsitzende Salih Muslim. In der Nähe von Kobani kam es in der Nacht zum Dienstag bereits zu schweren Gefechten, als kurdische Volksverteidigungseinheiten ein Dorf von den Dschihadisten befreiten.

junge Welt 7.8.13

Grünes Ergenekon

Urteile gegen angebliche Putschisten

Nick Brauns

Unter dem Vorwurf der Bildung einer bewaffneten Bande, die mit Anschlägen einen Militärputsch gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vorbereiten wollte, wurden am Montag in Istanbul rund 250 Angeklagte im fragwürdigen Ergenekon-Prozeß zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Höchstrangiger Angeklagter war der frühere Generalstabschef Ilker Basbug, der ebenso wie 18 weitere Militärs, Journalisten, Politiker und Akademiker in dem von der kemalistischen Opposition als »illegal« bezeichneten Prozeß lebenslängliche Haft erhielt.

Erdogan und die seiner Regierung nahestehenden Medien feiern den »historischen Prozeß« als Meilenstein bei der Demokratisierung des Landes, in dem die Armee zwischen 1960 und 1997 vier gewählte Regierungen gestürzt hat. Auffällig ist das Schweigen der US-Regierung zu den Urteilen, die auch hohe NATO-Offiziere betrafen. Die von der AKP betriebene Säuberung der Armeeführung ist in der Tat kaum denkbar ohne Zustimmung Washingtons. Doch in der US-Führung hatte sich die Überzeugung durchgesetzt, daß die durch Militarismus, Staatsfixiertheit und engstirnigen Nationalismus verknöcherten kemalistischen Staatsbürokraten die der Türkei zugedachte Rolle als Trojanisches Pferd der NATO im Nahen Osten nicht mehr erfüllen konnten. Vor dem Hintergrund des von den USA vorangetriebenen »Größeren-Mittleren-Osten-Projektes« wurde eine neue Kraft gebraucht, die die Masse der gläubigen Bevölkerung für den neoliberalen Umbau der Türkei gewinnen und gleichzeitig als Vorbild in die islamische Welt ausstrahlen konnte. Dieser neue Agent des Westens wurde die 2002 an die Macht gewählte AKP mit der von ihr vertretenen Ideologie einer türkisch-islamischen Synthese.

Unter der AKP wurde die zweitgrößte NATO-Armee als innenpolitischer Faktor ausgeschaltet. Doch anstelle einer Demokratisierung der Türkei fand ein Wandel vom kemalistischen Militärstaat zum neoliberalen Polizeistaat mit reli­giöser Fassade statt. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß die von den nun verurteilten Militärs begangenen Kriegsverbrechen in Kurdistan während des Ergenekon-Prozesses nicht zur Sprache kamen. Schließlich hat die AKP bei der Aufstandsbekämpfung noch vor drei Jahren eng mit dem jetzt verurteilten General Basbug kooperiert.

Mit dem Ergenekon-Verfahren wurden zwar einige berüchtigte Exponenten des »tiefen Staates« – Hüter des Laizismus verstehenden Militärs, kemalistische Bürokraten, nationalistische Ideologen – ausgeschaltet. Doch gleichzeitig ist der Prozeß der beste Beweis für die Weiterexistenz eines nunmehr religiös gewandelten »tiefen Staates«. Denn die für die juristischen Hexenjagden auf Opponenten verantwortlichen Kader der AKP und der pantürkisch-islamischen Gülen-Gemeinde haben längst ein »grünes Ergenekon« gebildet.

junge Welt 7.8.2013

Syrien/Westkurdistan: Freie Syrische Armee und Islamisten erklären den KurdInnen den Krieg

Pressemitteilung, 04.08.2013

In Aleppo werden kurdische ZivilistInnen massakriert – Freie Syrische Armee erklärt KurdInnen den Krieg – Entscheidung zum Angriff gegen kurdische Selbstverwaltungsstrukturen in Türkei getroffen – PYD: Demokratische Kräfte müssen uns in unserem Kampf unterstützen

rojava

Solidaritätsdemonstration mit Rojava an der türkischen Grenze

In den Orten Til Hasıl und Til Aran im Gebiet von Aleppo werden kurdische ZivilistInnen von al-Qaida-Gruppen und Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) massakriert. Kurdische Jugendliche werden allein aufgrund ihrer kurdischen Identität ermordet. Zugleich wurden hunderte kurdische Frauen und Kinder von den Gruppen entführt. Bereits am 31. Juli und am 1. August wurden in den beiden Orten 70 ZivilistInnen von den al-Qaida-Gruppen ermordet. Die Angriffe gegen die kurdischen ZivilstInnen halten weiter an.
In der Region leben rund 40.000 KurdInnen. Über die örtlichen Moscheelautsprecher haben die islamistischen Gruppen nun diese Menschen für vogelfrei erklärt. So sei es „helal“ (aus islamischer Sicht richtig) kurdische Frauen zu entführen und zu vergewaltigen, erklärten die Islamisten. Auch werden die Häuser der KurdInnen der Plünderung frei gegeben. Die meisten kurdischen EinwohnerInnen der Orte Til Hasıl und Til Aran befinden sich mittlerweile auf der Flucht. Im fünf Kilometer entfernten Dorf Sixêr erklärten die KurdInnen, was ihnen von den Islamisten angetan wurde.
Einer der Flüchtlinge, der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht angeben wollte, erklärte, dass der bloße Grund, weshalb die KurdInnen dort massakriert werden, ihre kurdische Identität ist. Über den Verbleib der entführten KurdInnen, ihre Zahl geht in die Hunderte, gibt es derzeit keinerlei Informationen.
An den Massakern beteiligt sind auch Einheiten der FSA. Über eine Videomessage drohte der FSA-Kommandant Abdulcabbar el-Akidi damit, die KurdInnen massakrieren zu wollen. Man werde alle Munitions- und Waffenlager der Al-Nusra-Front und der Gruppe Islamischer Staat Irak und Syrien für den Kampf gegen die KurdInnen öffnen und zur Verfügung stellen.

Entscheidung zum Angriff auf kurdische Bevölkerung in Dîlok (Gaziantep, Türkei) getroffen!

Am 26. Juli 2013 trafen sich 70 Kommandanten der Freien Syrischen Armee unter der Gastgeberschaft der Türkei in Dîlok (Gaziantep). Jetzt ist an die Öffentlichkeit gekommen, dass die Entscheidung zu den Angriffen auf die kurdische Bevölkerung von Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) auf diesem Treffen gefällt worden ist. In Til Hasıl und Til Aren im Gebiet Halep wurden am 31. Juli und 1. August mindestens 70 kurdische Zivilisten getötet und Hunderte als Geiseln genommen.

Der Nachrichtenagentur ANHA zufolge, erklärte der Vorsitzende des militärischen Rats der Freien Syrischen Armee Abdulcabbar el-Akidi auf dem Treffen in Dîlok, dass sie viel stärker als die PYD seien und alle Kurden aus den Gebieten Syriens vertrieben werden sollen. Es sei die Zeit der „Vernichtung“ gekommen. Zudem wurde eine Videobotschaft ausgestrahlt, in der mehrerer Kommandanten der Freien Syrischen Armee zu sehen sind. Darin wird erklärt, dass unter anderem die Brigade „Azadi“ Teil der Angreifer auf Til Hasıl und Til Aren ist und das Ziel der Angriffe die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) seien.

Scharf kritisiert wurde die Zusammenarbeit zwischen FSA und al-Qaida von dem Kommandanten der El-Ekrad-Front Haci Ahmet. „Diejenigen die fordern, dass wir unsere Waffen abgeben sollen, sollen, falls sie Herzen haben, kommen und versuchen uns diese abzunehmen“, so Ahmet. Man werde weiterhin die Völker vor dem faschistischen Baath-Regime und den bewaffneten Banden schützen.

Ahmet betonte, dass Abdulcabbar el-Akidi in seiner Rede zugegeben habe, dass die FSA-Kämpfer zusammen mit al-Qaida-nahen-Gruppen für Massaker an der Bevölkerung in Tel Aran und Tel Hasıl verantwortlich sei. Die internationalen Mächte müssten daher die Militärunterstützung für bewaffnete Gruppen in Syrien nochmal überdenken, so Ahmet.

Bei der El-Ekrad-Front handelt es sich um bewaffnete kurdische Einheiten, die überall dort agieren, wo kurdische Gemeinschaften in Syrien außerhalb der westkurdischen Gebiete leben.

PYD: Demokratische Kräfte müssen uns in unserem Kampf unterstützen

Die diplomatische Vertretung in Europa der Partei für eine Demokratische Union (PYD) rief in Hinblick auf das von islamistischen Gruppen verübte Massaker an kurdischen Zivilisten in den Vororten von Aleppo alle Unterstützer der Demokratie dazu auf, die kurdische Bevölkerung in ihrem Kampf gegen die al-Qaida und ihr nahestehenden Gruppen zu unterstützen. „Die syrische Revolution begann mit dem friedlichen Protest von einigen Frauen im Hamadiah Bazar von Damaskus im März 2011. Heute ist sie allerdings zu einem blutigen Krieg zwischen dem syrischen Regime und einer ganzen Bandbreite sogenannter Oppositioneller verkommen. Diese Opposition porträtiert sich selbst gerne als revolutionär und demokratisch. Allerdings hat ihre Praxis rein gar nichts mit dieser Selbstdarstellung gemein. Die Opposition, geführt von al-Qaida nahen Gruppen wie Jabhat al Nusra und Islamischer Staat Irak und Syrien (ISIS) greift gegenwärtig kurdische Gebiete an und schreckt nicht davor zurück Zivilisten zu attackieren“, heißt es unter anderem in der Erklärung. Die vollständige Erklärung können Sie im Anhang entnehmen.

Auch der Exekutivrat der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hat zu den Angriffen auf kurdische ZivilistInnen in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) eine Erklärung abgeben. Die Angriffe haben die Errungenschaften der Revolution in Rojava zum Ziel, heißt es darin. Es wird zur großen Mobilisierung in ganz Kurdistan und zur internationalen Solidarität aufgerufen. Jeder Platz soll zum Ort der Rebellion gemacht werden. Alle sollen neben dem Volk von Rojava ihren Platz einnehmen, dass von Massakern durch regionale Kräfte und deren Kollaborateure, die die Revolution Rojavas zerstören und ihr eigenes korruptes System aufbauen wollen, bedroht sei. „Wir rufen das kurdische Volk und dessen Freunde auf, unser Volk in Rojava, das gegen die Banden und dunkle internationale Mächte einen Kampf für Freiheit und Würde führt, nicht allein zu lassen und die Revolution im gesamten Mittleren Osten zu entwickeln“, heißt es in der Erklärung der PKK.

In Dutzenden kurdischen Städten gab es bereits dezentrale Kundgebungen und Demonstrationen, auf denen sich mit der Bevölkerung von Rojava solidarisiert wurde. Am Freitag (02.08.2013) organsierte der Demokratische Kongress der Völker (HDK) zusammen mit Dutzenden linken Organisationen und der LGBT-Bewegung eine Demostation in Istanbul, an der Tausende Menschen teilnahmen.

Der Demokratische Kongress der Völker (DTK), die Partei für Frieden und Demokratie (BDP), die Demokratische Freie Frauenbewegung (DÖKH), der Jugendrat und Dutzende zivilgesellschaftliche Organisationen mobilisieren für eine mehrtätige zentrale Solidaritätsaktion in der Grenzstadt Ceylanpinar, der Schwesterstadt von Sere Kaniye. Für den 4. August ist eine Großdemonstration vorgesehen und am 5. bis 7. August werden Mahnwachen abgehalten werden. Es werden Hunderttausend bei der zentralen Kundgebung aus den Städten wie Merdin (Mardin), Amed, Elih (Batman), Şirnex (Şırnak), Dersim, Çewlik (Bingöl), Elaziz (Elazığ), Sêrt (Siirt), Bêdlis (Bitlis), Wan (Van) und Mûş erwartet.

Auch in Hamburg, Bonn, Hannover und Bremen kamen tausende Menschen gegen den Krieg in Rojava zu Demonstrationen zusammen, zu der der PYD Europa Organisation aufgerufen hatte. Unter anderem wurde die Beteiligung aller in Syrien lebender Völker, Glaubensgemeinschaften und Kulturen an Friedensgesprächen unter der besonderen Berücksichtigung von Frauen gefordert.

Für weitere Informationen und Rückfragen stehen wir gerne unter der Nummer 069-84772084 zur Verfügung.

Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V.

»Kräfte der Dunkelheit«

Kurden gegen Islamisten. Al-Qaida will »Islamisches Emirat« in Nordsyrien ausrufen

Von Nick Brauns

Dschihadistische Gruppen aus dem Al-Qaida-Netzwerk haben angekündigt, nach der Einnahme der nordsyrischen Provinz Al-Raqqah nach Ende des Fastenmonats Ramadan, ein »Islamisches Emirat« ausrufen zu wollen. Auch kurdische Städte sollen nach Vorstellung der Al-Nusra-Front und der Kämpfer des »Islamischen Staates im Irak und der Levante« (englisch: ISIS) Teil dieses Separatstaates werden. Jetzt konzentrieren sich die »Gotteskrieger« auf die Kontrolle strategisch wichtiger Grenzregionen zur Türkei und dem Irak. Diese dienen den Dschihadisten als Transitstaaten, von dort beziehen sie auch ihren Waffennachschub.

Girkelege

In der Folge des Vorrückens der Islamisten kommt es seit Wochen in den unter der Führung der Partei der Demokratischen Union (PYD) von »Volksräten« kontrollierten kurdischen Siedlungsgebieten Syriens zu schweren Gefechten mit den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG). Nach Angaben der YPG wurden dabei Hunderte islamistische Kämpfer getötet. So starben Mitte der Woche bei einem Gegenangriff der YPG in der strategisch wichtigen Region Tel Halaf 18 Dschihadisten. Bei vielen der islamistischen Kämpfer handelt es sich um Ausländer, wie von der YPG in einem eroberten Al-Qaida-Stützpunkt in Serekaniye gefundene US-amerikanische und türkische Ausweise sowie Personaldokumente aus verschiedenen arabischen Staaten zeigen.

Die Dschihadisten drangsalieren auch die Zivilbevölkerung. So meldete am Mittwoch selbst das den syrischen Regierungsgegnern nahestehende »Observatorium für Menschenrechte« in London, daß die »Gotteskrieger« 200 Zivilisten aus zwei Dörfern bei Aleppo als Geiseln verschleppt haben. Am Dienstag wurde der prominente kurdische Politiker Isa Husa bei einem mutmaßlich von den Dschihadisten begangenen Autobombenanschlag vor seinem Haus in Qamislo getötet. Husa, der sich 1984 der kurdischen Freiheitsbewegung angeschlossen hatte, war Mitbegründer der PYD und gehörte der diplomatischen Kommission des »Hohen Kurdischen Rates« an. An seiner Beerdigung beteiligten sich Zehntausende Menschen. Auch in kurdischen Städten der Türkei kam es nach dem Mord zu Protesten. Die YPG rief die Bevölkerung zur Mobilmachung gegen die »Kräfte der Dunkelheit« auf. »Jeder, der in der Lage ist, Waffen zu tragen, soll in die Reihen der Selbstverteidigungseinheiten des kurdischen Volkes eintreten und sich diesen Angriffen der bewaffneten Banden entgegenstellen.«

Das Hauptquartier der YPG bezichtigt auch die vom Westen und den Golfmonarchien hochgerüstete »Freie Syrische Armee« (FSA) der Kooperation mit den Dschihadisten. Die FSA sowie die Al-Nusra-Front und ISIS »bilden eine Front bei den Angriffen auf das kurdische Volk«, hieß es in einer Erklärung.

Der Vorsitzende des Militärrates der FSA von Aleppo, Abdulcabbar Al-Akidi, nannte seinerseits in der vergangenen Woche im türkischen Gaziantep (etwa 50 Kilometer vor der syrischen Grenze) während eines Treffens von 70 FSA-Kommandeuren die PYD eine »Regimeanhängerin« und drohte den nach Selbstverwaltung strebenden Kurden, die FSA werde keinen Fußbreit syrischer Erde preisgeben. »Wir sind viel stärker als die PYD, aber wir konzentrieren uns zunächst auf Assad«, tönte der FSA-Kommandeur.

junge Welt 2.8.2013

Syrien/Westkurdistan: Angriffe Al-Qaida naher Gruppen auf kurdische Selbstverwaltung

Islamistische Gruppen greifen westkurdische Städte an – Schwere Gefechte zwischen kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und islamistischer Gruppen – nahezu 300 kurdische Zivilisten als Geisel genommen – Grenzstadt Serê Kaniyê von Stromzufuhr abgeschnitten – Ranghoher kurdischer Politiker ermordet

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Die gewaltsamen Auseinandersetzungen die am 16. Juli 2013 nach einem Angriff islamistischer Gruppen, darunter der Al-Qaida nahestehenden Al-Nusra-Front, auf die westkurdische Stadt Serê Kaniyê (Ras al-Ain), haben sich in den letztes Wochen nun auf mehrere zumeist oder teilweise kurdische bewohnte Städte und Orte nahe der türkisch-syrischen Grenze ausgeweitet. Die islamistischen Gruppierungen verüben hierbei immer wieder Kriegsverbrechen wie Entführungen und Tötungen von ZivilistInnen, Bombardierung von Stadtteilen, ethnisch bedingte Vertreibung sowie Folter. Der YPG zufolge wurden bei Kämpfen dutzende Mitglieder der islamistischen Gruppierungen und sechs Mitglieder der YPG getötet.

In einer Erklärung des Pressezentrums der YPG vom 01. August heißt es, dass es gestern zu schweren Kämpfen zwischen der YPG und islamistischer Gruppen, darunter der Al-Qaida- nahestehenden ‚‘Al-Nusra Front'‘ und „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ gegeben hat. Bei den Gefechten die in den westkurdischen Städten Tirbespiye (al-Qahtaniya), Girke Lege (Al-Ma‘bada) und Til Ebyed (Girê Spî) stattfanden, wurden demnach sechs Mitglieder der YPG und 69 Mitglieder der islamistischen Gruppen getötet und 20 verletzt.

Angriffe auf kurdische Zivilbevölkerung

Nach den schweren Verlusten der islamistischen Gruppen, haben Kämpfer der Al-Nusra-Front und der Gruppe ‚‘Islamischer Staat im Irak und Syrien'‘ nun mit Angriffen auf die kurdische Zivilbevölkerung begonnen. Sie belagerten und eroberten die Dörfer Tel Hasıl (Tall Hassel) und Tel Aran (Tall Aren) im Osten der Provinz Halep (Aleppo) und töteten mit Panzer-, Mörser- und Artillerieangriff über 50 Zivilisten und haben über 300 kurdische Zivilisten als Geiseln genommen. Weitere Informationen über die Situation in den Dörfern werden verhindert, da die islamistischen Gruppen die Telefonleitungen abgeschnitten haben. Die El-Ekrad-Front (bewaffnete kurdische Einheiten, die außerhalb der westkurdischen Siedlungsgebiete agieren) berichtet, dass es massakerartige Übergriffe auf die Kurden in dieser Region gebe. Die Meisten der getöteten und entführten Zivilisten seien Angehörige und Familienmitglieder der Kämpfer der El-Ekrad-Front.

Auch die Grenzstadt Serê Kaniyê wurde zum Ziel der Al-Nusra-Front. Die islamistische Gruppe übernahm am Donnerstag (01.08.2013) die Kontrolle über die Strom-Hauptleitung und hat die Stromzufuhr nach Serê Kaniyê abgebrochen. Dadurch ist es zu Problemen bei der Trinkwasserversorgung in der Stadt gekommen.

Am 30. Juli wurde zudem das ranghohe und prominente Mitglied des Kurdischen Hohen Rats Isa Huso, durch eine Autobombe in der westkurdischen Stadt Qamişlo (Qamishli) getötet. Zu der Tat hat sich bisher niemand bekannt. Allerdings werden islamistischen Gruppen hinter der Tat vermutet.

Warum kam es zu den Auseinandersetzungen?

Die schweren Auseinandersetzungen zwischen den islamistischen Gruppen und den KurdInnen entbrannten, nachdem die Mitglieder der Al-Nusra-Front Mitte Juli eine Streife der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) angegriffen hatten. Doch es scheint, dass die islamistischen Gruppen mit diesem Angriff nur den Start für eine breit angelegte Operation gegen die kurdischen Gebiete gegeben haben. Während die Freie Syrische Armee (FSA) im Süden Syrien wichtige Gebiete gegen das Assad Regime verliert, haben die islamistischen Gruppen nun ihren Fokus auf den Norden Syriens und Westkurdistan gelegt. Als strategisch wichtig werden diese Gebiete auch deshalb erachtet, weil die Türkei weiterhin als Rückzugsgebiet und Versorgerin dieser Gruppen fungiert. So haben sich am 26. Juli rund 70 Kommandanten der FSA zu einer Versammlung unter der Gastgeberschaft der Türkei in Dîlok (Gaziantep) getroffen und dabei nicht nur das Assad-Regime sondern auch die Partei der Demokratische Union (PYD), die einflussreichste kurdische Partei in Syrien, zum Gegner erklärt. Auch berichteten Augenzeugen, dass bereits Mitte Juli mehr als 1000 bewaffnete Männer, vermutlich Kämpfer aus der Reihen der Islamisten, die türkisch-syrische Grenze in Richtung Serê Kaniyê passierten.

Laut unterschiedlichen Meldungen planten islamistische Gruppen, die in die Kämpfe gegen die KurdInnen involviert ist, nach dem Ende des Ramadans und nach erfolgter Einnahme der Provinz ar-Raqqah im Norden Syriens ein islamisches Emirat auszurufen. Die kurdischen Siedlungsgebiete sollten Teil dieses Emirates sein. So wird der großangelegte Angriff auf die bisher vergleichsweise ruhigen kurdischen Siedlungsgebiete in Syrien als Teil dieses Planes betrachtet.

Für weitere Informationen und Rückfragen stehen wir gerne unter der Nummer 069-84772084 zur Verfügung.

Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V.