Archiv für Juni 2013

„Lice widersteht – Gezi-Park widersteht!“

Proteste in der Türkei nach tödlichen Schüssen der Armee auf kurdische Demonstranten

Nach Schüssen der Armee auf Demonstranten in der kurdischen Provinz Diyarbakir ist es am Wochenende zu Protesten in mehreren Städten der Türkei gekommen. Am Freitag hatten Soldaten nahe der Stadt Lice das Feuer auf Hunderte Demonstranten eröffnet, die gegen den Ausbau eines Militärstützpunktes protestierten und dabei Zelte auf der Baustelle zerstört hatten. Durch die Schüsse wurden der 18-jährige Mehmet Yildirim getötet und zehn weitere Demonstranten zum Teil schwer verletzt. Trotz des Rückzugs der Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) aus der Türkei werden derzeit nach Informationen der prokurdische Partei für Frieden und Demokratie (BDP) 134 neue Polizei- und Militärposten in den kurdischen Landesteilen errichtet. Bei Protesten gegen diese weitere Militarisierung der Region wurden in den letzten Wochen teilweise Baufahrzeuge angezündet. Unterdessen meldete die Nachrichtenagentur Dogan, daß ein Offizier einer Spezialeinheit am Wochenende bei einer Straßenkontrolle von PKK-Aktivisten bei Lice aus seinem Wagen verschleppt worden sei.

Während in einigen kurdischen Städten Läden als Zeichen des Protestes geschlossen blieben, versammelten sich am Samstag in Istanbul Tausende Menschen auf dem Taksim-Platz, um gegen das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte auf friedliche Demonstranten zu protestieren. Auf Transparenten hieß es unter Bezugnahme auf die durch die geplante Bebauung des Gezi-Parks am Taksim ausgelösten wochenlangen Massenproteste gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung „Leiste Widerstand! Licê – Taksim ist mit dir“. Demonstranten mit türkischen Fahnen skandierten „Es lebe die Geschwisterlichkeit der Völker“. Der Protest richtete sich auch dagegen, daß sich ein Polizist, der vor drei Wochen in Ankara den Demonstranten Ethem Sarisülük erschossen hatte, aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Als die Polizei mit Wasserwerfern auffuhr, löste sich die Kundgebung auf. Danach griff die Polizei Demonstranten mit Gummigeschossen an und nahm mehrere Personen fest. In Ankara setzte die Polizei dagegen Gasgranaten ein, als Demonstranten der erschossenen Sarisülük und Yildirim gedachten. In Istanbul gingen am Samstag auch Tausende Fußballfans der Vereine Besiktas und Fenerbahce gegen die Regierungspolitik auf die Straßen. Dabei führten sie auch Transparente in kurdischer Sprache mit sich.

Auf der Beerdigungsfeier für Yildirm skandierten am Samstag in Diyarbakir Trauernde die Parole: „Pass auf, Erdogan, zwing uns nicht in die Berge!“ – gegenüber dem türkischen Ministerpräsidenten wurde so damit gedroht, sich im Falle eines Scheiterns des Friedensprozesses der Guerilla anzuschließen.
Am Sonntag behauptete die türkische Regierung, „Drogenhändler“ hätten den Protest gegen den Militärstützpunkt organisiert. Der Sprecher der islamisch-konservativen Regierungspartei Hüseyin Celik warnte unterdessen über Twitter seine „kurdischen Brüder“ vor einem „Komplott“ rassistischer Kräfte gegen den Friedensprozess. „Wenn die Regierung denkt, daß es sich hier um eine Provokation handelt, dann sollte sie den Kommandanten des Stützpunktes vom Dienst entfernen“, entgegnete der BDP-Vorsitzende Selahattin Demirtas darauf verweisend, dass es nicht die Demonstranten waren, die geschossen hatte.

Der Angriff auf die Demonstranten erfolgte zu einem Zeitpunkt, an dem der durch den Abzug eines Großteils der Guerilla aus der Türkei eingeleitete Friedensprozess ins Stocken geraten ist. So hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vergangene Woche erklärt, zentrale Forderungen der kurdischen Seite wie die Einführung kurdischsprachigen Schulunterrichts oder die Senkung der 10-Prozent-Hürde bei Parlamentswahlen ständen nicht auf der Agenda der Regierung. Am Sonntag leitete die BDP eine für die Sommermonate unter dem Motto „Regierung, geh` einen Schritt!“ geplante Kette von Demonstrationen in Dutzenden Städten der Türkei ein. So soll der Druck auf die AKP erhöht werden, Gesetzesreformen etwa zur Freilassung kranker politischer Gefangener einzuleiten. Doch in Diyarbakir wurde die Kundgebung vom Gouverneur verboten, die Polizei griff Tausende Demonstranten mit Gasgranaten an. Auch in mehreren anderen kurdischen Städten kam es am Wochenende zu Straßenschlachten nach Polizeiangriffen auf Demonstrationen.
Die PKK warnte unterdessen vor Provokationen staatlicher Konterguerillaeinheiten, die in Guerillauniformen gekleidet Zivilisten in den Provinzen Dersim und Bitlis bedrohten. So war am 26. Juni war das Dorf Kanoglu in Dersim aus Sturmgewehren beschossen worden.

Schluss mit der Repression in der Türkei und in Deutschland

Das Berliner Bündnis „Überall Taksim, überall Widerstand“ aus türkischen und deutschen Gruppen und Einzelpersonen verurteilt die heute bekanntgegebenen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen seitens der Bundesanwaltschaft und der Generalstaatsanwaltschaften Hamburg sowie Düsseldorf scharf.

Wie die Behörden am Mittwoch vormittag mitteilten, sind Privatwohnungen und Vereinsräumlichkeiten der Anatolischen Föderation in Duisburg, Dortmund , Berlin und Köln gestürmt worden, vier Personen wurden verhaftet. Unter den Festgenommenen befindet sich nach Angaben der Anatolischen Föderation auch deren Vorsitzende, Latife A. Vorgeworfen wird den Gefangenen die Unterstützung der revolutionären türkischen Gruppe DHKP-C. Die Ermittlungen laufen auf Grundlage des § 129b StGB, jenes Paragraphen, der die Unterstützung ausländischer „krimineller und terroristischer Vereiningungen“ unter Strafe stellt und der von Menschenrechtsorganisationen als Gesinnungsjustiz kritisiert und abgelehnt wird.

Wir fordern die sofortige Freilassung der Inhaftierten und bringen zum Ausdruck, dass uns das Verhalten der Behörden, gerade auch im Hinblick auf die Repressionswelle in der Türkei, zutiefst irritiert. Während die AKP-Regierung in Ankara ihre Angriffe auf die eigene Bevölkerung fortsetzt, leisten die deutschen Behörden nun Schützenhilfe, indem sie Oppositionelle in der Bundesrepublik kriminalisieren und verfolgen. Wir werten diese Attacke als direkten Angriff auf die Solidaritätsbewegung mit dem Aufstand in der Türkei. Auch wenn die Bundesregierung sich verbal von Premierminister Tayyip Erdogans brutalem Vorgehen gegen die Demonstranten in der Türkei mit tausenden Verletzten und mindestens vier Toten distanziert, zeigt sie doch mit solchen Aktionen, auf welcher Seite der Barrikade sie tatsächlich steht.

Pressemitteilung, 26.Juni 2013, Berlin

Friedensprozeß stockt

Kurdische Politiker und Guerillakommandanten fordern von der türkischen Regierung Schritte zur Entspannung und zur Demokratisierung des Landes

Von Nick Brauns

Drei Monate nach dem Aufruf des Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, Abdullah Öcalan, die Guerilla zugunsten einer politischen Lösung aus der Türkei zurückzuziehen, beklagen kurdische Politiker und Guerillakommandanten ein Stocken des Friedensprozesses. Mit dem seit dem 8. Mai laufenden und noch bis Herbst andauernden Rückzug der Guerilla aus der Türkei habe die kurdische Seite den ersten Schritt getan. »Die zweite Etappe ist nun die Aufgabe der Regierung«, erklärte der Vorsitzende der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP), Selahattin Demirtas am Wochenende gegenüber der Presse. Die BDP fordert Gesetzesinitiativen für eine Demokratisierung des Landes wie die Abschaffung der Zehn-Prozent-Hürde bei Wahlen und Verfassungsgarantien für den Gebrauch der kurdischen Sprache. Bei einem Treffen mit der BDP-Fraktion sicherten Regierungsvertreter in der vergangenen Woche lediglich zu, daß sie an Verfassungsänderungen arbeiten, Details wollten sie aber nicht nennen.

»Mit einer Mentalität, die der demokratischen Politik keine Luft zum Atmen läßt, können wir keinen Weg gemeinsam bestreiten«, beklagt Demirtas unter Verweis auf die Polizeigewalt gegen die von der BDP begrüßten Massenproteste gegen die islamisch-konservative AKP-Regierung in den letzten Wochen. Die BDP kritisiert zudem, daß die Isolationshaft von Öcalan, der seit fast zwei Jahren seine Rechtsanwälte auf der Gefängnisinsel Imrali nicht mehr empfangen durfte, ebenso andauert, wie die »Geiselpolitik« des Staates bezüglich der seit Jahren in Untersuchungshaft sitzenden rund 8000 kurdischen Politiker, darunter Bürgermeister, Parlamentsabgeordnete und Stadträte. Im Zuge der derzeit in Istanbul und Diyarbakir laufenden Massenprozesse gegen prokurdische Journalisten, Rechtsanwälte und Politiker kamen vergangene Woche lediglich sieben Anwälte Öcalans aus der Untersuchungshaft frei.

»Es ist an der Zeit, praktische Schritte einzuleiten«, forderte auch der Vorsitzende des Exekutivrates des PKK-Dachverbandes der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK), Murat Karayilan, im Interview mit der Agentur Firat Gegenleistungen des Staates zum Rückzug der Guerilla. »Der Prozeß kann nicht auf einem Bein vorankommen.« Die PKK erwartet als Zeichen der Ernsthaftigkeit der Regierung noch vor der parlamentarischen Sommerpause eine Justizreform, durch die zumindest die über 400 kranken politischen Gefangenen freikommen, von denen nach Angaben des Menschenrechtsvereins IHD 122 an der Schwelle zum Tod stehen. Die jüngsten Verhaftungswellen gegen Mitglieder der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP) und der Partei der Sozialistischen Demokatie (SDP) im Zusammenhang mit den Massenprotesten gegen die AKP-Regierung in Istanbul und Ankara bewerte die PKK »wie einen Angriff gegen uns«.

»Wenn sie an ihrer Verleugnungspolitik, an ihrer kolonialen Politik festhalten wollen, ist das für uns ein Grund zum bewaffneten Widerstand«, warnte Karayilan die Regierung. Vergangene Woche wurde nach Angaben der Armeeführung ein Kampfhubschrauber in der Provinz Hakkari von PKK-Kämpfern unter Beschuß genommen. Dies war der zweite bewaffnete Zwischenfall seit Beginn des durch Militär­operationen immer wieder behinderten Rückzuges der Guerilla. Die PKK sicherte eine Aufklärung des Vorfalls zu, warnte aber vor einer »Sabotage« des Friedensprozesses. »Während wir unsere Kräfte zurückziehen, füllen sie die Gebiete mit Soldaten«, erklärte Karayilan unter Verweis auf den Neubau von Militärstützpunkten in den kurdischen Landesteilen und die Rekrutierung neuer Dorfschützermilizen. »Die Regierung bereitet sich auf den Krieg vor«. Am Sonntag beteiligten sich in der Provinz Sirnak Tausende Menschen trotz zahlreicher mit Panzerwagen aufgefahrener Soldaten an einem Protestmarsch der BDP gegen den Neubau von Militärstützpunkten. Die Partei hat zudem Beobachterzelte in den Bergen errichtet, um so einen ungestörten Rückzug der Guerilla abzusichern.

junge Welt 25.6.13

22. Juni Dortmund: Zilan-Frauenfestival

Liebe FreundInnen,

am Samstag, den 22. Juni 2013 veranstalten wir unter dem Motto „Wir sind
alle Sara: Grenzenlos, entschlossen und frei!“ das 9. Zilan Frauenfestival
im Dortmunder Wischlingenpark.
Eingang: Höfkerstraße 12, 44 149 Dortmund (Parkplätze befinden sich am
Wischlingerweg)

Wir kommen zusammen, um…

…. die lückenlose Aufklärung der Morde an den drei kurdischen Politikerinnen
Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Saylemez zu fordern. Wir wollen
Gerechtigkeit!

… unsere Solidarität mit den Menschen auszudrücken, die im Gezi-Park und auf
dem Taksim-Platz in Istanbul, in den verschiedenen Städten der Türkei und
Kurdistans gegen Umweltzerstörung, Polizeigewalt und jegliche Form der
Unterdrückung Widerstand leisten. Taksim ist überall – überall ist
Widerstand!

… als Frauen unseren gemeinsamen Kampf gegen Feminizid zu stärken und den
Freiheitskampf von Frauen in allen Teilen der Welt zu würdigen. Gegen
Rassismus, Sexismus, Krieg und Kapital kämpfen Frauen international!

… die Kultur und Musik von Frauen zu genießen und uns davon inspirieren zu
lassen.

… um den Austausch und unsere Bündnisse zum Aufbau gesellschaftlicher
Alternativen, für eine demokratische, ökologische und geschlechterbefreite
Welt zu intensivieren.

Das Festivalprogramm besteht aus 2 Teilen:

10 – 13 Uhr Veranstaltungen in verschiedenen Zelten: Lesungen im
Literaturzelt; Podiumsdiskussion zur „Rolle von Frauen in Friedensprozessen“
mit Pervin Oduncu (HDK, Demokratiekongress der Völker / Türkei), Iraide
Lejarreta (Vertreterin der neuen baskischen Partei Sortu / Baskische
Abertzale Linke), Gönül Kaya (Kurdische Politikerin und Kolumnistin)

13 – 18 Uhr Bühnenprogramm:

· Musik von den Künstlerinnen Deniz Deman, Rhythmusgruppe „Koma Tiliyên Sor“,
Xana Zaze, Lale Kocgün, Chopy, Natalia und Nûarîn sowie ein Liedbeitrag
von Marion Schmidt: „Meinen drei kurdischen Schwestern: Leyla, Sakine, Fidan“

· Redebeiträge der Angehörigen von Sakine, Fidan und Leyla;
BDP-Abgeordneten Emine Ayna; Ayten Kaplan, DieLinke-Kandidatin für die
Bundestagswahl 2013, Grußbotschaften verschiedener Frauenorganisationen
geben u.a. von der Kurdischen Frauenbewegung; ADKH – Avrupa Demokratik Kadin
Hareketi; Frauenverband Courage; feministisches Kollektiv Gatamaula aus
Katalonien; Teilnehmerin einer Solidaritätsdelegation zum Taksim-Platz.

Wir freuen uns auf Euer Kommen.

Mit solidarischen Grüßen

Die Cenî Frauen

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CENÎ
Kurdisches Frauenbüro für Frieden e.V.
Kurdish Women’s Office for Peace
Buroya Aşitîyê ya Jinên Kurd

Corneliusstrasse 125
D – 40215 Düsseldorf
Germany

Tel.: +49 (0)211 598 92 51
Fax: +49 (0)211 598 92 53
E-mail: ceni_frauen@gmx.de
www.ceni-kurdistan.com

22.Juni Köln – Großdemo – Überall ist Taksim

Überall ist Widerstand. SCHLUSS MIT ERDOGANS DIKTATUR!

DEMOKRATIE UND MEINUNGSFREIHEIT SOFORT!
Samstag (22.06.) – 12:00 Uhr – Köln (Heumarkt)

-Pressemitteilung-

Mit großer Härte ließ der türkische Ministerpräsident Erdoğan jüngst den besetzten Gezi-Park, eine der letzten Grünflächen im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu, räumen. Die äußerst unverhältnismäßige Polizeigewalt mit Tränengas, Gummigeschossen und Bulldozern hatte bislang den Tod von 4 Menschen und Tausenden Verletzten zur Folge. So wurde auch die Vorsitzende der Partei Bündis 90 / Die Grünen, Frau Claudia Roth, Opfer des brutalen Vorgehens der türkischen Polizei. Zu aktueller Stunde werden Zelte, in denen kranke und alte Menschen betreut werden, mit Gasbomben angegriffen, Anwälte und Ärzte verhaftet und die Medien massiv eingeschüchtert. Insbesondere die junge Generation in der Türkei ist mit dieser autoritären Politik nicht mehr einverstanden und geht deshalb in allen Teilen der Türkei auf die Straßen.

Wir Demokraten demonstrieren bereits seit Wochen auf lokaler Ebene in Dutzenden Städten unserer Bundesrepublik gegen die autoritäre und diktatorische Politik der türkischen islamistisch-konservativen Regierungspartei AKP und ihres Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan.

Am Samstag (22.06.) organisiert die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. nun eine europaweit zentrale Großkundgebung, zu der wir mindestens 30.000 Menschen erwarten. Es geht uns um ein Zeichen für Menschenrechte, Demokratie und Toleranz. Politiker, wie Sigmar Gabriel und Gregor Gysi, sowie der Stv. Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, haben bereits ihre Teilnahme zugesagt bzw. angedeutet. Wir sprechen unsere Solidarität mit der friedlichen Bürgerbewegung in der Türkei aus. „Schluss mit der autoritären Bevormundung und der Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten in der Türkei!“ An den Grenzen von Europa darf kein islamistischer Terrorstaat entstehen, der seine Bevölkerung systematisch unterdrückt.

Wir fordern daher den Autokraten Tayyip Erdoğan und die AKP zum sofortigen Rücktritt auf!

Alevitische Gemeinde Deutschland e.V.

„Taksim ist überall und überall ist Widerstand” – Der Kampf um Demokratie ist ein weltweiter Kampf!

Aufruf des Aktionsbündnis “Taksim ist überall und überall ist Widerstand”

Aus dem Protest gegen den Bau eines Einkaufszentrums wurde ein Kampf um Demokratie. Als eine Gruppe von UmweltaktivistInnen, antikapitalistische GentrifizierungsgegnerInnen, FeminstInnen, antirassistische Gruppen und kurdische BDP-Abgeordnete Ende Mai begannen, den Gezi-Park zu besetzen, konnte niemand ahnen, was folgen würde. Wenige Tage später schon versammelten sich Hunderttausende auf dem benachbarten Taksim-Platz. Die Demonstrationen weiteten sich auf andere Städte der Türkei aus. Jetzt ging’s ums Ganze. Staat und Polizei zeigten sofort, dass sie das begriffen hatten.

Tausende von Verletzten und mindestens vier Tote waren die Folge. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni kam es zu Polizeiangriffen von ungeheuerlicher Brutalität. Einen ganzen Tag lang wehrten sich die Menschen auf den Plätzen, in der Nacht darauf schlug die Polizei erneut zu. Ministerpräsident Erdogan sprach nicht mehr nur von „Çapulcu“ (Marodeuren), sondern offen von „Terroristen“ – und davon, dass „niemand davon kommen“ werde. Den Kampf um Demokratie haben Erdogan und seine uniformierten Banden nicht ersticken können, im Gegenteil: Er wird weitergeführt, in der Türkei, in Kurdistan und überall!

Weltweit gleichen sich die Bilder. Frankfurt und Istanbul, Tunis, Kairo, Athen, New York, Madrid, Teheran, Aleppo und Qamishli. Tausende, Zehntausende, Hunderttausende sind nicht länger bereit, sich Mächten und Verhältnissen zu beugen, die ihnen nicht nur das Einkommen, die Wohnung, den Zugang zu Bildung und Gesundheit, ihre in Jahrzehnten erkämpften sozialen und politischen Rechte, sondern schlicht die Luft zum Leben und die Aussicht auf ein Leben in Würde rauben.

In Deutschland sind wir weit von Istanbuler Verhältnissen entfernt. Und doch haben wir vor gerade eben zwei Wochen in Frankfurt Szenen erlebt, die denen des Taksim-Platzes ähneln. Neun Stunden lang kesselten Polizeikommandos über 900 Menschen ein. Wie auf dem Taksim-Platz stürzten sich auch hier uniformierte Schläger zu dritt, zu viert auf einzelne DemonstrantInnen, versprühten ohne Rücksicht auf Alte und Kinder Pfefferspray, knüppelten gezielt JournalistInnen nieder, griffen AnwältInnen an. Doch auch hier wurde der Kampf um Demokratie nicht gebrochen, im Gegenteil: Auch hier hat er gerade erst begonnen.

Auf dem Taksim-Platz hat sich dazu eine Allianz gebildet, die vor kurzem so nicht vorstellbar war: Rote Fahnen der türkischen Linken in einer Reihe mit den gelben Fahnen der kurdischen PKK, mit den schwarz-roten und lila Fahnen der AnarchistInnen und FeministInnen. Mittendrin, die eine neben der anderen, Fahnen der politischen Ultras von Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas Istanbul. Die vereinigte kurdische und türkische Linke des Taksim-Platzes wird eine neue politische Kraft, wird eine andere, eine neue Linke sein.

Auch die Blockupy-Proteste in Frankfurt werden von einer Allianz getragen, die noch jung und ungewöhnlich ist: dem breiten Bündnis einer neuen emanzipativen Bewegung. Darin sind beide Allianzen, die von Frankfurt und die von Istanbul, das Echo anderer Aufbrüche: der von Tunis, Kairo, Athen, New York, Madrid und Teheran und vieler anderer Städte überall auf der Welt. Ihr Kampf, unser Kampf ist ein weltweiter Kampf, und er wird überall ausgefochten!

Deshalb rufen wir alle gemeinsam dazu auf, sich auch auf den Plätzen deutscher Städte zu versammeln, heute, morgen und am kommenden Samstag (Termine siehe unten) und bei vielen weiteren Initiativen in den nächsten Wochen und Monaten. Weil wir wissen, dass die deutsche Regierung Mitverantwortung für den brutalen Angriff auf die Aufstände in der Türkei hat, richten sich unsere gemeinsamen Forderungen gleichermaßen an die deutsche und türkische Regierung:

Wir unterstützen die Forderungen des BesetzerInnenrates des Geziparks: für einen Baustopp, für das Ende der Polizeigewalt und das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, die Freilassung aller politischen Gefangenen und die Bestrafung der verantwortlichen Politiker und Polizisten.

Stoppt alle Rüstungsexporte der deutschen Waffenindustrie und der deutschen Regierung an die Türkei und in alle Kriegsgebiete auf der ganzen Welt.
Der Krieg beginnt hier, lasst uns ihn auch hier in den Metropolen stoppen!

Keine Aufrüstung der türkischen Polizei mit modernen Aufstandsbekämpfungs-mitteln – stoppt die Lieferungen von CS-Kampfgas an die türkische Polizei!

Weg mit dem Frontex-Grenzregime – offene Grenzen für alle Menschen – Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht für alle

Gegen die Troika und die europäische Krisenpolitik!

Für einen neuen Internationalismus: „Sie wollen Kapitalismus ohne Demokratie – wir wollen Demokratie ohne Kapitalismus!“

Wir rufen deshalb zu Demonstrationen auf

Aktionsbündnis “Taksim ist überall und überall ist Widerstand”
am Donnerstag, den 13. Juni 2013 (gegründet am Mittwoch, den 12. Juni 2013)

„Taksim ist überall – und überall ist Widerstand”
ist eine Initiative von

* Bundesweites Bündnis Blockupy Frankfurt 
und
* Almanya demokratik güc birligi platformu
/Demokratisches Plattform-Bündnis – eine neue Vereinigung aus linken türkischen, kurdischen, alevitischen und vielen migrantischen Organisationen aus der Türkei und Kurdistan, die sich im Herbst 2012 gegründet hat

sowie
* Verband der Studierenden aus Kurdistan – YXK,
* Yek-Kom, Föderation kurdischer Vereine in Deutschland
* il – Interventionistische Linke
* Ceni, Kurdisches Frauenbüro für Frieden
*DIDF – Föderation Demokratischer Arbeitervereine
*ATIF – Föderation der Arbeitsimmigranten in Deutschland
*ATIK – Konföderation der Arbeiter aus der Türkei in Europa
* Yeni Demokratik Genclik (YDG)/Neue Demokratische Jugend
*No Troika Rhein-Main

sowie Aktivist/Innen aus attac, Die Linke, FreundInnenkreis Andrea Wolf und Netzwerk Friedenskooperative

weitere UnterstützerInnen bzw. interessierte Bündnispartner bitte E-Mail schicken an: netzwerk@notroika.org

Taksim-Widerstandscamp am Kottbusser Tor

Seit dem 12.Juni gibt es am Kottbusser Tor ein „OccupyGezi“ Widerstandszelt, was als zentraler Anlaufpunkt in Berlin für die Solidarität mit den Freund_innen in der Türkei dienen soll. Jeden Abend finden dort Kundgebungen, Konzerte und Aktionen ab 19 Uhr statt.

Seit dem 31.Mai findet in der Türkei ein Aufstand gegen die autoritäre Politik der Erdogan-Regierung statt. Täglich kommt es in dutzenden Städten zu Massendemonstrationen, Platzbesetzungen und militanten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Diese geht mit massiver Gewalt gegen die Aufständischen vor. Es wird von über 2000 ernsthaft Verletzten, mehrere tausend Inhaftierungen und zwischen 3 und 8 Toten Demonstranten berichtet. Immer wieder setzt die Polizei scharfe Munition ein. Am Dienstag, den 11.Juni griff die Istanbuler Polizei das Protestcamp am Taksim-Platz, das Zentrum und Symbol der Protestbewegung geworden ist und räumte es mit massiver Gewalt. Die Schlacht um den Platz dauerte fast den ganzen Tag, dabei wurden über 400 Menschen verletzt. Am Abend des 15.Juni stürmte die Polizei dann auch mit einem Grossaufgebot das Protestlager im Gezi-Park. Weltweit gehen Menschen auf die Strasse um den Aufständischen ihre Solidarität auszudrücken.