Neue Konfliktlinie

Kämpfe zwischen linken und islamistischen Studenten an kurdischer Universität

Von Nick Brauns

Mehrtägige Auseinandersetzungen zwischen linksgerichteten und islamistischen Studenten an der Dicle-Universität der kurdischen Metropole Diyarbakir im Südosten der Türkei zeigen eine neue innerkurdische Konfliktlinie an. Ausgelöst wurden die bis Mitte der Woche andauernden Kämpfe, als Studenten aus dem Umfeld der illegalen sunnitischen Hisbollah am Montag für eine Veranstaltung zum Geburtstag des Propheten Mohammed an der Universität warben und dabei linke Studenten attackierten. Letztere faßten das Auftreten der Hisbollah als Provokation an der traditionell als Hochburg der kurdischen Befreiungsbewegung geltenden Universität auf. Schließlich hatte die sunnitische Organisation, die mit der schiitischen Partei im Libanon nur den Namen gemeinsam hat, in den 90er Jahren als Teil der staatlich geförderten Konterguerilla Tausende kurdische Zivilisten ermordet.

Ein Protestmarsch des Hochschulbundes der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie (BDP) gegen die Provokation wurde am Dienstag von der Polizei verboten und die Studenten aus Hubschraubern mit Gasgranaten beworfen, während die Hisbollah-Anhänger ihre Angriffe auf die Linken mit Steinen und Flaschen fortsetzten. Trotz eines Vermittlungsversuches kam es am Mittwoch erneut zu Auseinandersetzungen, bei denen mehrere Studenten durch Messerstiche verletzt wurden. Mindestens 60 linksgerichtete Studenten wurden bislang festgenommen. Während die Polizei mit Panzerwagen auf dem Universitätsgelände aufgefahren ist, hat die Universitätsleitung den Unterricht bis zur kommenden Woche ausgesetzt. Auch an der Technischen Hochschule des Mittleren Ostens in Ankara kam es am Mittwoch zu stundenlangen Straßenschlachten, als die Polizei eine Solidaritätskundgebung linker Studierender auflöste.

BDP-Vertreter solidarisierten sich mit den attackierten linken Studenten. Sie verurteilten die Auseinandersetzungen als Provokation gegen die laufenden Bemühungen, die kurdische Frage zu lösen. Der BDP-Vorsitzende Selahattin Demirtas appellierte an die Parteibasis, sich nicht provozieren zu lassen. Hier herrscht insbesondere unter Alewiten die Sorge, daß die kurdische Befreiungsbewegung im Zuge des laufenden Friedensprozesses zu große Zugeständnisse gegenüber islamischen Gruppierungen machen könnte. So hatte PKK-Chef Abdullah Öcalan in seiner Erklärung zum Newroz-Fest »das ungefähr tausendjährige Zusammenleben mit den Kurden unter der Flagge des Islam« hervorgehoben. Gleichwohl hat sich Öcalan immer von einem Mißbrauch der Religion zu politischen Zwecken distanziert und die rechtliche Gleichstellung der Alewiten und anderer Minderheiten gefordert.

Im Jahr 2000 hatte die Polizei die zunehmend unkontrollierbare Hisbollah vorübergehend zerschlagen. Doch angeleitet von einigen nach Deutschland geflohenen Führungskadern etablierte sich die Vereinigung während der vergangenen Jahre erneut als Wohltätigkeitsorganisation in den armen Stadtvierteln kurdischer Großstädte. Mehrfach mobilisierte die Hisbollah in Diyarbakir bis zu 80000 Menschen etwa zu Protesten gegen die Mohammed-Karrikaturen oder zu öffentlichen Koranlesungen. Ende letzten Jahres wurde von Hisbollah-Anhängern die Hür Dava Partisi (Hüda-Par) gegründet, die sowohl auf das Wählerpotential der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP als auch der BDP zielt. Bislang herrschte zwischen der kurdischen Befreiungsbewegung und der Hisbollah ein unerklärter Waffenstillstand, der nun in die Brüche zu gehen scheint.

junge Welt 12.4.2013


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