»Unsere Ehre ist unsere Freiheit«

Die Morde an drei kurdischen Revolutionärinnen in Paris zielten auf den ­aktivsten Teil der Freiheitsbewegung

von Ulla Jelpke

Am 9. Januar wurden drei kurdische Revolutionärinnen in Paris brutal ermordet. Die letzte noch lebende weibliche Mitbegründerin der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Sakine Cansz, die Diplomatin Fidan Dogan und die junge Aktivistin Leyla Söylemez wurden in den Räumen des Kurdistan-Informationsbüros durch Kopfschüsse regelrecht hingerichtet.

Wenige Wochen nach dem Attentat präsentierten die französischen Ermittlungsbehörden den verhafteten Tatverdächtigen Ömer Güney. Güney hatte sich als einfaches Mitglied eines kurdischen Kulturvereins in Paris das Vertrauen der Aktivistinnen erschlichen. Journalisten der kurdischen Agentur Firat fanden heraus, daß Güney Verbindungen zu den faschistischen Grauen Wölfen unterhält. Ein nun im Schweizer Exil lebender ehemaliger V-Mann des türkischen Geheimdienstes MIT erklärte gegenüber der kurdischen Presse, ihm sei während seiner Agentenzeit ein Bild von Güney mit dem Hinweis gezeigt worden, dies sei »unser Mann in Paris«, der in die kurdische Gemeinde eingeschleust würde. Im vergangenen Jahr hatte die türkische Regierung darüber beraten, Kopfgelder in Millionenhöhe für die Tötung hochrangiger PKK-Kader auszusetzen. So spricht viel dafür, daß der mutmaßliche Mörder im Auftrag des türkischen Staates gehandelt hat.
Einschüchterung als Ziel
Viele Kurden glauben, daß es kein Zufall war, daß es drei Frauen und nicht etwa ebenfalls in Europa lebende männliche Politiker traf. Die Frauen als aktivster Teil der kurdischen Befreiungsbewegung sollten eingeschüchtert werden. Insbesondere Sakine Cansz, die als kurdische Rosa Luxemburg gilt, war eine Symbolfigur des Frauenbefreiungskampfes. Die in der traditionell rebellischen Provinz Dersim geborene Cansz, die 1978 zu den Gründungsmitgliedern der PKK gehörte, war jahrelang in der Türkei inhaftiert. Trotz schwerster Folter blieb sie ungebrochen.

Frauen wie ihr ist es zu verdanken, daß uns heute, wenn es um Kurdinnen geht, nicht nur die Stichworte Zwangsheirat und Ehrenmord einfallen, sondern daß wir auch an Guerillakämpferinnen, selbstbewußte Parlamentarierinnen und an die wohl mächtigste Frauenbewegung des Mittleren Ostens denken.

Als die PKK Mitte der 80er Jahre den bewaffneten Kampf gegen die koloniale Unterdrückung durch den türkischen Staat aufnahm, gehörten ihr nur wenige Frauen an. In der patriarchal geprägten und weitgehend feudal strukturierten kurdischen Gesellschaft war es keine Selbstverständlichkeit für Frauen, aus dem Haus zu gehen, geschweige denn, an Demonstrationen teilzunehmen und sich politisch zu engagieren. Das Ziel der 1978 gegründeten »Union der Patriotischen Frauen Kurdistans« bestand daher erst einmal in der Mobilisierung für den Befreiungskampf. Doch schon bei den Volksaufständen Anfang der 90er Jahre spielten Frauen, deren Männer häufig im Gefängnis saßen, eine führende Rolle. Paramilitärische Einheiten des Staates setzten nun Vergewaltigung gezielt ein – einerseits, um den Widerstand der Frauen zu brechen, andererseits, um die Männer zu treffen. Denn in der patriarchalen Gesellschaft definiert sich die Ehre des Mannes und seiner Familie über die Unberührtheit der Frau. Gegen diese Denkweise wandten sich die Kurdinnen mit ihrem Ruf »Wir Frauen sind niemandes Ehre – unsere Ehre ist unsere Freiheit!«.
Guerilleras
Mitte der 90er Jahre begann der Aufbau von nur aus Frauen gebildeten Guerillaeinheiten. Frauen sollten so die Möglichkeit zur eigenständigen Entwicklung, zu von Männern unabhängigem Handeln und damit zur Übernahme von Verantwortung und Führung bekommen. »Kämpfend befreien wir uns; befreiend verändern wir uns; verändert lernen wir, neu zu lieben«, beschrieben die Guerilleras ihr Selbstverständnis. Das Beispiel, das sie gaben, fand seinen Widerhall in den Städten und Dörfern, wo Frauen sich ebenfalls organisierten. Die Früchte dieses politischen Kampfes sind nun sichtbar. Bei den Kommunalwahlen vor vier Jahren wurden auf der Liste der inzwischen verbotenen prokurdischen Partei für eine Demokratische Gesellschaft (DTP) 16 Bürgermeisterinnen gewählt. Damit stehen in den als rückständig geltenden kurdischen Landesteilen mehr Frauen an der Spitze von Kommunen als in der gesamten übrigen Türkei. Innerhalb der mit über 30 Abgeordneten im Parlament vertretenen Partei für Frieden und Demokratie (BDP) gilt eine 40prozentige Geschlechterquotierung der Vorstände und eine quotierte Doppelspitze. Um ihr Konzept einer »demokratischen Autonomie« umzusetzen, bildet die BDP in den von ihr regierten Städten basisdemokratische Stadtteilräte, in denen Frauen ebenfalls stark vertreten sind. Dazu kommen reine Frauenräte.

BDP-regierte Kommunen haben zudem Beschlüsse verabschiedet, denen zufolge Männer, »die Brautgeld annehmen, Töchter nicht zur Schule schicken, in Vielehe leben oder in der Familie Gewalt ausüben«, ihres Amtes enthoben werden. In einigen kurdischen Orten wie beispielsweise in der Millionenstadt Diyarbakr sowie in Van und Urfa wird zudem versucht, durch den Aufbau von Frauenkooperativen, die handwerkliche oder landwirtschaftliche Produkte herstellen oder Restaurants und Bäckereien betreiben, gezielt Frauenarbeitsplätze zu schaffen. So soll die wirtschaftliche Abhängigkeit vieler Frauen von Ehemännern oder Vätern überwunden werden. Angesichts der ökonomischen Unterentwicklung und der hohen Erwerbslosigkeit sind solche Kollektive, die Einheitslöhne auszahlen, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch sie verstehen sich zugleich als Modell für ein besseres, freies und selbstverwaltetes Leben.
Zweifrontenkampf
Die kurdische Frauenbewegung, die inzwischen eng mit türkischen Organisationen kooperiert, führt einen Zweifrontenkampf nicht nur gegen die Unterdrückung durch den Staat, sondern auch gegen die vielfach religiös geprägten patriarchalen Strukturen der türkischen wie der kurdischen Gesellschaft. Damit gerät sie ins Fadenkreuz der neoliberal-konservativen AKP-Regierung, die sich mit ihrem Konzept des »politischen Islam« auch dem Rollback in Sachen Frauenrechte verschrieben hat. Offen erklärt Ministerpräsident Rezep Tayyip Erdogan das Kinderkriegen zur patriotischen Pflicht und fordert ein vollständiges Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen. Der Anteil berufstätiger Frauen ging während der zehnjährigen AKP-Herrschaft von 39 auf 24 Prozent zurück, während im gleichen Zeitraum selbst nach Angaben der Regierung die Fälle von Gewalt gegen Frauen um über 1000 Prozent anstiegen.

Vor diesem Hintergrund ist die kurdische Frauenbewegung besonderen Repressionen ausgesetzt. 40 Prozent der Opfer der seit 2009 rollenden Massenverhaftungswelle, von der bislang rund 8000 kurdische Politiker und zivile Aktivisten betroffen waren, sind Frauen. Gewerkschaftssekretärinnen sehen sich wegen der Organisation von Demonstrationen zum Internationalen Frauentag und Bürgermeisterinnen wegen der Umsetzung der Geschlechterquotierung in den Stadtverwaltungen dem Vorwurf der Terrorunterstützung ausgesetzt. »Wenn diese Frauen nicht mit ihren Kindern kurdisch sprechen würden, könnten wir die kurdische Sprache und Kurdistan längst vergessen«, führte die Parlamentsabgeordnete und feministische Aktivistin Sebahat Tuncel anläßlich einer Veranstaltung zum Frauentag 2012 aus. Genau deshalb seien die Kurdinnen »das größte Problem der AKP«.

Während konservative Gruppen in der kurdischen Bevölkerung bereit sind, für kulturelle Zugeständnisse der Regierung ihren Frieden mit dem türkischen Staat zu machen, wissen die in den letzten 20 Jahren immer stärker politisierten Frauen, daß sie unter dem AKP-System nur verlieren können. Faule Kompromisse auch im Rahmen eines von der Regierung verkündeten »Friedensprozesses«, der in erster Linie auf die Entwaffnung der PKK zielt, werden sie daher nicht eingehen. Die Schüsse auf Sakine, Fidan und Leyla zielten darauf, diese Widerstandskraft zu brechen. Doch die bis zu eine Million Menschen auf der Trauerfeier für sie in Diyarbakr haben deutlich gemacht, daß dieses Kalkül nicht aufgehen wird.

Aus: Feminismus, Beilage der jungen Welt vom 08.03.2013

»Die Freiheit wird gewinnen«
Sakine Cansz
Zu Anfang hatten wir (…)nur unseren Glauben daran, daß etwas falsch ist und daß wir etwas Richtiges wollen. Unsere Einstellung war: »Egal, auch wenn wir in diesem Kampf fallen, die Freiheit wird irgendwann gewinnen.« Es war so, daß alles Vorhandene uns gegenüber feindlich eingestellt war. (…) Von dem her war es notwendig, alles infrage zu stellen, alles noch einmal neu anzufangen. (…) Im Kern dieser Bewegung hat immer gestanden, auf Erfahrungsschätze zurückzugreifen (…). Das konnten die Erfahrungen von Frauenorganisationen oder von Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sein (…). Allerdings haben wir nie alles so übernommen, wie es andere gemacht haben (…) Wir haben uns dem Sozialismus nie sehr utopisch angenähert. Das war für uns nie irgendwas ganz weit Entferntes. Wir haben eher geguckt, wie lassen sich Sozialismus, Freiheit und Gleichheit verwirklichen? (…) Wir haben immer Hoffnungen und Utopien gehabt, die wir nicht auf zukünftige Generationen projizieren wollten. Statt dessen haben wir angefangen, unsere Utopien und Hoffnungen im Hier und Jetzt umzusetzen.

(aus: Widerstand und gelebte Utopien – Frauenguerilla, Frauenbefreiung und Demokratischer Konföderalismus in Kurdistan, Mezopotamien Verlag, Neuss 2012, S.76)


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