Im Zweifrontenkampf

Kurdische Milizen in Syrien kämpfen gegen Regierungstruppen und dschihadistische Rebellen

In der unmittelbar an der Grenze zur Türkei gelegenen syrischen Stadt Serekaniye kommt es seit einer Woche zu den bislang schwersten Gefechten zwischen dschihadistischen Gruppen und kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG. Bis zu 1500 Mitglieder von nach eigenen Angaben zur Freien Syrischen Armee gehörenden islamistischen Banden waren mit fünf Kampfpanzern über die türkische Grenze in die von Kurden und Arabern bewohnte Stadt eingedrungen. Bei den Gefechten wurden nach Angaben der YPG bislang über 100 Islamisten und sechs kurdische Milizionäre getötet sowie drei Panzer zerstört. Die Dschihadisten halten rund 40 entführte kurdische Zivilisten in ihrer Gewalt. Verletzte islamistische Kämpfer wurden von türkischen Krankenwagen über die Grenze in türkische Krankenhäuser gebracht. Vor zwei Monaten scheiterten erste Versuche von aus der Türkei eingedrungenen Dschihadisten, die Macht in Serekaniye zu übernehmen. »Die Türkei bietet diesen Gruppen viel Geld an, damit sie gegen die YPG und die kurdische Bevölkerung in den Krieg ziehen«, erklärte der Europavertreter der einflußreichen syrisch-kurdischen Partei für eine Demokratische Einheit (PYD) Hassan Mohamed Ali. So soll der Ausbau der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien verhindert werden.

Die über rund 10000 Kämpfer, darunter zahlreiche Frauen, verfügende YPG führt einen Zweifrontenkrieg. Auch mit syrischen Regierungstruppen kam es nahe der Stadt Girke Lege zu Gefechten. Die Besatzung einer von der örtlichen Bevölkerung umzingelten Kaserne hatte sich geweigert, die von kurdischen Volksräten kontrollierte Stadt zu verlassen. Nachdem am zehnten Tag der Belagerung der Kasernenkommandant Mehmed Sheker getötet wurde, hätten sich die 135 Soldaten ergeben, meldeten die YPG am Montag. Die Soldaten würden nun in ihre Heimatorte gebracht.

Rund zehn Städte in den als »Westkurdistan« bezeichneten kurdischen Enklaven entlang der syrisch-türkischen Grenze werden mittlerweile von Volksräten kontrolliert. Unterdessen verschlechtert sich die Versorgungslage in der Region dramatisch. Die Türkei läßt keine Lieferungen über ihre Grenze, während Kämpfer der Freien Syrischen Armee ihrerseits ein Embargo gegen die kurdischen Gebiete verhängt haben. Auch die kurdische Autonomieregion im Nordirak hat die Grenzen zu den Nachbarn geschlossen. Offenbar spekuliert der kurdische Präsident Masud Barsani darauf, daß sich die Bevölkerung bei zunehmender Nahrungsmittelknappheit von der PYD abwenden wird und er sich dann als Retter in der Not präsentieren kann.

junge Welt 23.1.2013


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