»Die Hälfte der Betroffenen bekommt gar nichts«

Der Ilisu-Staudamm im kurdischen Osten der Türkei wird zügig weitergebaut. 80000 Menschen betroffen. Ein Gespräch mit Ercan Ayboga

Ercan Ayboga ist Wasserbauingenieur und Sprecher der Kampagne zur Rettung von Hasankeyf

jw: Die staatlichen Exportrisikoversicherer Deutschlands, Österreichs und der Schweiz haben 2009 ihre Bürgschaften für den Bau des Ilisu-Großstaudamms am Oberlauf des Tigris im kurdischen Ort zurückgezogen, weil die Türkei die Auflagen für Umwelt- und Kulturschutz sowie Umsiedlungen nicht erfüllt hatte. Doch 2010 verkündete Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Weiterbau. Wer finanziert und baut nun den Damm, und wie weit ist der Bau fortgeschritten?

E.A.: 2009 hat die österreichische Andritz die Anteile von Züblin/BRD und Alstom/CH gekauft und ist somit führend am Bau beteiligt, zusammen mit vier türkischen Firmen. Die Kredite kommen von drei türkischen Banken.
Im August 2012 wurden nach über zwei Jahren die Umleitungstunnel für den Fluß fertiggestellt. Nach offiziellen Angaben soll der Bau Ende 2014 fertig sein; wir gehen von 2015 aus. Die Füllung des riesigen Stauraums dauert zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Vier Dörfer sind bis jetzt komplett umgezogen, die große Umsiedlungswelle hatte vor drei Monaten begonnen.

jw: Bis zu 80000 Menschen droht durch den Staudammbau die Vertreibung aus ihren Dörfern oder der Verlust ihres Ackerlandes. Welche Perspektiven haben diese Menschen?

EA.: Sie bekommen in der Regel eine im internationalen Vergleich geringe Geldsumme. Auch weil sie auf ihr neues Leben nicht vorbereitet werden, landen sie mittelfristig in der Armut. Es gäbe auch die Möglichkeit, sie anderswo anzusiedeln – da allerdings unklar ist, wovon sie dort leben sollen, entscheiden sich die meisten für eine finanzielle Entschädigung. Knapp die Hälfte der Betroffenen bekommt allerdings gar nichts, da sie kein Land besitzen und für Großgrundbesitzer arbeiten. Sie werden die größten Verlierer sein.

jw: Gehen die Proteste in der Türkei weiter?

E.A.: Die Initiative zur Rettung von Hasankeyf organisiert sich in diesen Wochen nach einer anderthalbjährigen Schwächephase neu und will im Frühjahr mit großen Protesten loslegen. Die Stagnation der Kampagne ist neben Motivationslosigkeit auch der allgemeinen Repression des türkischen Staates gegen die kurdische Demokratiebewegung geschuldet. Vielen Inhaftierten wird der Einsatz gegen den Staudammbau als Anklagepunkt vorgehalten.

jw: Neben rund 200 Dörfern wird durch den Staudammbau auch die mindestens 11000 Jahre alte Stadt Hasankeyf überflutet. Wie realistisch ist die von der Regierung versprochene Versetzung einiger historischer Bauwerke in einen archäologischen Park?

E.A.: Dieser Park ist nur eine Farce, er soll die Gemüter beruhigen. Alle diese Bauwerke werden unwiederbringlich verlorengehen. Es gibt bisher keine Pläne, wie die Umsetzung geschehen soll. Im März 2012 haben wir zusammen mit irakischen und iranischen Nichtregierungsorganisationen eine Petition an die UNESCO gerichtet, damit sie sich dafür einsetzt, Hasankeyf und die Mesopotamischen Sümpfe im Südirak zum Weltkulturerbe zu erklären. Wir haben bisher mehr als 60000 Unterschriften dafür gesammelt, aber die UNESCO schweigt bislang.

jw: Welche Folgen wird die Aufstauung des Tigris für das Nachbarland Irak haben?

E.A.: Mehrere Millionen Menschen werden davon betroffen sein, da die Türkei knapp die Hälfte des Flußwassers für sich behalten will. Die Trinkwasserversorgung der meisten Städte und die auf Bewässerung basierende Landwirtschaft hängen vom Tigris ab, und die erwähnten Sümpfe drohen auszutrocknen. Seit dem Sommer gibt es auch im Irak eine Kampagne gegen Ilisu – wir haben sie mit angestoßen. Es wird auch eine Klage gegen Andritz geprüft. Gemeinsam mit irakischen und iranischen Gruppen haben wir zudem das Netzwerk Ekopotamya gegründet, um grenzübergreifend gegen zerstörerische Großstaudämme und für eine gerechte Verteilung der Ressourcen zu kämpfen.

junge Welt 8.1.2013


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