Streit um Öl

Zwischen irakischen Kurden und Bagdad drohen Kämpfe um Kirkuk. Türkei und PKK droht unfreiwillige Allianz

Im Schatten der Kriege um Syrien und Gaza bahnt sich im Nahen Osten ein weiterer Konflikt an. Territoriale Streitigkeiten um die Erdölstadt Kirkuk drohen in bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der irakischen Zentralregierung in Bagdad und der kurdischen Regionalregierung in Erbil umzuschlagen.

Die außerhalb des kurdischen Autonomiegebietes gelegene Stadt Erbil, in deren Umland 13 Prozent der irakischen Ölvorräte vermutet werden, wird von den Kurden als das Herz Kurdistans angesehen. Über eine mögliche Angliederung der Region, in der neben einer kurdischen Mehrheit aufgrund einer massiven Arabisierungspolitik unter der Baath-Herrschaft von Saddam Hussein viele Araber und eine mit der Türkei verbundene turkmenische Bevölkerungsgruppe leben, soll laut Artikel 140 der irakischen Verfassung in einem Referendum entschieden werden. Eine solche Volksabstimmung wurde bislang jedoch von Bagdad auch auf Druck der Nachbarländer verhindert. Diese befürchten eine Verschiebung des zerbrechlichen Gleichgewichts in der Region zugunsten der Kurden.

Nachdem die bewaffnete Macht in Kirkuk bislang bei den kurdischen Peschmerga sowie einer multiethnischen Polizeitruppe lag, hat der irakische Ministerpräsident Nuri Al-Maliki die Stationierung eines neu aufgestellten Diyala-Kommandos der irakischen Armee in den sowohl von Kurden als auch Arabern bewohnten Provinzen Diyala, Kirkuk und Salahedin angeordnet. Daraufhin ereignete sich am Freitag vergangener Woche eine Schießerei mit zwei Toten, als diese Truppe versuchte, einen kurdischen Politiker in der Stadt Tus Chormato südlich von Kirkuk zu verhaften. Nachdem Maliki zu Wochenbeginn Panzereinheiten nach Tus Chormato geschickt hatte, kam es bei Tikrit zu einem Gefecht mit den Peschmerga. Dabei wurden 13 irakische Soldaten getötet. Der kurdische Präsident Masud Barsani hat nun Zehntausende dieser Kämpfer in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beschuldigte am Mittwoch Maliki, einen sektiererischen Bürgerkrieg im Irak zu provozieren. Ankara tätigt mittlerweile lukrative, aber von Bagdad abgelehnte Ölgeschäfte mit der kurdischen Regierung. Deswegen und wegen der Parteinahme der türkischen Regierung für die sunnitischen Regierungsgegner in Syrien herrscht zwischen der schiitisch dominierten Bagdader Regierung und Ankara Eiszeit. Sollte sich Erdogan in der Kirkuk-Frage auf die Seite Barsanis schlagen, könnte die Türkei plötzlich in eine Allianz mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) geraten. Deren Sprecher Ahmet Deniz hatte von den nordirakischen Kandilbergen aus erklärt, die Guerilla werde die kurdischen Errungenschaften verteidigen: »Wenn ein Tropfen Blut eines Peschmerga durch die Hände der irakischen Armee fließt, sind wir bereit, mit den Peschmerga Schulter an Schulter gegen die Soldaten des Irak zu kämpfen.«

Profitieren von den Spannungen im Irak könnte unterdessen die ehemalige Besatzungsmacht USA. US-Vizepräsident Joe Biden nannte bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der irakischen Armee und den Peschmerga laut kurdischen Medienberichten eine »rote Linie« und drohte eine erneute Stationierung von US-Streitkräften in Kirkuk an.

junge Welt 23.11.2012


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